Studium widmen - - dann - Mein Leben für die Wissenschaft ! Ich hätte Tüchtiges geleistet , ich weiß es . « Oft empfand sie Fesseln um sich , atmete schwer unter den hunderterlei Verpflichtungen . » Ich kann mich dem Studium nicht so hingeben , wie ich möchte . Die anderen haben es gut . Helene , und der Bernstein erst ! Wie Bernstein möcht ich am liebsten sein . Hört und sieht nichts als seine Physiologie . Die Physiologie ist seine Mutter , seine Geliebte , seine Welt . Er braucht keine Kunst , keine Religion , er braucht nur Physiologie . Ohne Zucker , ohne Butter kann er leben , ohne Physiologie nicht . So möcht ich mich konzentrieren können . So unbeteiligt , kühl und rein durch dies dumme , abscheuliche , widerspruchsvolle Leben gehen . Aber dieses beste Glück ist mir versagt . Nun - wenigstens werd ich Brot für meine Kinder schaffen . Das ist auch etwas ! « Bei dem Gedanken , daß auch das Brotschaffen etwas sei , ging ein Aufrecken jedesmal durch Josefines Gestalt . » Ein ganzer Mensch werd ich sein , nicht nur eine Frau . Für meine Kinder werd ich arbeiten . Für meine Kinder und auch für Georges ! Für dich , du Armer ! Ich , die Mutter von allen ! « Eine fieberhafte Freude durchzuckte sie . Sie riß die Kinder an sich , drückte und küßte sie . » Ich , ich werde euch alles geben ! Das Brot , die Kleider , das Haus ! Von meinem Blut , von meinem Hirn sollt ihr leben , Kinder . Von meinem ganz allein ! Versteht ihr das ? « » Spielst du dann mit uns ? « sagte Rösli zaghaft unter den heftigen Liebkosungen der Mutter . » Spielen ? Nein , dazu hab ich nicht Zeit . Mama muß lernen . Hier ! all die dicken Bücher . Seht ihr ? In den Ferien spielen wir zusammen . « Josefine schob die Kleine von sich und griff mit Ungestüm nach dem verlassenen Buch . Der Wirbel der Empfindungen legte sich . Sie atmete bald ruhig und gleichmäßig . Ich werde doch können , was jeder beliebige Bub kann , lächelte sie , ich werde doch lernen , beobachten , mich konzentrieren können wie jeder dieser jungen Studenten ? Und es gelang vollkommen ; mit den Aufgaben wuchsen die Kräfte . Josefine stand vor dem dritten Examen . Sie arbeitete jetzt atemlos , aber nicht ohne Genuß , denn sie war ganz allein . Der Vater hatte die älteren Kinder und Laure Anaise mit sich in die Berge genommen , und auch die Pensionäre waren verreist . Es war im August . Täglich wehte der Föhn und trieb die heißen Luftwellen bis in die Zimmer voll grüner Dämmerung , durch die geschlossenen Läden hinein . Aber die Morgen waren herrlich . Wenn die Sonne die kahlen Felsen am Ütligipfel rötlich und violett anhauchte , sprang Josefine aus dem Bette , als wären diese lichten Morgenfarben grelle Trompetenstöße . Schnell , schnell an den Waschtisch , in die große , flache Blechwanne und mit kühlem Gusse den schlummerheißen Leib erfrischt . Schnell in die einfachen Kleider , jeden Tag dieselbe dünne schwarze Bluse , denselben schwarzen Rock . Keine Schleife , kein Band , keine Blume . Nichts als einen schmalen weißen Leinenkragen um den Hals . Keine Manschetten , nur die schwarzen langen Ärmel , die bis auf die feinen Hände fielen . In der halb klösterlichen Tracht sah sie jung und schmal aus . Das kurzgeschnittene Haar , von dem eine eigensinnige Locke in die gefurchte Stirn hing , umrahmte einen ernsten , energischen Jünglingskopf . Aber sie sieht nicht in den Spiegel . Mit nackten Füßen schnell , schnell in die Küche an den Herd - die kalten Fliesen kühlen so angenehm . Die Sonne scheint heiß in das Küchenfenster , auf dem Fenstersims tönt das Zwitschern der Sperlinge und das Scharren ihrer kleinen Füße . Mit dem Frühstücksbrettchen hinaus auf den kühlen Balkon . Wie frisch ! wie duftig ! wie morgendlich ! Noch fällt kein Strahl durch das Weinlaub - das Haus » Zum grauen Ackerstein « liegt still , wie unbewohnt . Josefine trinkt ihren Tee und liest dabei . Bis elf Uhr ist der Balkon im Schatten . Alles besorgt sie sich selbst , geht nur zum Mittagessen aus und täglich zwei Stunden in den bakteriologischen Kurs . Manchmal hat sie keinen Zucker besorgt , dann trinkt sie den Tee bitter , manchmal ist die Butter aufgegessen , dann ißt sie ihr Brot trocken . Auch die Käthe ist in die Ferien gegangen , zu ihrer Mutter ins Dorf . Nichts unterbricht die Stille um die Arbeitende als je einmal die elektrische Klingel . Dann ist ' s der Milchmann , der Briefträger , die Obstfrau . Manchmal ein Wort wird gewechselt , oft geht alles stumm vor sich . Dann - die Flucht vor der Sonne , von einem Zimmer ins andere . Und doch muß man fürs Mikroskop helles Licht haben , darf die Läden nicht alle schließen . Josefine liest laut , und ihre Stimme widerhallt in den menschenleeren Zimmern , deren Türen alle offen stehen , der Kühlung halber . Heiß ist der Gang zum Mittagessen , das Essen dürftig und schlecht , denn die Pensionswirtin hat keine Pensionäre in den Ferien ; bei Tisch wird kaum gesprochen . Und nach dem Essen wieder das Buch . Es kostet Mühe , denn das Gedächtnis wird schwerfällig . Man sieht dann Zeichnungen an , um nicht müßig zu gehen ; auch beim Examen gibt es ja oft Zeichenaufgaben aus dem Gedächtnis . Heiße , müde Nachmittagsstunden ! Hirnanatomie zum Kaffee . Aber der Kaffee belebt ein wenig . Die Schuhe werden wieder ausgezogen , der heiße Kopf unter den Brunnen gehalten , die schweren Lider mit Wasser gewaschen . Man muß doch studieren , und