wir wollen . Keine Kontrolle unserer Thaten , ihr Herren ! Auch wir wollen unsere Klubhäuser , unseren Sport , unsere kleinen Geheimnisse . Vor allem : wir wollen unserem eigenen Geschmack folgen . Wir haben schon so vieles regeneriert , nun wollen wir an das Allerwichtigste herantreten , an das , wovon unsere Gesundheit abhängt : an die Toilette . Meine Damen , fort mit dem Korsett , fort mit dem langen Kleide . Das Beinkleid sei unser Motto . Denken Sie , wie viel Geld , Zeit und - Staub werden wir uns ersparen , wenn wir dem Männerschneider anstatt der launenhaften Modistin unsere Treue schenken . « Die Rednerin entwarf nun mit lebendiger Phantasie ein Bild von der Zukunftshose . - Nach Frau Froßen sprach noch eine Dame über dasselbe Thema . Die andern Damen , die sich noch zum Wort meldeten , wurden von Frau von Werdern für den nächsten Vortragsabend vertröstet . Für heute wäre es zu spät . Die Vorsitzende dankte dann noch in etlichen gefühlvollen Worten den lieben Gesinnungsgenossinnen für ihre Aufmerksamkeit und schloß die Versammlung . » War es nicht amüsant ? « fragte Elvira Kampfmann , indem sie an Hildegard herantrat . » Amüsant ? Ja . « Die junge Frau , die mit ihrer Bekannten dem Ausgang zustrebte , betrachtete die Gesichter der Anwesenden . Alle strahlten , alle waren gerötet . Eine freundliche Heiterkeit lag auf allen . Hildegard hörte zwei Worte um sich schwirren : Hose oder Rock ! Darüber unterhielt man sich lebhaft . Im Hausflur war ein so großes Gedränge , daß man nur schwer vorwärts konnte . Vor Hildegard befanden sich zwei Damen . » Die kompleteste Narrenkomödie « sagte die Eine mit absichtlich lauter Stimme . » Lauter Phrasen ohne Wert . Stroh , das schon hundertmal gedroschen worden ist . Zuletzt sind sie natürlich auf die Kleider zu sprechen gekommen , wie kleine puppenspielende Backfische . « Hildegard stieß Elivra an . » Wer ist die Dame ? « Anstatt der Antwort sagte Fräulein Kampfmann laut : » Der Fehler ist , daß Krethi und Plethi nicht hereingelassen werden dürften . Ich habe schon einmal darum plädiert . Nun , es kommt hoffentlich auch bald dazu . Bei uns riechts weder nach Knaster , noch nach Schweiß . Wie sollte sich der Bebel da wol fühlen können ? « Die Umstehenden , die Elviras Bemerkung gehört hatten , brachen in schallendes Gelächter aus . Draußen auf der Straße sagte sie zu Hildegard : » Das waren zwei wütende Sozialdemokratinnen . Sie schleichen sich immer in unsere Zusammenkünfte , um uns dann öffentlich lächerlich zu machen . Und doch sind sie die Lächerlichen . Sie haben sich von uns getrennt , weil wir ihnen zu zahm waren . Aber was kommt bei ihren Versammlungen heraus ? Daß Eine oder die Andere einmal brummen muß , was sie auch mit besonderer Vorliebe thun , um den Glorienschein modernen Märtyrertums zu erhalten . Das Schönste geschah neulich . Etwa fünfhundert Frauen und etliche wenige Männer hatten sich versammelt . Frau Lippmann hielt eine brennende Rede gegen die Menschenschinder : die Fabrikanten , zu Gunsten der heiligen unterdrückten , im Schweiß ihres Angesichts ringenden Arbeiter . Sie feierte die Helden vom Knaster und versprach ihnen bei einiger Geduld das Himmelreich und die - Vergeltung . Sie sagte in rührenden Worten , daß die andere Hälfte der Menschheit gemach ganz auf die Seite der Unterdrückten träte . So könne man auch in dieser Versammlung Frauen aus den ersten und allerersten Kreisen erblicken . Während die Lippmann so gefühlvoll redet , meldet sich einer der anwesenden Männer zum Wort . Er springt aufs Podium und fällt über die Rednerin her . Hier im Saal der sozialdemokratischen Frauenversammlung brüllt er : den Frauen müsse der Kopf gewaschen werden , er , der Schneider Wachler sage das . Er hatte nämlich alles Gesprochene mißverstanden . Kanns eine bessere Illustration für den fortschrittlichen Geist des edlen verkannten Standes geben ? « Hildegard lächelte schwach . Sie war totmüde . » Etwas Neues haben Sie mir da erzählt . Also die Emanzipierten schon in zwei Lager geteilt . Ich dachte ein gemeinsames Ziel mache einig . « Dann verabschiedete sie sich von ihrer Begleiterin , ging nach Hause und begab sich zu Bette . Aber sie konnte keinen Schlaf finden . Sie hörte ununterbrochen die hohen Stimmen der Rednerinnen im Ohre , das Beifallsgeklatsche , das Gemurmel der sich ihre Bemerkungen zuraunenden Damen . Und dann dachte sie : Wozu war eigentlich diese Versammlung ? Es wurde sehr viel geredet . Aber hat man etwas Gutes gefördert , einen neuen Gesichtspunkt gefunden ? Man hat geschimpft und getobt und immer das » Wir « ausgespielt . » Wir « wollen , » Wir « können , » Wir « streben . Das war eine Lüge . Wer ist » Wir « ? Etwa die Mehrzahl der Frauen ? Nein . » Wir « ist eine Handvoll anscheinend stärker mit Talenten Begabter von ihnen , die sich besondere Anerkennung verschaffen wollen . Wenn es aber nicht nur anscheinend Begabtere wären , wozu dann der ganze Aufwand von Pose und Theatralik ? Zu keiner Zeit , in keinem Lande , unter keinerlei Lebensverhältnissen ist es wirklicher Begabung unmöglich gemacht worden , sich durchzusetzen . Hildegard durchflog in Gedanken die Welt- und Kulturgeschichte . Immer sah man , wie das starke Talent sich den Boden eroberte , den es zu seiner Entwicklung bedurfte . Denn das starke Talent besitzt den Mut zur Einsamkeit , zum Alleingehen . Das braucht weder Hinternoch Vordermänner . Es sagt nicht » Wir « sondern : » Ich « . Würden sich einer wirklich groß veranlagten Malerin nicht die Thüren aller Akademien öffnen ? Würden einer weiblichen Rechtsgelehrten , die nicht nur das Gewerbsmäßige ihres Berufes , den gedruckten Paragraphen in den gedruckten Gesetzbüchern erfaßt , sondern auch die Kunst des Denkens und geistigen Besitzergreifens einer Idee versteht , die Pforten