Er sprang auf und ging im Saale auf und nieder . Jetzt hatte sein Gedankengang eine andere Richtung . Tun , tun ? Was kann ein einzelner Abgeordneter denn tun in seiner engen Machtsphäre ? Er kann fordern . Die Versprechungen und Phrasen , die aus allen Regierungsprogrammen und in den Thronreden ebenso tugendhaft und ebenso - leer wimmeln , wie in den Kandidatenreden , die kann man festhalten - auf ihre Verwirklichung kann man bestehen . Beim Wort nehmen - das war ' s. All das schal und hohl gewordene Geklingel der großen Worte , wie müßte das zu herrlich brausender Harmonie anschwellen , wenn man den Sinn herauslöste und den Sinn zwänge , Tat zu werden . Ein sekundenkurzes Leuchten fuhr durch Rudolfs Seele . Wie eine bei Nacht durch einen Blitz erhellte Landschaft , so deutlich , aber auch so flüchtig erschien ihm eine ganze Reihe von lebendig gewordenen Worten : Wohlstand , Freiheit , Frieden , Recht ... diese vier ineinander geschmolzen als der herrliche Begriff » Glück « . Nicht nur allen versprochener , sondern für alle erreichter Wohlstand , wahre Freiheit , herrschendes Recht , gesicherter Frieden . Dann ward es wieder finster . Aber er hatte dabei das Bewußtsein , daß er später das Licht wieder herbeischaffen könne ; nur ein Sichsammeln , ein kurzes Anstrengen , und der blendende Ideenschatz wäre wieder da , um sich heben zu lassen - Perle für Perle , Diamant für Diamant - - Also an die Arbeit , sofort ! » Herr Graf - ein Telegramm . « Rudolf war über die Störung ungehalten . Aber natürlich , mit einer Depesche durfte der Diener jederzeit in das Heiligtum des Arbeitszimmers einbrechen ; es konnte ja etwas Unaufschiebbares sein . Diesmal war es die Nachricht , daß am folgenden Tage Brunnhof Einquartierung bekommen sollte . Die diesjährigen Manöver fanden auf wenige Meilen Entfernung statt . Der Quartiermeister würde in zwei oder drei Stunden der Depesche nachfolgen . Angesagt waren für das Schloß : ein General , ein Oberst und mehrere Offiziere . Da mußten sogleich Vorbereitungen getroffen , Befehle erteilt werden . Mit dem Programmschreiben war es vorläufig vorbei . Und nicht nur mit diesem , sondern mit der ganzen Stimmung . Als Endaufgabe die Herbeiführung von Zuständen , in welchen die Völker befreit sein sollten von Militärlasten und Kriegsgefahren - und als nächstliegende Aufgabe die reichliche , herzliche , fröhliche Bewirtung von Militärs , die eben von der Kriegsprobe kamen . - Man kann nicht zweien Herren dienen ... VII Hugo Bressers Leidenschaft war durch die Zwischenfälle jenes Gewittertages zu höchster Glut entfacht . Zuerst der selig-schwüle Augenblick , da er Sylvia im Arm gehalten , dann die Exaltation , in die er sich bei Tische durch die eigenen Worte hineingeredet , wobei er sah , wie des geliebten Mädchens Blick an seinen Lippen hing ; dann ihre Gebärde , als sie ihm zutrank ; zuletzt ihre Flucht aus dem Salon : - ihm war , als sei jetzt zwischen ihnen beiden ein Einverständnis . Heiß und heftig empfand er , daß etwas Neues in sein und in ihr Leben getreten war . Sie liebten sich - sie mußten einander angehören , trotz aller Hindernisse ... die Verlobung würde sie rückgängig machen - - Bresser hatte am folgenden Morgen schon um acht Uhr von Brunnhof wegfahren müssen , weil er in Wien zu Mittag einer Konferenz jener Unternehmer beizuwohnen hatte , die das neue Blatt gründeten , dessen Feuilletonredaktion ihm zufallen sollte . Natürlich hatte er zu so früher Morgenstunde keine der Damen des Hauses mehr sehen können ; aber für Sylvia hatte er eine stumme Botschaft hinterlassen in Form eines Sträußchens , das er selbst im Garten gepflückt und gebunden , und das er Sylvias Kammermädchen mit dem Auftrag übergeben , es auf ihrer Herrin Toilettetisch zu legen . Es war ein - im Grunde nicht gar geschmackvoll zusammengestelltes - Sträußchen , nur aus roten Blüten bestehend . Eine Rose , ein paar Fuchsien , drei Mohnblumen , und herum ein Doldenring von » brennender Liebe « . Sie würde schon verstehen , was er damit sagen wollte . Er bestieg ein leeres Coupé . Seine Gedanken flogen von den gestrigen Ereignissen zu der bevorstehenden Konferenz und schnell wieder zu dem Bilde Sylvias zurück . Die Gründungs-Angelegenheit interessierte ihn nun doppelt , da es ihm sehr erwünscht kam , gerade jetzt festen Fuß in der Journalistik und in der Schriftstellerlaufbahn fassen zu können . Liebe feuert den Ehrgeiz an . Er wollte Großes erreichen mit seiner Feder . Großes als Dichter , vielleicht noch Größeres als Publizist . Einen neuen , höher gestimmten Ton in die Tagespresse einführen , für die Ziele sozialer Entwicklung wirken , dem idealen Streben Rudolfs - ihres Bruders - die Stütze der Öffentlichkeit leihen , ihm helfen , indem er die Gedanken , die Rudolf im Parlament verträte , in dem neuen Blatt entwickeln wollte . Denn neben der alleinigen Leitung des Feuilletons sollte ihm auch eine Spalte im politischen Teile zur Verfügung stehen . Das war ein Kampffeld , auf dem bedeutende Siege zu holen waren . Und er wollte siegen . Er wollte , daß sie auf ihn stolz sein könne . Wer weiß , auch die Bühne konnte er erobern . Ein ganzer Schwarm ungeborener Dramenstoffe schien in seinem erregten Hirn zu wirbeln - nebst Ruhm würde er auch ein Vermögen sich erschreiben . Schwert und Szepter und Zauberstab sollte ihm seine Feder sein ... Auf einer Zwischenstation stieg ein alter Herr ein - zufällig ein Bekannter , ein Berufsgenosse seines Vaters . Es wäre Hugo viel lieber gewesen , allein zu bleiben . Er fühlte sich gestört , wie jemand , den man beim Schatzzählen unterbrochen hat . » Ah , guten Tag , Bresser - das ist ja ein sehr angenehmes Zusammentreffen ! Sie sehen prächtig aus - und so strahlend ! « Der Ausruf war gerechtfertigt . Aus den Augen des jungen Mannes blitzte