mit vielen Citaten , abgeklärten Sentenzen und ein paar historischen und ethnographischen Excursen ins alte Griechenland und nach Japan , tröstete er seinen zerschmetterten Freund nach Hause . Drittes Kapitel Nicht lange nach dieser herbstlichen Gartenscene wurde Willibald Stilpe , im Alter von 163 / 4 Jahren , von seiner Mannheit entbunden . Damit ging eine merkliche Veränderung in ihm vor . Er bekam etwas Renommistisches , Überhobenes und trug eine Verachtung seiner Klassengenossen , Girlinger eingeschlossen , zur Schau , die sich von der , die er schon immer gezeigt hatte , deutlich unterschied . Früher war darin etwas Erzwungenes gewesen , als sei er sich doch nicht völlig klar über seine Berechtigung dazu , jetzt hatte sie etwas sehr Entschiedenes , sehr Selbstbewußtes . Er trat diesen Obertertianern gegenüber , wie ein Mann , der von einer Reise in unbekannte Länder nach Hause zu Leuten kommt , die noch nicht den Äquator überschritten haben : - Ist es sehr heiß in den Tropen ? - Es macht sich . - Sind die Schlangen wirklich so lang und dick und giftig ? - Ach ja . - Sie sind doch nicht gebissen-worden ? - Ein bischen . - Wie ? Und wieder kuriert ? - So ziemlich . Schade , daß er nur mit Girlinger darüber reden konnte . Dem setzte er aber dafür auch tüchtig zu , und es machte ihm unverhohlenen Spaß , daß dieser so wißbegierig war . Er flunkerte auch ein bischen und gab mehr tropische Abenteuer zum besten , als er erlebt hatte . Aber auch ohne die Flunkereien hätte er dem Freunde imponiert . Es gab jetzt etwas , worin er dem weisen Primus über war . - Weißt Du , da helfen Dir alle Deine Bücher nicht hin . Und übrigens : Wie willst Du denn ohne das Deinen Schopenhauer verstehen ? Und dann die Dichter ! Er dachte dabei vornehmlich an Heine und den Tannhäuser in Rom , der zu seinem Brevier und Muster wurde . Denn jetzt fing er an , aus dem Vollen zu dichten und zwar mit dem Bewußtsein , ein Dichter werden zu wollen und nichts andres . Die Schule wurde ihm dabei immer widerlicher , - und er schwänzte sie mit großer Frechheit . Seine Pflegeeltern , denen er von Stilpe-Vater übergeben worden war , weil dieser deutlich fühlte , daß jeder andre ein besserer Pädagoge sei , als er , waren gute Leipziger Mittelstandsleute , die , mit Stilpes Mutter entfernt verwandt , den jungen Gymnasiasten aus Gefälligkeit aber nicht mit der Meinung aufgenommen hatten , daß hier besondere Aufsicht und Wachsamkeit nötig sei . Der alte Wiehr hatte einen Porzellanladen am Markte , der ihn ausschließlich beschäftigte , und seine Frau ging in der Hauswirtschaft und zahlreichen Kaffeekränzchen auf . Ihr einziger Sohn war ein zarter junger Mensch gewesen , bleichsüchtig und solide , nicht sehr begabt , aber fleißig ; er war gestorben , als er in Stilpes Alter gewesen war . Die Alten sahen in Willibald dessen Fortsetzung und behandelten ihn wie jenen , nämlich mit vollendetem Zutrauen und vollkommener Ahnungslosigkeit . Dies wurde durch Stilpes mimische Kunst , sich wie ein Lamm zu benehmen , unterstützt . So hatte er eigentliche vollkommene Freiheit , und es fehlte ihm , um mit dieser Freiheit so viel anfangen zu können , wie er wünschte , nur an Gelde . Leider machte sich dieser Mangel , seit sich Martha » verändert hatte , « viel fühlbarer als früher . Ein geradezu lächerlicher Gedanke , jetzt mit den fünf Mark monatlichem Taschengelde auszukommen . Man mußte , da eine regelrechte Erhöhung des Budgets außerhalb jeder Möglichkeit lag , auf Extraordinaria sinnen . Da fing denn der junge Mann zunächst klein und bescheiden an . Er durchmusterte seine Bibliothek . Nun , da fanden sich ja einige Sächelchen , die vom Überflusse waren : Alle die überwundenen Standpunkte der durchlaufenen Klassen , wie sie sich in alten Grammatiken , Lehrbüchern , Schulausgaben , Gesangbüchern verkörperten , und dazu des Knaben Willibald Belletristik : Der Lederstrumpf , verschiedene Walter Scott-Romane , » für die Jugend « bearbeitet , eine » ausgewählter Goethe « ( fahr hin , Castrat ! rief Willibald ) und Anderes mehr . Diese Literatur überlieferte Stilpe einem alten verwachsenen Antiquar , der in einem Durchgange von der Petersstraße zum Neumarkt seine Bude hatte . Herr Wopf war ein wunderlicher alter Bursche , ausgestattet mit einer schönen Meerschaumpfeife , einer sehr großen , üppigen und noch jungen Gattin und einer eminenten Rundschrift , mit der er die Neuerwerbungen seines Lagers in gewaltig großen Zügen auf Pappendeckel schrieb , die wie die Ahnentafeln vor chinesischen Tempeln rechts und links seiner Ladenthüre standen . Außerdem besaß er noch eine verworrene Menge von Literaturkenntnissen und eine erstaunlich tremolierende Stimme , mit der er Passagen aus seinen Büchern vorlas , um diese seinen Kunden begehrenswert erscheinen zu lassen . Wegen dieser Gabe des rollenden Rezitierens nannten ihn Stilpe und Girlinger den Deklamator . Stilpe liebte ihn direkt und sah in ihm den Helden seines ersten Dramas . In wiefern Herr Wopf den Anforderungen an einen dramatischen Helden entsprach , das war ihm freilich unklar , ging ihm aber auch nicht nahe . Sicher war nur , daß die üppig blühende Gattin , die früher scheuern gegangen war , die Rolle der Ehebrecherin haben mußte . Sich selbst dachte Stilpe als den Galan , doch stellte er sich in dieser Thätigkeit etwas älter und als berühmten Journalisten vor . Die Hauptscene , der Drehpunkt des Ganzen , stand schon fest , aber nur im Kopfe , denn , und dies gilt für die meisten dichterischen Pläne Stilpes in dieser und späteren Zeit : Er kam selten dazu , seine Entwürfe in Tinte umzusetzen . Schade übrigens , daß Stilpe diese Szene nicht ausgeführt hat . Sie war höchst verwegen naturalistisch gedacht und sehr geeignet , Ärgernis zu erregen , - ein poetischer Zweck , der dem revolutionären Obertertianer ziemlich