längst verrückt . Es gibt keinen liebevolleren Menschen als mich . Die winselnden Lyrika scheinen uns verlassen zu haben , und das ist gut , ich halte sie nur für eine Übergangsstufe . Der Dichter soll und muß über der Empfindung stehen . Ach , und doch wären mir einige lyrische Gedichte notwendig und erleichternd , wie Tränen . Ich habe beides nicht . Frag nicht nach dem Mädchen , denn ich hasse es . Deine nächsten Briefe schicke frankiert . - Ade ! 11. Hippolyt an Konstantin . Grünschloß , den 20. Juni . Mein gehaltreicher Sir John , was hör ' ich für Dinge von Euch , Ihr gebt Euch einer wüsten inneren Unordnung hin - was soll das ? Befolge eiligst Valers Rat und komm hieher , die Luft der Kuhställe wird Dich heilen . Ein Mann wie Du wird sich doch nicht den Grillen ergeben ! Du siehst , ich habe mich auch hier eingefunden , um meinen Geist zu sammeln vom wirren Stadtleben , und ihn vorzubereiten auf größere Wirren , denen ich in Europas Hauptstädten entgegengehen will . Das ist nämlich der Plan zu meinem neuen Epos : zur Physiognomie jeder Hauptstadt will ich einen entsprechenden Körper schaffen , dann will ich sie durcheinander werfen und Situationen erzeugen , und wer die Zivilisation und die Schönheit heiratet , der ist der Held . Komm und beschreib mir Berlin mit der langweiligen Regelmäßigkeit und der kurzweiligen Soldatenspielerei - romantisch darf ich jene dürre Stadt schwerlich anziehen , dazu ist sie zu gesetzt , zu altklug , zu hegelisch ; komm , hilf mir den grauen Magisterrock zuschneiden . Und das Herkommen lohnt wirklich der Mühe : der Ort liegt schön , der Graf ist gastfrei , der Ton fessellos , die Damen sind schön , Stoff zur Gallenabsonderung , besonders für Valer ist auch da : ein junger adeliger Laffe , Graf Fips , kam nämlich mit mir an und krächzt den Liebhaber und Aristokraten - was willst Du mehr ? Du hast Dich wahrscheinlich gewundert , warum ich die Stadt so schnell verlassen habe , der Du mich dort in schönen Fesseln wußtest . Hast Du Dich wirklich gewundert ? Ei , Mylord , wie kennt Ihr mich mangelhaft ! Ich dulde keine Fessel , auch nicht die schönste . Wie denken wir doch alle so verschieden über die Liebe . Willst Du wissen wie ? Höre ! Du liebst den Genuß der Liebe , Leopold liebt die Weiber ; Valer , der immer was Besonderes haben muß , liebt die Liebe ; William , der Narr , liebt die Gottheit in ihr , und weil er ein christlicher Pedant ist , schwört er zum Monotheismus und verdammt alles andere - ich - ich liebe das Leben . Was mir nicht mehr am Leben ist , werfe ich weg , gleichgültig darüber , ob ich nach der Definition anderer morde . Ich kenne darum auch nicht Valers Pietät gegen das , was er geliebt , alles Tote ist für mich nicht da ; ich kenne Leopolds Zärtlichkeit , Überschwenglichkeit nicht , weil ich nur Leben geben will für Leben . Ich schwöre keinem Mädchen Liebe , ich liebe nur . Insofern nähere ich mich Dir zumeist , nur mit dem Unterschiede , daß ich nie mitsterbe , wenn meine zeitige Liebe stirbt , mit platten Worten , wenn eine Liebschaft aus ist , wie es Dir Stümper begegnet . Dem William mit seinem armen Glauben gleiche ich in nichts , als daß ich meinen Monotheismus so sehr erweitert habe , daß die ganze Welt hineingeht , während er bei jenem nur zwei Schuh hoch ist , gerade so hoch nämlich , daß ein Mädchen hineingeht . Valer kann allerdings recht haben , wenn er mich den Kriegsgott der Liebe , wenn er mich den gefährlichsten nennt , der wie der Samum entzünde und töte . Wenn Du dies Glaubensbekenntnis betrachtest , so können Dich meine letzten Ereignisse nicht überraschen . Mein Akt mit der jungen Fürstin , von der ich Dir neulich schrieb , entspann sich folgendermaßen . Ich trat im Theater in die Loge , wo sie saß , ohne sie zu bemerken . Man gab Shakespeares Othello , die Desdemona war ein schönes , liebes Weib , die Tragödie saß mit verschränkten Armen in ihren Augenwinkeln , der Reiz des Unglücks lächelte weinend um ihren Mund . Sie sah mir wie ein schönes Opfer des Lebens aus , wie eine indische Witwe , die mit Wollust im Scheiterhaufen verkohlen will . Fast unverwandt sah sie nach unserer Loge und , wie es schien , auf mich . Plötzlich fiel mir ein , daß ich sie schon gesehen . Auf einem einsamen Wege kam ich neulich zur Stadt geritten , mein Pferd war scheu und unstet , es ging sehr unruhig , ich lasse ihm die Zügel schießen , um seinen Drang nach Freiheit zu stillen . Wie ein rasselndes Gewitter brauste es die Straße einher , eine kleine Strecke vor mir seh ' ich plötzlich ein Kind in den Weg hereinspringen , eine Dame mit durchdringendem Geschrei ihm nach , sie will es von der Straße reißen , das Kind sträubt sich , mein Pferd ist schon dicht vor ihnen . War das Kind allein , so setzte ich darüber hinweg , mein Rappe versteht das und beschädigt niemand . Aber die Dame richtet sich auf , ich pariere mit aller Kraft , die mir zu Gebote steht , das Pferd und setze es so fest in den Boden , daß mich der Stoß über den Kopf des Tieres schleudert . Ich stand neben der Dame , die mich mit unbeschreiblich schmerzhaftem Ausdrucke in ihrem schönen Gesichte ansah , sie war wieder halb zusammengekauert und drückte wie schützend das kleine Mädchen in ihren Schoß . Ich hob das liebe Kind , welches sorglos lächelte , in die Höhe , küßte es und gab es der schönen Mutter in die Arme . Sie