uns bloß so hin . Sie lassen sich ' s gefallen , daß wir ihnen die Zeit vertreiben , und sind auch wohl dankbar dafür , aber von unserer Tugend und Sitte zu hören ist ihnen nur langweilig . Denn sie glauben nicht daran , und weil sie nicht daran glauben , erscheint ihnen unser Tugendanspruch einfach prätentiös . Wir sollen nicht bloß tatsächlich anders sein wie sie , nein , sie wollen sich dieses Unterschiedes auch bewußt werden . Und so glaube mir denn , es wird ihnen gar nicht schwer , uns zu pardonnieren , aber uns zu respektieren ist ihnen lästig und unbequem . Du hast keine Vorstellung davon , in wie vielerlei Kleider sich der menschliche Hochmut steckt . Und auch die Gräfin drüben , sosehr ich sie verehre , wird schließlich keine Ausnahme machen ... Aber sieh nur , wer ist denn der alte Herr , der sich drüben im Hotel eben über die Balkonbrüstung lehnt und hieher lorgnettiert , als kenn er uns ? Ist das nicht ... ? « Und im selben Augenblick erkannten beide den alten Grafen und erwiderten seinen Gruß . Wirklich , er war es , und ehe sich beide Damen noch in ihren Verwunderungen und Mitteilungen erschöpft hatten , erschien er bereits in Person , um ihnen einen Morgenbesuch zu machen . Er war unbefangen , auch Franziska gegenüber , und lächelte nur , als Phemi genau so , wie sie damals Egon bestürmt hatte , halb in wirklicher und mehr noch in erkünstelter Neugier mit hundert Fragen auf ihn einzudringen begann . Es habe verlautet , wenn auch nur gerüchtweise , daß er den Sommer in Trouville zubringen werde ; statt dessen habe , wie der Augenschein lehre , Wien oder doch Öslau gesiegt , woraus sie den Schluß ziehe , daß das entkaiserte Frankreich auch zugleich ein entzaubertes Frankreich für ihn gewesen sei . Der Graf in seiner Antwort schwankte zwischen Zugeben und Bestreiten und versteckte dabei den eigentlichen und wahren Grund seiner Rückkehr hinter allerlei Scheingründen , in deren übermütiger und etwas grotesker Ausmalung er sich gefiel . Es sei wirklich sein Plan gewesen , während der heißen Monate nach Trouville zu gehen , aber weil die Saison erst Mitte Juli beginne , habe er zu viel Zeit gehabt , sich in seiner Phantasie mit dem Badestrand und seinen Bildern zu beschäftigen , eine Beschäftigung , an der schließlich die ganze Reise gescheitert sei ; was übrigens niemanden in Verwunderung setzen werde , der das Übergewicht der Vorstellung über die Wirklichkeit irgendeinmal an sich selbst erfahren habe . Das fait accompli bedeute gemeinhin nicht viel , aber in der Erwartung der Dinge liege Himmel und Hölle . Das habe sich ihm in den Tagen seiner Phantasiebeschäftigung mit dem Trouviller Badestrand auch wieder recht fühlbar gemacht . Er habe nichts gegen Urzuständlichkeiten , und das letzte , woran er kranke , sei Prüderie , ja das Paradiesische , das Mittelafrikanische , das Mythologische , gleichviel , welcher Ausdruck seitens der Damen bevorzugt werde , werde niemals von ihm beanstandet werden ; aber er hasse die Mischgattungen und müsse statt ihrer auf Einheit und Reinheit des Stiles dringen . Jeder ehrlich gemeinte Versuch , das alte Theatervorhangthema : Neptun und Arion samt dem ganzen Corps de ballet der Weltmeere , zu neuem , wirklichen Leben erblühen zu lassen , dürfe seiner Zustimmung ein für allemal sicher sein , aber verschämte Halbzustände , Zustände , die nicht Fisch und nicht Vogel seien , hätten diese seine Zustimmung mit gleicher Entschiedenheit nicht . Und so dürfe er sich denn allerdings berühmen , ausschließlich unter der Wucht ästhetischer Bedenken einen fluchtartigen Rückzug aus Frankreich angetreten zu haben . Während er so sprach , war Lysinka neugierig aus ihrer Hängematte herausgekrochen und stellte sich ohne jede Spur von Verlegenheit mit an den Tisch , ganz so , wie verwöhnte Kinder zu tun pflegen . Ihr Auge ging dabei beständig umher und sah jeden einzelnen wie fragend und doch auch wieder halb verständnisvoll an . Es war ersichtlich , daß sie dem alten Grafen , der unwillkürlich seine Hand über ihr langes blondes Haar hingleiten ließ , ungemein gefiel ; ehe er aber eine Frage zu tun imstande war , sagte Phemi , die mit Franziskas aufsteigender Verlegenheit ein Mitleid haben mochte : » Das war nun also Trouville , Herr Graf . Und nun Paris , Paris , von dem ich so gerne höre , das mein Ideal und meine Sehnsucht war von Kindheit an und das ich schon um meiner Kunst willen so gern gesehen und befragt und studiert hätte . Ja , wirklich , um meiner Kunst willen . Eine reizende junge Kollegin von mir , natürlich Liebhaberin , phantasierte neulich sogar von der Heiligkeit ihrer Kunst . Es war komischer als Tewele . Doch ich verirre mich von der Hauptsache , von Paris , über das wir , nicht wahr , Fränzl , um so lieber berichten hören , als uns Graf Pejevics gestern erst von London erzählt hat . « » Und wie fand er London ? « » Er klagte , daß alles zu schwer sei , sogar die Träume . « » Je nun « , lachte der Graf , » die sind heuer auch in Frankreich gerade schwer genug . Es sind Rüstungs-und Waffenträume , Vierundzwanzigpfünder mit der Aufschrift Revanche . Ja , die Franzosen sind und bleiben Kinder . Aber so schwer ihre Träume sind , so leicht ist ihr Leben nach wie vor , und ich habe keinen Unterschied entdecken können zwischen sonst und jetzt . Das entkaiserte Frankreich , um Fräulein Phemis Wort zu wiederholen , ist nicht entzaubert . Und warum nicht entzaubert ? Weil es zu den Vorzügen oder meinetwegen auch zu den Schwächen dieses Volkes gehört , im steten Wechsel der Dinge sich selbst immer gleichzubleiben . Ich habe es nun unter einem halben Dutzend widerstreitender Regierungen im wesentlichen ohne jede Veränderung gesehen und möchte mich fast verwetten ,