gut , und alle Kinder sind böse , wie man ' s nimmt ... Lesen Sie , Fräulein , lesen Sie , verlieren wir keine Zeit . Mir gaben die Worte des Grafen viel zu denken . Für so verblendet hatte ich ihn doch nicht gehalten , daß er gerade das Gegenteil dessen , was seine Tochter war , in ihr sah : ein gutes , liebevolles Kind . Es schnürte mir das Herz zusammen , wenn ich mir vorstellte , wie herb die Enttäuschung sein werde , die er früher oder später an dem Wesen erleiden müsse , das ihm über alles in der Welt teuer war . Du lieber Gott , was machte den ganzen Reichtum dieses Mannes aus ? Was hielt ihn aufrecht und spendete ihm Trost in dem großen Unglück , das er erfahren hatte ? Wahn und wieder Wahn ! Der Glaube an die Liebe und Treue seines Weibes verklärte ihm seine Erinnerungen , der Glaube an die Güte seines Kindes schimmerte wie ein mildes Licht über seinem Leben . Ein tiefes Erbarmen erfüllte mich und zugleich eine Verehrung ohne Grenzen . Dieser Mann hatte gewiß nicht viel über sich nachgedacht , die edlen Eigenschaften , die ihn erfüllten , kamen ihm nur in andern zum Bewußtsein ... Oh , Freundin ! die Welt verlacht die Betrogenen - ich liege vor ihnen auf den Knien ... Ich konnte meinen Grafen nicht ansehen , konnte nicht an ihn denken , ohne mir zu sagen : Du braves Herz ! Aus deiner Ehrlichkeit entspringt dein Glaube , aus deiner eigenen , lauteren Seele dein Vertrauen , dein günstiges Vorurteil ... Du armer Mann , wie reich bist du ! Ich bedauerte und bewunderte ihn und meinte nun doch zu können , was mir bisher unmöglich geschienen hatte : sein Kind zu lieben und es lieben zu lehren . Er sollte nicht nur eingebildete Güter besitzen , das eine unter ihnen , das meiner Obhut anvertraut war , mußte durch mich ein wirklich wertvolles werden , und ich wollte mir sagen können , wenn ich es einst in seine Hand zurückgäbe : Jetzt gleicht dein Kind dem Bilde , das du dir von ihm gemacht hast . Damals habe ich meinen ersten großen Kampf gekämpft mit einem kleinen Mädchen . Ach Gott , mir erging es schlimmer als Moses in der Wüste Zin . Zweimal pochte der an einen Felsen - wie oft ich es getan , ist nicht zu zählen , und wie vergeblich , nicht auszudrücken . Ich hatte mich dahin gebracht , Anka gegenüber eine eherne Stirn anzunehmen , und sie stellte ihre Feindseligkeiten ein , als sie zu bemerken glaubte , daß sie mir keinen Eindruck machten . Jetzt , ganz beseelt von meinen neuen Vorsätzen , begann ich freundlicher mit ihr zu werden , und augenblicklich , so rasch wie ein Messer einschnappt , der Hahn eines Gewehrs knackt , sprang sie aus ihrer Gleichgültigkeit in ein herausforderndes , verletzendes Wesen über . Ich weiß recht gut , Sie wollen sich bei mir einschmeicheln , warf sie mir einmal hin , aber es nützt Ihnen nichts . Je nachsichtiger ich sie behandelte , desto gereizter schien sie . Ich sah wohl , daß Francine sich ' s angelegen sein ließ , sie wider mich zu hetzen , konnte aber nicht erraten , durch welches Mittel . Ebenso rätselhaft war mir manches im Benehmen der Dienerschaft . Jeder einzelne zeigte sich kriechend und unterwürfig , wenn er mir allein begegnete , steif und verlegen in Gegenwart seiner Genossen . Es schien jedem um meine Gunst zu tun und jedem auch darum , es nicht einzugestehen . Nur der Doktor blieb immer derselbe . Er war weder ein Mann von vielen Worten noch von feiner Erziehung . Ich bitte oder ich danke hat er selten gesagt . Seine ärztlichen Ratschläge erteilte er kurz und verachtete jene , die sie nicht befolgten . Armen und Dienern gegenüber besaß er nicht die nötige Duldsamkeit , war immer gleich bereit , die Hand von ihnen abzuziehen , wenn sie sich einen Zweifel an der Wirksamkeit seiner Mittel und der Weisheit seiner Anordnungen erlaubten . Blinden Glauben und Gehorsam jedoch belohnte er durch unermüdliche , aufopfernde Fürsorge , und seine Patienten fuhren wohl dabei . Mir ist er von dem Tage , an welchem ich das Haus betrat , bis zu dem , an welchem ich es verließ , ein treuer Freund gewesen , und er zeigte sich auch damals mir gegenüber unverändert . Wir lebten allerdings samt und sonders in schrecklicher Spannung , und nur spärlich drangen Nachrichten in unsern vergessenen Erdenwinkel . Aufs höchste verstimmt war der Graf . Er litt noch heftige Schmerzen , die zu verbeißen ihm nicht immer gelang , und grollte darüber mit sich selbst . Krank sein erschien ihm wie eine Art Schande für einen Mann . Und nun gar jetzt in diesen Tagen , in denen er sich am liebsten aufs Pferd geworfen hätte , um dem Erzherzog nachzureiten , der an der Spitze der Hauptarmee über Böhmen zog , gegen Regensburg . Wie begreiflich war diese Sehnsucht , wie gut konnte ich sie verstehen ! Er hatte als Jüngling unter Erzherzog Karl gedient , den Feldzug vom Jahre neunundneunzig mitgemacht ; an Stocksach , Zürich , Mannheim knüpften sich seine glorreichen Erinnerungen , er betete den Helden an , dem er sie verdankte . Wir erfuhren oder errieten vielmehr aus einzelnen seiner Äußerungen , daß es schon im Spätherbst beschlossene Sache bei ihm gewesen war , an dem neuen Feldzuge teilzunehmen , und daß er alle vorbereitenden Schritte zu seinem Wiedereintritt ins Heer durch Stephan hatte machen lassen . Nun schrieb dieser : Komm ! und gab den Ort an , nach dem die Kriegsequipage zu senden sei , und der Graf saß da in seinem einsamen Schloß , unfähig , einen Säbelgriff zu halten , ein Pferd zu besteigen , und führte statt des ersehnten Kampfes gegen tapfere Feinde