daß man den Prater nicht verlassen durfte , ohne auf der Rutschbahn gefahren zu sein . Sie sausten durchs Dunkel , hinab und wieder hinauf , im dröhnenden Wagen , unter schwarzen Wipfeln ; und dem dumpf rhythmischen Lärm entklang für Georg allmählich ein groteskes Motiv im Dreivierteltakt . Während er mit den andern die Wendeltreppe hinabstieg , wußte er auch schon , daß die Melodie von Oboe und Klarinette gebracht und von Cello und Kontrabaß begleitet werden müsse . Offenbar war es ein Scherzo , vielleicht für eine Symphonie . » Wenn ich ein Unternehmer wäre « , erklärte Heinrich mit Entschiedenheit , » so ließ ich eine Rutschbahn bauen , viele Meilen lang , die ginge über Wiesen , Abhänge , durch Wälder , Tanzsäle ; auch für Überraschungen auf dem Weg wäre gesorgt . « Jedenfalls , so fand er weiter , wäre nun die Zeit gekommen , das phantastische Element im Wurstelprater zu höherer Entfaltung zu bringen . Er selbst hätte vorläufig die Idee für ein Ringelspiel , das sich hoch und durch einen merkwürdigen Mechanismus , spiralig immer höher über den Erdboden drehen müsse , um endlich in einer Art von Turmspitze anzulangen . Leider mangelten ihm die notwendigen technischen Vorkenntnisse zur näheren Erklärung . Im Weitergehen erfand er burleske Figuren und Gruppen für die Schießbuden und sprach endlich die dringende Forderung nach einem großartigen Kasperltheater aus , für das originelle Dichter tiefsinnig-heitere Stücke entwerfen müßten . So war man an den Ausgang des Praters gelangt , wo Oskars Wagen wartete . Gedrängt , aber gut gelaunt fuhren sie nach einem Weinrestaurant in der Stadt . In einem separierten Zimmer ließ Oskar Champagner auftragen . Georg setzte sich ans Klavier und phantasierte über das Thema , das ihm auf der Rutschbahn eingefallen war . Amy lehnte in der Divanecke , und Oskar flüsterte ihr allerhand ins Ohr , worüber sie lachen mußte . Heinrich war wieder stumm geworden und drehte sein Glas langsam zwischen den Fingern hin und her . Plötzlich hielt Georg im Spielen inne und ließ die Hände auf den Tasten liegen . Ein Gefühl von der Traumhaftigkeit und Zwecklosigkeit des Daseins kam über ihn , wie manchmal , wenn er Wein getrunken hatte . Viele Tage war es her , daß er eine schlecht beleuchtete Treppe in der Paulanergasse hinuntergegangen war , und der Spaziergang mit Heinrich durch die herbstdunkle Allee lag in fernster Vergangenheit . Hingegen erinnerte er sich plötzlich so lebhaft , als wär es gestern gewesen , eines sehr jungen und sehr verdorbenen Wesens , mit dem er vor vielen Jahren ein paar Wochen in heiter-unsinniger Art verbracht hatte , etwa so wie Oskar Ehrenberg jetzt mit Amy . Eines Abends hatte sie ihn auf der Straße zu lange warten lassen , ungeduldig war er fort gegangen und hatte nie wieder etwas von ihr gehört oder gesehen . Wie leicht sich das Leben zuweilen anließ ... Er hörte das leise Lachen Amys , wandte sich und sein Blick begegnete den Augen Oskars , die über den blonden Kopf Amys hinweg die seinen suchten . Er empfand diesen Blick als ärgerlich , wich ihm absichtlich aus und schlug wieder einige Töne an , in volksliedartiger , melancholischer Weise . Er spürte Lust , all das aufzuzeichnen , was ihm heute eingefallen war , und sah auf die Uhr , die über der Tür hing . Es war eins vorbei . Dann verständigte er sich mit Heinrich durch einen Blick , und beide erhoben sich . Oskar deutete auf Amy , die an seiner Schulter eingeschlummert war , und gab durch ein lächelndes Achselzucken zu verstehen , daß er unter diesen Umständen noch nicht ans Fortgehen denken könne . Die beiden andern reichten ihm die Hände , flüsterten ihm gute Nacht zu und entfernten sich . » Wissen Sie , was ich getan hab « , sagte Heinrich , » während Sie auf dem gräßlichen Pianino so wunderhübsch phantasierten ? Ich hab versucht mir den Stoff zurecht zu legen , von dem ich Ihnen im Frühjahr gesprochen hab . « » Ah den Opernstoff ! Das ist ja interessant . Wollen Sie ihn mir nicht einmal erzählen ? « Heinrich schüttelte den Kopf . » Ich möchte schon , aber das Malheur ist nur , wie sich eben herausgestellt hat , daß er eigentlich gar nicht vorhanden ist . Wie die meisten andern von meinen sogenannten Stoffen . « Georg sah ihn fragend an . » Im Frühjahr , wie wir uns das letztemal gesehen haben , da hatten Sie ja eine ganze Menge vor . « » Ja aufnotiert ist gar viel . Aber heut ist nichts mehr davon da als Sätze ... Nein , Worte ! Nein , Buchstaben auf weißem Papier . Es ist geradeso , wie wenn eine Totenhand alles berührt hätte . Ich fürchte , nächstens einmal , wenn ich das Zeug nur angreife , fällt es auseinander wie Zunder . Ja , ich hab eine schlechte Zeit ; und wer weiß , ob je noch eine bessre kommen wird . « Georg schwieg . Dann , mit einer plötzlichen Erinnerung an eine Zeitungsnotiz , die er irgendwo über Heinrichs Vater , den ehemaligen Abgeordneten Dr. Bermann gelesen hatte , und einen Zusammenhang vermutend , fragte er : » Ihr Herr Vater ist leidend , nicht wahr ? « Ohne ihn anzusehen , erwiderte Heinrich : » Ja . Mein Vater ist in einer Anstalt für Gemütskranke , schon seit dem Juni . « Georg schüttelte teilnahmsvoll den Kopf . Heinrich fuhr fort : » Ja , das ist eine furchtbare Sache . Wenn ich auch in der letzten Zeit in keinem sehr nahen Verhältnis zu ihm gestanden bin , es ist und bleibt furchtbarer , als man es sagen kann . « » Unter solchen Umständen « , meinte Georg , » ist es ja sehr begreiflich , daß es mit der Arbeit nicht recht gehen will . « » Ja « , erwiderte Heinrich