, wieder aufzugeben . Ich wußte meine seinwollenden Freier so in Entfernung zu halten , daß keiner einen Antrag wagte und daß auch niemand in der Gesellschaft das kompromittierende Wort von mir sagen konnte : » Sie läßt sich den Hof machen . « Mein Sohn Rudolf sollte einst auf seine Mutter stolz sein dürfen - keinen Hauch des Verdachtes auf dem blanken Spiegel ihres guten Rufes vorfinden . Wenn jedoch der Fall einträte , daß mein Herz von neuem in Liebe erglühte - es konnte nur für einen Würdigen sein - dann war ich ja geneigt , das Anrecht , welches meine Jugend noch auf irdisches Glück besaß , geltend zu machen und eine zweite Ehe einzugehen . Unterdessen - von Liebe und Glück abgesehen - war ich recht guter Dinge . Der Tanz , das Theater , der Putz : an alledem fand ich lebhaftes Vergnügen . Dabei vernachlässigte ich weder meinen kleinen Rudolf noch meine eigene Ausbildung . Nicht , daß ich mich in gründliche Fachstudien vertiefte ; aber über die Bewegung der Geister erhielt ich mich stets auf dem Laufenden , indem ich mir die hervorragendsten neuen Erscheinungen der Weltlitteratur anschaffte und regelmäßig sämtliche Artikel , auch die wissenschaftlichen , der » Revue des deux Mondes « und ähnlicher Zeitschriften aufmerksam las . Diese Beschäftigung hatte freilich zur Folge , daß die vorerwähnte Schranke , welche mein Seelenleben von der mich umgebenden Junge-Herrenwelt abschloß , immer höher wurde - aber das war schon recht so . Gern hätte ich in meinen Salon einige Persönlichkeiten aus der Litteraten- und Gelehrtenwelt zugezogen , allein dies war in der Mitte , in der ich mich bewegte , nicht recht thunlich . Bürgerliche Elemente werden der österreichischen sogenannten » Societät « nicht beigemischt . Namentlich damals ; seither hat sich dieser ausschließliche Geist etwas geändert und es ist Mode geworden , einzelnen Vertretern der Kunst und Wissenschaft seine Salons zu öffnen . Zu der Zeit , von der ich spreche , war dies jedoch nicht der Fall ; was nicht hoffähig war - das heißt was nicht sechzehn Ahnen aufzuweisen hatte - war von vornherein ausgeschlossen . Unsere gewohnte Gesellschaft wäre ganz unangenehm überrascht gewesen , bei mir unadelige Leute anzutreffen , und hätte nicht den rechten Ton gefunden , mit solchen zu verkehren . Und diese selber hätten meinen mit » Komtesseln « und Sportsmen , mit alten Generälen und alten Stiftsdamen gefüllten Salon schon gar unerträglich langweilig gefunden . Welchen Anteil konnten Männer von Geist und Wissen , Schriftsteller und Künstler , an den ewig gleichen Erörterungen nehmen : bei wem gestern getanzt worden und bei wem morgen getanzt wird - ob bei Schwarzenberg , bei Pallavicini oder bei Hof - welche Passionen Baronin Pacher einflößt , welche Partie Komteß Palffy ausgeschlagen , wieviel Herrschaften Fürst Croy besitzt , was die junge Almasy für eine » Geborene « sei , ob eine Festetics oder eine Wenkheim , und ob die Wenkheim , deren Mutter ein Khevenhüller gewesen u.s.w. u.s.w. Das war nämlich so der Stoff der meisten um mich herum geführten Unterhaltungen . Auch die geistvollen und unterrichteten Leute , von welchen doch gar manche in unseren Kreisen sich fanden - Staatsmänner und dergleichen - glaubten sich verpflichtet , wenn sie mit uns - tanzender Jugend - verkehrten , denselben frivolen und inhaltslosen Ton anzuschlagen . Wie gerne hätte ich oft nach einem Diner mich in die Ecke begeben , wo ein paar unserer vielgereisten Diplomaten , beredten Reichsräten , oder sonstige bedeutende Männer über bedeutende Fragen ihre Meinung austauschten - aber das war nicht thunlich ; ich mußte schon bei den anderen jungen Frauen bleiben und die Toiletten besprechen , die wir für den nächsten großen Ball vorbereiteten . Und hätte ich mich auch in jene Gruppe eingedrängt , sogleich würden die eben geführten Gespräche über Nationalökonomie , über Byrons Poesie , über Theorien von Strauß und Renan verstummt sein und es würde geheißen haben : » Ach , Gräfin Dotzky ! ... gestern auf dem Damen-Pique-nique haben Sie bezaubernd ausgesehen ... und Sie gehen doch morgen zum Empfang bei der russischen Botschaft ? « » Erlaube , liebe Martha , « sagte mein Vetter Konrad Althaus , » daß ich Dir Oberstlieutenant Baron Tilling vorstelle . « Ich neigte den Kopf . Der Vorstellende entfernte sich und der Vorgestellte blieb stumm . Ich faßte dies als eine Aufforderung zum Tanze auf und erhob mich von meinem Sitz - mit gerundet aufgehobenem linken Arm , bereit , ihn auf Baron Tillings Schulter zu lehnen . » Verzeihen Sie , Gräfin , « sagte jener mit einem flüchtigen Lächeln , das blitzend weiße Zähne aufdeckte , » ich kann nicht tanzen . « » Ah so - desto besser , « antwortete ich , mich wieder setzend . » Ich hatte mich ohnehin hierher zurückgezogen , um ein wenig auszuruhen . « » Und ich hatte mir die Ehre erbeten , Ihnen vorgestellt zu werden , gnädige Gräfin , um Ihnen eine Mitteilung zu machen . « Ich blickte erstaunt auf . Der Baron machte ein sehr ernstes Gesicht . Er war überhaupt ein ernsthaft aussehender Mann - nicht mehr jung , etwa vierzig , mit einigen Silberfäden an den Schläfen - im ganzen eine vornehme , sympathische Erscheinung . Ich hatte mir angewöhnt , jeden Neuvorgestellten auf die Frage hin prüfend anzusehen : Bist Du ein Freier ? - würde ich Dich nehmen ? Beide Fragen beantwortete ich mir in diesem Falle mit einem schnellen » Nein « . Es fehlte dem Betreffenden durchaus der verbindlich-anbetende Ausdruck , welchen alle jene anzunehmen pflegen , die sich den Frauen mit sogenannten » Absichten « nahen ; - und die andere Frage fand schon durch seine Uniform verneinende Erledigung . Ein zweites Mal würde ich keinem Soldaten die Hand reichen - das hatte ich mir fest vorgenommen . Nicht nur aus dem Grunde , um kein zweites Mal der schrecklichen Angst ausgesetzt zu werden , den Gatten ins Feld