in Erwartung der Themata , die man ihr aufgeben würde , dem Publikum gegenüberstand und es schien ihr wirklich ein Trost zu sein , wie Raden es vermutet hatte , als ihr Blick auf die zwei Herren fiel , die sich in ihre Nähe stellten , denn ein freundliches Rot überflog ihr blasses Gesicht . Inzwischen hatte der Hausherr eine Schale mit Zetteln gebracht und mit verbindlichem Lächeln gesagt , wie sehr er wünsche , daß sie ein Thema finde , das ihr angenehm sei . Sie griff in die Schale , zog ein zusammengefaltetes Papier heraus und las laut : » Ein Abend auf dem Lande . « » Das ist etwas trivial , « bemerkte Raden zu Holberg , » wie wird sie sich da herauswinden ? « Rosa stand länger als gewöhnlich in Nachdenken versunken ; plötzlich zuckte es über ihre Züge , als ginge ihr ein tiefes Erkennen auf , als sähe sie etwas , was nur sie sehen konnte , und mit sichtbar ungewöhnlicher Ergriffenheit begann sie : » Auf der Höhe Steht ein Haus , Darin wohnen gute Menschen , Nacht ist ' s nun , Die munteren Kinder Schlummern schon . Vom Garten tönt Harmloses Geplauder Älterer , verständiger Leute . Ich stehe allein auf der Terrasse , Blicke über das Tal , Das Olivenhügel umkränzen , Wo der Fluß silbern zum Meer hinabzieht , Und die liebliche Stadt , Welcher unsterbliche Geister Erhabene Werke der Schönheit Zum Gedächtnis gelassen , Weithin sich breitet . Kein Ton dringt herauf , Nur schimmernde Lichter Zeigen , daß unten man lebt . Ringsum schweben Reine Düfte würz ' ger Blumen . Strahlende Sterne Stehen am Himmelszelt , Und durch die Stille Ziehn mit Demantgefunkel Leuchtende Käfer , Gleich glücklichen Seelen , Die , ohne Begierde , Der eigenen Anmut sich freuen . Mir aber dringt aus dem Herzen Ein wehmutvolles Gedenken An einen , Der unten Im heißen Kampfe der Sinne Die edle Jugend dahingibt . Stark und stärker erfaßt mich Die fromme , liebende Sorge , Wird zum Gebet , Das , gleichwie ein Aar , Mit weit entfalteten Schwingen Zur Sonne emporsteigt , Aufwärts schwebt Zu der waltenden Urmacht , Die , blöden Augen verborgen , Den inbrünstigen Bitten Reiner , liebender Seelen Gnädig sich zeigt . Immer höher Steigt mir die innige Empfindung : Rettet ihn , ewige Mächte , Rettet den Geistgebornen Aus dem Taumel des Wahns Zu der Schöne männlicher Tugend ! Gebet die Ruhe des Siegs Ins verwundete junge Herz ihm , Lehrt ihn , daß überwinden Höher sei als Genuß ! « Nach einer kurzen Pause , offenbar uneingedenk , wo sie war , die Augen in Begeisterung nach oben gewendet , fuhr Rosa fort : » Wie Sinfonien tönt es Rings in der nächt ' gen Stille , Und von göttlichem Hoffen Freudig im Herzen bewegt , Schaut nun mein Auge nach oben ! Freundliche Gewohnheit , Über sich suchen , Was das All füllt Und den einzelnen Busen Gleich allmächtig bewegt ! Und - siehe da - Zur selbigen Stunde Kehrte unten Siegreich der Kämpfende heim ! « Sie hatte geendet . Der begeisterte Ausdruck , der während des Rezitierens in immer höherem Maße ihr Angesicht verklärt hatte , so daß es schien , als wüchsen ihr Flügel , sie von der Erde zu erheben , war gewichen . Erschöpft sank sie auf einen neben ihr stehenden Stuhl und bedeckte einen Augenblick das Gesicht mit beiden Händen , als wollte sie nicht zu schnell in die sie umgebende Wirklichkeit zurück . Das Publikum spendete zwar Beifall , war aber verwundert und kühler wie sonst , denn es verstand nicht recht , was der Dichterin bei diesem Bild vorgeschwebt haben mochte . Raden und der Professor sahen sich betroffen an , und Raden sagte : » Die Liebe hat sie zur Prophetin gemacht ; Gott gebe , daß sie recht behalte . « » Das arme Kind ! « versetzte der Professor ; » ja , diese Eingebung konnte nur aus einem tief bewegten Herzen kommen . Da stehen wir nun zwischen zwei Klippen , deren eine jede gefahrbringend ist , die eine für ihn , die andere für dies unschuldige , liebe Wesen . Was sollen wir tun ? « » Zunächst zu ihr gehen und ihr warme Sympathie zeigen , « erwiderte Raden und schritt auf Rosa zu . Der Professor folgte ihm . Die Dame des Hauses war inzwischen schon zu ihr gegangen , besorgt , daß sie sich zu sehr angestrengt habe und sich unwohl fühle , aber Rosa hatte sich gewaltsam gefaßt , versichert , sie sei nur ein wenig müde und ziehe es vor , gleich nach Hause zu gehen , um zu ruhen . Sie verabschiedete sich von der Dame , als Raden und Holberg zu ihr traten . Raden bot ihr den Arm , sie hinauszuführen , und sagte : » Ihre Improvisation hat mich wunderbar ergriffen ! Es war , als ob Ihnen ein besonderes Schicksal , etwas Erlebtes , vorschwebte . « Er sah sie an und bemerkte , wie es in ihren Augen feucht wurde ; sie schlug sie nieder und sagte leise , mit etwas zitternder Stimme : » Ich weiß nicht mehr , was ich sagte ; es geht mir ja immer so : die Eingebung kommt und nachher ist das Bewußtsein davon verschwunden . Nie kann ich eine Improvisation aufschreiben . « » Aber Ihr reines Gebet wird gewiß zum Schutze des in Versuchung Geratenen werden , « flüsterte Raden und drückte die kleine Hand , die sie ihm zum Abschied reichte , mit warmem Gefühl . Sie sah ihn an , ein zartes Erröten überflog ihr bleiches Gesicht ; sie fühlte sich erraten , aber das reine Wohlwollen , das aus Radens Zügen sprach , beruhigte sie , und ihr Blick gab ihm die stumme Antwort des Vertrauens . » Soll ich dem Prinzen einen Gruß bringen ? « fragte er leise