Tag . Zum Malen viel zu dunkel . Ein allgemeines Gefühl des Unbehagens . Das Buch , das man am Kamin sitzend liest , langweilt . Der Blick hinaus durch die Fenster langweilt ganz ebenso . Beinah möchte man die Menschen beneiden , die selbstgefällig sagen , » ich habe mich noch nie gelangweilt « , und die damit nur den Beweis liefern , wie grenzenlos langweilig sie selbst sein müssen , wenn sie wirklich nicht imstande sind , die Langeweile des Meisten zu erkennen , womit das Leben angefüllt ist . Ich wünschte - ja , was wünsche ich eigentlich ? Ich wünschte , ich wäre mit Ihnen auf einer weiten , merkwürdigen , gefahrvollen Entdeckungsreise in irgend ein seltsames Land - womöglich einen unerforschten Stern . Bitte , werden Sie nun aber nicht gleich eitel ! Dass Sie nicht eitel sind , ist ja gerade eine Ihrer nettesten Eigenschaften , und jede echte Frau muss einen eitlen Mann unausstehlich finden , denn er nimmt ihr damit etwas weg , worauf sie ihr spezielles , anerkanntes Frauenrecht hat . Ich suche Sie ja auch nur deshalb zum Begleiter auf den unerforschten Stern aus , weil Livingstone , der dort sicher sofort Bescheid gewusst hätte , nun doch schon tot ist . Aber wahrhaftig und im Ernst - ich habe manchmal eine so brennende Sehnsucht , etwas zu werden , zu sein , zu leisten ! Ich komme mir zuweilen vor , als bestände ich aus lauter ungenutzten Fähigkeiten und als gingen alle Gelegenheiten , sich zu betätigen , die die meinen sein sollten , an mir vorbei und zu anderen hin , die nicht wissen , was sie damit beginnen sollen . Wir Menschen bestehen eben aus solchen , von denen nie annähernd das verlangt wird , was sie zu leisten imstande wären , und aus anderen , an die Anforderungen gestellt werden , denen sie in keiner Weise gerecht werden können . - Letztere sind natürlich die glücklicheren , denn ein Teil ihrer Unfähigkeit besteht gerade darin , gar nicht zu merken , wie sehr sie es sind . Das Ergebnis dieser Welteinrichtung ist , dass niemand da steht , wo er stehen sollte . Wenn jemand plötzlich einen verantwortungsvollen Posten bekommt , gratuliert man ihm und sagt : » endlich , the right man in the right place « und denkt dabei : » what a mess he will make of it ! « Und gewöhnlich hat man mit letzterer Vermutung recht . Und ein grosser » mess « der Weltenregierung ist es offenbar , dass ich hier sitze , abwechselnd in den Kamin oder auf die Strasse starre , und dass alles andere , was ich etwa sonst noch tun könnte , ganz ebenso zwecklos wäre . Frauen sitzen eigentlich immer da und warten , ob die Türe aufgeht und jemand kommt . 19 New York , Januar 1900 . Ich ward gestern unterbrochen , lieber Freund ! Weiss nicht , wie lange ich Ihnen sonst noch grau in graue Weltenbetrachtungen geschrieben hätte ! Seien Sie also dankbar , dass gestern die Tür wirklich aufging und Madame Baltykoff bei mir eintrat , ein Pelzmützchen auf dem Kopf , das ihr so natürlich gut stand , wie jeder Katze ihr Fell . » Nein , wie beneidenswert unbeschäftigt Sie aussehen ! « sagte Madame Baltykoff . » Und ich bin so abgehetzt durch alles , was ich mitmachen und wobei ich gesehen werden soll . In keinem Lande der Welt habe ich noch so viel von sozialen Pflichten reden hören ! Ich glaube , sie ersetzen alle anderen ! Heute war ich schon mit einer New Yorkerin , die mich ins Schlepptau genommen , auf einem Dejeuner , einem Wohltätigkeitsbazar und drei Jours . Und jedesmal , wenn ich die gewisse Ankunftslangweile überwunden hatte und gerade anfing mich etwas zu amüsieren , machte mir mein sozialer Pilot verzweifelte Aufbruchszeichen , weil wir noch in so und soviel Häusern gesehen werden müssten . Ich kam mir schliesslich wie eine Verbrecherin vor , die sich Alibis schafft ! Nun habe ich noch einen Besuch vor , bei einer ehemaligen Landsmännin , und da müssen Sie mich durchaus begleiten . Es ist Ihnen auch gar nicht gut , so vor sich hin zu brüten , wie ein weiblicher Oblomoff . « Und da all mein Tätigkeitsdrang von jeher damit geendet hat , mich von äusseren Mächten treiben zu lassen , ging ich mit Madame Baltykoff hinaus in die kalte graue Winterwelt und lernte Miss Tatiana de Gribojedoff kennen . Wenn Sie den Namen auch dreimal lesen , lieber Freund , sie heisst wirklich so , und das Miss hat auch seine Berechtigung . Tatianas Vater war natürlich Russe , ihre Mutter dagegen war die Tochter eines aus Illinois stammenden amerikanischen Konsuls Carmichael in Archangel , und in jener kalten Weltecke hat auch die Wiege der kleinen Tatiana gestanden . Madame de Gribojedoff , née Carmichael , scheint sich dort aber nie so recht behaglich gefühlt zu haben , woraus ihr meinerseits kein Vorwurf gemacht werden soll . Ihr Bestreben ging dahin , Tatiana in der Kritik und Missachtung alles Russischen zu erziehen und ihr eine unbedingte Bewunderung für alles Angelsächsische beizubringen . Als der Vater Tatianas starb , ein bedeutendes Vermögen hinterlassend , wanderten beide Damen nach Amerika zurück ; seit dem Tode ihrer Mutter lebt Tatiana als unabhängige alte Jungfer in New York . Ihr Häuschen ist vollgepfropft mit all denjenigen Dingen , die gewitzigte Leute auf Reisen sorgfältig zu kaufen vermeiden . So hat sie sich von den Niagarafällen indianische Mokassins mitgebracht , die an einer Wand hängen , dicht neben einem spanischen Fächer , auf dem ein Stiergefecht abgebildet ist . In Mexiko hat sie allerhand aus dortigem Marmor verfertigte Früchte gekauft , rosa Pfirsiche , grüne Mangoes , braune Feigen liegen auf einer Konsole , zusammen mit den Ergebnissen eines Ausflugs nach Havanna , grossen schillernden Muscheln und Mustern verschiedener Korallensorten . Der dahinter aufgehängte Spiegel