Strich . Und nur dann , wenn sie ihr Gesicht nicht sehen konnte , wagte sie von sich selbst zu sprechen - wie sie sich auch so ganz in die Kunst hineinstürzen möchte , nur dafür dasein und arbeiten bis aufs Blut , trotz aller Hindernisse . Und was für Hindernisse standen ihr entgegen - das meinte Fräulein Hunius auch , die Ellens ganze Verwandtschaft kannte . Sie sprach ihr auch von den Enttäuschungen , daß Ellen noch so jung sei und sich wie alle Anfangenden große Illusionen mache , die wohl meist nach und nach zerschellten . Aber das bedrückte sie nicht weiter , und sie glaubte nicht daran . Es war eine Zeit , wo sich ihr alles in einen Traum von immerwährender Glückseligkeit verwandelte , der ganze Tag war ein ernstes Spiel mit frohen Kräften , und selbst in den warmen Sommernächten wollte keine rechte Müdigkeit kommen . Manchmal stand Ellen heimlich wieder auf , stieg aus dem niedrigen Fenster und lief über den Rasenplatz zum Fluß hinunter , der am Garten vorbeifloß . Da schaukelte sie sich in Tante Helminens kleinem Boot oder tauchte in das dunkle , raschfließende Wasser hinein , mit stiller Angst , daß die Tante sie gehört haben könnte . Anfang Dezember schrieb die Mutter , Ellen müsse nun endlich einmal wiederkommen . Die Tante ließ sie ungern gehen , denn sie hatte große Freude an Ellens Fleiß und konnte ihre rastlose Lebendigkeit gut ertragen . Aber im nächsten Jahr sollte sie wiederkommen und weiterlernen . Ellen fuhr nach Hause mit zwei großen Zeichenmappen und voll von Plänen und Zukunftsträumen . Jetzt strahlte ihr die Welt . Sie wollte gut gegen Mama sein , ihr nachgeben , soweit es ging , und im Stillen weiterarbeiten , bis sie alle überzeugt hatte , daß sie Malerin werden müßte . Am Weihnachtsabend saßen sie alle noch spät beim Punsch im Eßsaal auf Nevershuus . Der Freiherr ging , wie er es liebte , während des Gespräches mit großen Schritten auf und ab . » Das waren eure letzten Weihnachten hier « , sagte er plötzlich und blieb am Tisch stehen . Die vier Geschwister saßen wie versteinert und sahen ihn an . » Ja , Papa hat Nevershuus verkauft « , sagte nun die Mutter mit Tränen in den Augen . » Zum Frühjahr müssen wir fort . « Sie schwiegen alle , der Vater stand vor ihnen und reckte sich in die Höhe : » Seid doch froh , wenn wir endlich einmal aus dem Nest herauskommen - von euch Jungens wird ja doch keiner Landwirt , und wir sind jetzt zu alt , um uns damit zu plagen , für nichts und wieder nichts . « Marianne war die einzige , die schon darum gewußt hatte , die andern konnten sich immer noch nicht von der jähen Überraschung erholen : daran hatten sie nie gedacht , sich nie vorgestellt , daß es einmal so kommen könnte - Nevershuus ihnen nicht mehr gehören . Und die Eltern waren in ihren Augen die » jungen Leute « , denen keine Zeit etwas anhaben konnte - Papa sich zur Ruhe setzen , das war wie eine Erklärung , daß sie nun alt würden . Sie mühten sich alle , ihre Bewegung zu unterdrücken , denn Gefühlsäußerungen , besonders im größeren Kreise , waren bei den Olestjernes niemals Brauch gewesen . Es gab nur hier und da einen etwas unsicheren Ton in den Stimmen , während sie über das große Ereignis sprachen . » Wo wollt ihr denn hinziehen ? « fragte Erik mit seiner gewohnten überlegenen Ruhe - für ihn kam es auch nicht so sehr in Betracht , da er demnächst auf die Universität sollte . » Das wissen wir noch nicht , aber jedenfalls in eine größere Stadt . « » Für uns ist es überall gut , wo wir zusammen sind und euch haben « , meinte Marianne ; » - aber es war doch unser Nevershuus . « » Ach , ihr solltet euch doch freuen , einmal in andre Umgebung zu kommen , « sagte der Vater wieder . » Hier versimpelt ihr auf die Länge , seht nichts von der Welt , wißt nichts von der Welt . Euer Nevershuus werdet ihr schon mit der Zeit vergessen . « » Wie kannst du das sagen , Christian ! « Der Freifrau ging es wie den Kindern , sie hing mit allen Fasern an dem alten Schloß - vierundzwanzig Jahre - ihre ganze Ehe - die Kinder , die hier geboren und aufgewachsen - ihr Ältester , der hier gestorben war ! Sie begriff doch nicht recht , daß ihr Mann sich so leicht loslöste , es wie eine Befreiung empfand , wie einen neuen Lebensanfang , von hier fortzukommen . Marianne saß mit ineinandergelegten Händen und sah nur ihren Vater an - er war grauer geworden in den letzten Jahren , die Stirn noch höher und gefurchter , aber heute schien er ihr so verjüngt . Sie wußte am besten , wie er sich von jeher hinausgesehnt aus diesem engumschlossenen Leben , in das die Verhältnisse ihn gegen seine Neigung hineingezwungen hatten . Durch die offne Tür sah man in den Weihnachtssaal , die Lichter waren längst heruntergebrannt , das Silber auf den Tannen schimmerte matt im Dunkeln . » Ihr lacht ja heute gar nicht « , sagte der Freiherr auf einmal , » was ist denn in euch gefahren ? « Sonst mochte es ihm manchmal zu viel werden , wenn seine junge Schar bei jedem vernünftigen Gespräch , bei jeder ernsten Lektüre unweigerlich im Chor losplatzte , besonders an Festtagen , wenn die Bowle auf dem Tisch stand . Aber er vermißte doch etwas , wenn sie so unnatürlich ernst waren . Aber sie saßen alle und dachten , daß diese Weihnachten nun die letzten in der alten Heimat wären , da wollte kein Gelächter in Gang kommen . Zweiter Teil L ... , 3. März