einem kleinen Lächeln und ganz gemütlich ; allein sie würde sie ohne die heutigen Enthüllungen doch nicht gemacht haben . Auch verstand er sie wohl und antwortete ungesäumt , sie habe vollkommen recht , ihn daran zu erinnern ; er werde trachten , ein Fäßchen von jenem Weine zu erhalten , der ihr gewiß schmecken solle . Mit diesem Vermeiden einer logischen Erörterung war hinwieder die Frau zufrieden , da sie das Geständnis seines Fehltrittes darin sah , fast vor der Haustür noch mit Fremden in ein Wirtshaus zu gehen . Zur Versöhnung erklärte sie übrigens , daß sie sich danach sehne , einige Stunden ins Grüne zu wandern ; sie sei niemals nur in den Wald hinauf gekommen , selbst zur Zeit nicht , wo sie noch Dienstleute gehalten habe . Sie zogen also miteinander aus , in den Wald hinauf , der sie mit seinem durchsichtigen Schatten empfing . Die lange nicht genossene Luft solchen Kulturgehölzes machte dem Familienhaupt wohl zumute ; die alte Lebhaftigkeit erwachte in ihm , so daß er Frau und Kindern von dem Unterschiede zu erzählen begann zwischen den Urwäldern des Westens , wo nur Kampf und Ausrottung herrsche , und den von erquickender Luft durchwehten Forsten der Alten Welt , wo der Wald gebaut und gepflegt würde fast wie ein Hausgarten . Und wie auch da noch Gegensätze zu treffen seien , zeigte er ihnen , indem er hier an dem reinlichen Boden und den sauber und licht gehaltenen Stämmen eine Staats- oder Genossenschaftswaldung , dort an Gestrüpp , Wucherzeug und kränklichem Holze den Besitz nachlässiger Bauern erkennen wollte . Auch prüfte er die Kinder , ob sie hie und da eine blühende Pflanze zu benennen wüßten oder den Vogel kennten , der soeben gepfiffen habe . Sie wußten aber nichts , und er sagte zur Frau : » Das ist ' s eben ; die Kinder sind zu einsam ! « » Aber lieber Mann , « erwiderte sie , » die Kinder sind ja das Jahr hindurch unter hundert andern , und in ihren Schulstuben sind alle Wände voll Bilder , auch viele Vögel , die sie bei Namen kennen ! Was die lebendigen Vögel betrifft , so habe ich als Mädchen gerade durch meine Unkenntnis etwas erlebt , das mir immer noch nachgeht . Eines Sonntagabends , nach der Singstunde , spazierte ich ganz allein über eine Anhöhe nach Hause und saß oben ein Weilchen nieder . Gegenüber lag ein anderer bewaldeter Hügel , in dessen Bäumen verborgen ein mir unbekannter Vogel sang , so schön , so schön durch die stille Luft und Einsamkeit , daß es mir wahrhaftig das Herz bewegte und ich feuchte Augen bekam . Ich erzählte zu Hause davon und hätte gar zu gern gewußt , was das für ein Vogel mochte gewesen sein . Die Leute rieten hin und her , ein Bursch , der manche Vogelstimmen nachahmen konnte , gab diesen und jenen Ton an und nannte den betreffenden Singvogel ; allein keine der Weisen glich dem , was ich gehört . Jetzt , nach soviel Jahren , höre ich in ruhigen Augenblicken noch den unsichtbaren Sänger und bin froh daß er mir unbekannt geblieben ist und auf die Art mir die Feierlichkeit jener Abendstunde stets in Erinnerung blieb . « » Du hast mir das auch schon erzählt , « sagte Salander lachend , » und es ist artig genug , ich will es nicht bemängeln ! Allein wenn es ein Argument gegen das Kennenlernen der Dinge sein soll , so muß ich dich zur Ordnung rufen , Frau Jesuitin ! Verkünderin des Mysteriösen und Unbekannten ! « » Geh , du weißt wohl , daß es nicht so gemeint ist , du Schulmeister ! « Der neckische Ton verwandelte sich in ein ernsteres Gespräch über Ziele und Grenzen des erzieherischen Verkehrs mit den Kindern , welches die wackere Frau mit aufmerksamer Teilnahme in allen Ehren bestand . Beide Gatten , indem sie die Kinder vor sich herspringen sahen , vergaßen darüber die Gegenwart und blickten von Hoffnungen belebt in die Zukunft , welche ihnen fast so lieblich dünkte als der unbekannte Vogel der Frau Marie . So hatten sie einen beträchtlichen Weg zurückgelegt und stiegen in ein Waldtälchen hinunter , durch das ein schöner klarer Bach floß , der sein reichliches Wasser über das bunte Geschiebe und Gerölle wälzte , wie es der Berg abließ . In einer rundlichen Ausbuchtung ergoß sich über einige bemooste Steinblöcke ein kleiner Wasserfall , unmittelbar aus jungem Buchenschlag hervor , und Martin Salander erkannte sogleich den anmutigen Winkel von früher her . » Dort wollen wir uns ein Stündchen niederlassen « , sagte er und rief den Kindern zu , ihnen den Weg anweisend . Auch Frau Marie pries das Tälchen und eilte rüstig den abschüssigen , von Gestein unterbrochenen Pfad hinunter . Seit langer Zeit war es ihr nicht vergönnt gewesen , sich in freier Natur zu bewegen ohne einen andern Zweck als die Bewegung selbst . Am Bachufer angekommen , hatten sie noch um ein vorragendes größeres Felstrumm zu biegen , welches den besten schattigen Ruheplatz verbarg . Die vorausgelaufenen Kinder standen plötzlich still , und als auch die Eltern am Platze waren , sahen sie einen Mann , der mit bloßen Füßen , ausgestülpten Beinkleidern und Hemdärmeln im Wasser stand und unter den Steinen umhergriff , nach Krebsen suchend . Auf einer trockenen Steinplatte des Ufers lagen ein paar kleine tote Forellen neben einem Gesäße , wie es die Angelfischer mit sich führen , und einer offenen Botanisiertrommel , welche in Papier gewickelte Eßwaren enthielt . An geschützter Stelle befand sich im kühlen Wasser eine angebrochene Weinflasche . » Der Platz ist schon besetzt , « sagte halblaut Salander , » wir wollen weitergehen ! « Er ging vorwärts , um auf dem engen Wege zwischen dem Krebsfänger und seinen Veranstaltungen vorbeizukommen , und seine Familie folgte ihm auf dem Fuße , zunächst die Frau . Da richtete sich der Mann im