erinnern ? Sind nicht Luft , Erde und Wasser für diesen Menschen noch von Dämonen bevölkert , mit denen er in lebendiger Beziehung steht ? « Baron Tuchers Gesicht wurde düster . » Ich sehe in allem dem nur die Folgen einer verderblichen Überreiztheit « , sagte er kurz und scharf . » Das sind die Quellen nicht , aus denen Leben geboren wird , in solchen Formen kann sich keine Brauchbarkeit bewähren ! « Daumer duckte den Kopf , und in seinen Augen lag Ungeduld und Verachtung , doch antwortete er im Ton nachgiebiger Freundlichkeit : » Wer weiß , Baron . Die Quellen des Lebens sind unergründlich . Meine Hoffnungen wagen sich weit hinauf , und ich erwarte Dinge von unserm Caspar , die Ihr Urteil sicherlich verändern werden . Aus diesem Stoff werden Genien gemacht . « » Man tut einem Menschen stets unrecht , wenn man Erwartungen an seine Zukunft knüpft « , sagte Herr von Tucher mit trübem Lächeln . » Mag sein , mag sein , ich aber halte mich an die Zukunft . Mich kümmert nicht , was hinter ihm liegt , und was ich von seiner Vergangenheit weiß , soll mir nur dienen , ihn davon zu lösen . Das ist ja das hoffnungsvoll Wunderbare : daß man hier einmal ein Wesen ohne Vergangenheit hat , die ungebundene , unverpflichtete Kreatur vom ersten Schöpfungstag , ganz Seele , ganz Instinkt , ausgerüstet mit herrlichen Möglichkeiten , noch nicht verführt von der Schlange der Erkenntnis , ein Zeuge für das Walten der geheimnisvollen Kräfte , deren Erforschung die Aufgabe kommender Jahrhunderte ist . Mag sein , daß ich mich täusche , dann aber würde ich mich in der Menschheit getäuscht haben und meine Ideale für Lügen erklären müssen . « » Der Himmel bewahre Sie davor « , antwortete Herr von Tucher und nahm eilig Abschied . Noch am selben Tag wurde Daumer durch seine Mutter aufmerksam gemacht , daß Caspars Schlaf nicht mehr so ruhig sei wie sonst . Als Caspar am andern Morgen ziemlich unerfrischt zum Frühstück kam , fragte ihn Daumer , ob er schlecht geschlafen habe . » Schlecht geschlafen nicht « , erwiderte Caspar , » aber ich bin einmal aufgewacht und da war mir angst . « » Wovor hattest du denn Angst ? « forschte Daumer . » Vor dem Finstern « , entgegnete Caspar , und bedächtig fügte er hinzu : » In der Nacht sitzt das Finstere auf der Lampe und brüllt . « Den nächsten Morgen kam er halb angekleidet aus seinem Schlafgemach in das Zimmer Daumers und erzählte bestürzt , es sei ein Mann bei ihm gewesen . Zuerst erschrak Daumer , dann wurde ihm klar , daß Caspar geträumt habe . Er fragte , was für ein Mann es denn gewesen sei , und Caspar antwortete , es sei ein großer schöner Mann gewesen mit einem weißen Mantel . Ob der Mann mit ihm gesprochen ? Caspar verneinte ; gesprochen habe er nicht , er habe einen Kranz getragen , den habe er auf den Tisch gelegt , und als Caspar danach gegriffen , habe der Kranz zu leuchten angefangen . » Du hast geträumt « , sagte Daumer . Caspar wollte wissen , was das heiße . » Wenn auch dein Körper ruht « , erklärte Daumer , » so wacht doch deine Seele , und was du am Tag erlebt oder empfunden , daraus macht sie im Schlummer ein Bild . Dieses Bild nennt man Traum . « Nun verlangte Caspar zu wissen , was das sei , die Seele . Daumer sagte : » Die Seele gibt deinem Körper das Leben . Leib und Seele sind einander vermischt . Jedes von beiden ist , was es ist , aber sie sind so untrennbar gemischt wie Wasser und Wein , wenn man sie zusammengießt . « » Wie Wasser und Wein ? « fragte Caspar mißbilligend . » Damit verderbt man aber das Wasser . « Daumer lachte und meinte , das sei nur ein Gleichnis gewesen . In der Folge nahm er wahr , daß es mit Caspars Träumen eigen beschaffen war . Sonst sind Träume an ein Zufälliges geknüpft , sagte er sich , spielen gesetzlos mit Ahnung , Wunsch und Furcht , bei ihm ähneln sie dem Herumtasten eines Menschen , der sich im finsteren Wald verirrt hat und den Weg sucht ; da ist etwas nicht in Ordnung , ich muß der Sache auf den Grund gehen . Das Auffallende war , daß gewisse Bilder sich allmählich zu einem einzigen Traum sammelten , der von Nacht zu Nacht vollständiger und gestalthafter wurde und mit immer größerer Deutlichkeit regelmäßig wiederkehrte . Im Anfang konnte Caspar nur abgebrochen davon erzählen , so stückhaft wie die Bilder sich ihm zeigten , dann eines Tages , wie der Maler den Vorhang von einem vollendeten Gemälde zieht , vermochte er seinem Pflegeherrn eine ausführliche Beschreibung zu geben . Er hatte über seine Gewohnheit lange geschlafen , deshalb ging Daumer in sein Zimmer , und kaum war er ans Bett getreten , so schlug Caspar die Augen auf . Sein Gesicht glühte , der Blick ruhte noch im Innern , war aber voll und kräftig und der Mund war zu sprechen ungeduldig . Mit langsamer , ergriffener Stimme erzählte er . Er ist in einem großen Haus gewesen und hat geschlafen . Eine Frau ist gekommen und hat ihn aufgeweckt . Er bemerkt , daß das Bett so klein ist , daß er nicht begreift , wie er darin Platz gehabt . Die Frau kleidet ihn an und führt ihn in einen Saal , wo ringsum Spiegel mit goldenem Rande hängen . Hinter gläsernen Wänden blitzen Silberschüsseln und auf einem weißen Tisch stehen feine , kleine , zierlich bemalte Porzellantäßchen . Er will bleiben und schauen , die Frau zieht ihn weiter . Da ist ein Saal , wo viele Bücher sind , und von der Mitte der gebogenen Decke hängt