, denn weil nichts Eigenes und Unbewegliches in ihm war , so entwickelte sich nicht die Scham des Gedankens , die oft scheinbar törichte Äußerungen von sich gibt , aber auch bei der größten Torheit immer Eignes und Starkes anzeigt . Solche Menschen sind dann leicht anmutig , weil sie so ohne Zwang und Not im Innern leben , und liebenswürdig sind sie , weil sie sich einem freundlichen Entgegenkommen sogleich öffnen . Auf solcher Schwäche ruhen aber zuletzt die Selbstsucht wie die Eitelkeit , denn weil die nötige Kraft nicht genügend vorhanden ist , muß ein solcher Mensch mit seinem Wollen haushalten , um nur bestehen zu können ; während dagegen ein starker Mensch überflüssige Kraft hat und daher selbstlos ist , indem er in Stolz und Freude von seiner Kraft andern mitteilt , mag er in äußeren Dingen dem Oberflächlichen auch karg scheinen , weil er keine leichte Hand hat . Aber Liebe bei den Menschen haben mehr die Kinder vom Schlage Karls ; Hans war verschlossen , unliebenswürdig , ängstlich im Verkehr , hart , hielt seine Sachen fest und spendete nicht , lernte schwer und zog schwer Schlüsse aus dem Gelernten , und außer seiner Eltern befolgte er niemandes Ermahnungen . In des Pastors Studierstube saßen die beiden Jungen . Hans übersetzte , mit oft stockender Stimme und in großer Anstrengung , die Stirn finster faltend ; Karl dachte träumend an Hansens Kaninchen und bedachte bei sich , ob der Oheim ihm wohl erlauben werde , daß er sich auch ein Pärchen halte ; denn wenn er nur die erste kleine Erlaubnis hatte , so wollte er wohl mit der Zeit noch mehr bekommen und einen Stall haben , der viel schöner wäre wie Hansens . An den Wänden herum standen auf den Gestellen viele alte Bücher , denn der Pastor war ein Freund ehrwürdiger Folianten in Schweinsleder und Pergament ; da waren des teuren Gottesmannes Luther sämtliche deutsche Bücher in acht Foliobänden , des Tabernämontani Kräuterbuch und Gesneri Tierbuch ; daneben Spangenbergs Adelsspiegel und Mansfeldische Chronika , und noch manche andre alte Chronik . Das war ihm eine Freude , wenn er dem kleinen Hans diese Bücher zeigte ; langsam holte er den Band aus dem Börd , strich liebkosend über den gepreßten Pergamentdeckel , auf dem etwa ein sächsischer Kurfürst oder eine menschliche Tugend abkonterfeit war ; dann öffnete er die Schließen und schlug den Band auf vor Hans , dem das Herz klopfte . Oft wunderte er sich , woher der Junge diese Freude an Büchern geerbt habe , denn der stammte von Förstern und Bergleuten ab und nicht wie er , der Pastor , von einer langen Reihe von Gelehrten und Dienern des Wortes ; war doch in den Lutherschriften vorn eine Eintragung eines Vorfahren , der auch Pfarrer gewesen , und hatte diese Schriften gekauft und binden lassen , und kam ihn der Band auf einen Karolin zu stehen nach damaliger Münze , was für einen armen Pfarrherrn mag eine stattliche Ausgabe gewesen sein . Dafür aber hatten so viel Jahrhunderte diese Bücher in den Studierstübchen der Nachkommen gestanden und hatten viele geistliche Moden erlebt , Bärte und Perücken und rasiertes Gesicht und eignes Haar ; und die letzten Pfarrherren waren alle starke Raucher gewesen , davon die Bücher endlich ganz mit Tabakrauch durchdrungen waren , also daß er einem in die Augen biß , wenn man sie aufschlug . Noch andre Freuden hatte der Pastor , die er mit Hansen teilte , weil der so nachdenklich war . In einem Glasschrank stand ihm ein Straußenei und eine Kokosnuß und viele fremde Muscheln ; dazu Pfeile von wilden Völkern , ein großer Bergkristall und die Fingernägel eines vornehmen Herrn in Siam ; denn die adeligen Siamesen beschneiden ihre Nägel nicht , aus Stolz , sondern lassen sie lang wachsen , daß sie wohl fünf Zoll erreichen und mehr und sich wunderlich krümmen . Zu Winterzeiten hielt der Pastor allwöchentlich eine Missionsstunde ab , in welcher er vieles erzählte von dem Leben der Wilden , daß die nackt herumlaufen , wie sie Gott geschaffen hat , und sich gegenseitig verzehren und Götzen anbeten , die sie selbst gemacht aus Stein oder Holz ; so elend ist der natürliche Mensch . Da zeigte er dann auch seine Seltenheiten herum , das Straußenei und die Kokosnuß , die Pfeile und die grausamen Fingernägel aus Siam ; und war um diese Missionsstunden eine große Liebe für die armen Heiden in der Gemeinde , und viel wurde geopfert . An Hans hatte der Pastor eine große Freude , daß er so offenen Herzens war für alle solche Kenntnis , und deshalb erzählte er ihm vieles , was ihm auf dem Herzen lag . Er erinnerte ihn aber ganz an seinen Vater , den Förster . Der war zu ihm gekommen , wie er selbst Student war , als ein armer Junge , der eine Waise war und schon in den Wald gehen mußte auf Arbeit , um das Brot für sich und seine Mutter zu verdienen ; denn das Gnadengeld , das die Mutter bekam für ihren toten Mann , betrug nur zehn Silbergroschen die Woche , und das reichte nicht aus für die beiden ; hatte also den Studenten gebeten , er möge ihm Stunden geben in der Mathematik , des Abends , wenn er aus dem Wald nach Hause käme , weil er nicht Arbeiter bleiben wollte , sondern wollte einmal Förster werden , und gestand , daß er nur einen halben Groschen zahlen könne für die Stunde . So war er denn ins Pfarrhaus gekommen um acht Uhr in der Dunkelheit und hatte sich in des Studenten Dachstübchen an den Tisch gesetzt und gelernt . Aber weil es warm war in dem Studierstübchen , und er hatte den Tag über fleißig gearbeitet in der Kälte , so wurde er müde , und die Augen fielen ihm zu wider Willen , mitten während eines Beweises . Da hatte der Student Mitleiden gehabt mit dem