der Ausdünstung der vielen Menschen kam der Dunst des Herdes , an welchem Frau Chane Wohlgeruch das Mittagessen bereitete , und überhaupt genau so waltete , wie Schiller singt , nur daß sie nicht bloß den Knaben , sondern auch den Mädchen wehrte und bald dem , bald jenem ihrer Kinder eine ungeheure Maulschelle gab . In ähnlichen Bewegungen bestand auch die Haupttätigkeit ihres Gatten ; nur daß er bei der großen Anzahl der Schüler die eigene Hand , so knochig und fest sie war , nicht für ausreichend hielt und darum immer ein scharfkantiges , messingbeschlagenes Lineal schwang , auf welchem mancher dunkle Fleck saß , nicht Tinte , sondern Blut . Das war übrigens nur das Werkzeug für den ersten Torturgrad . Der zweite wurde neben der Tür vollzogen , wo auf einem Schemel ein anscheinend harmloser , aber in guten Essig getauchter Birkenzweig ruhte - er ruhte aber selten - . Der dritte Grad endlich wurde in einem dunklen Winkel geübt ; dort war ein Haufe scharfkantiger Steine geschichtet , auf die man den armen kleinen Sünder gebunden hinwarf . Als die Rosel mit dem neuen Zögling eintrat , war gerade nur das Lineal in Tätigkeit , aber auch dies wirkte , wenn man aus dem Geheul des eben bearbeiteten Jungen schließen durfte , sehr energisch . Auch der Lehrer war offenbar erregt , und wenn der hagere , furchtbar verwahrloste Mann mit der ungeheuren Geiernase im verkniffenen Gesichte auch sonst keinen gemütlichen Eindruck machte , so mußte er nun in seiner Raserei geradezu unheimlich erscheinen . Der kleine » Pojaz « schrie denn auch , als sollte er an den Spieß gesteckt werden . Frau Rosel zauderte abermals . Aber dann gab sie dem Bübchen einen festen Ruck und brachte ihren Antrag vor . Reb Elias war natürlich einverstanden , hier doppelt , weil sich die Frau bei der Feststellung des Kost-und Lehrgeldes nicht knickrig zeigte . Er hoffe den besten Erfolg , versicherte er , seiner Erziehungsmethode habe auch der wildeste Range nicht widerstanden . Und dann erklärte er dem Ankömmling in einladendster Weise die Bedeutung des Lineals , des Schemels und der Steine . Der armen Frau gab es einen Stich durchs Herz , aber sie blieb fest , und als der Rebbe , wahrlich nicht aus Menschenliebe , fragte , ob sie nicht den Knaben mindestens jeden Sabbat über bei sich zu haben wünsche , erwiderte sie : » Nein ! nicht eher , als bis er mindestens gut lesen kann . « Aber Sender kam schon viel früher heim : am Abend desselben Tages . Das Bübchen hatte sich mühsam bis zum Mauthaus geschleppt und wenn es auch vor blutigem Weinen nicht zum Reden kam , so erzählte doch der arme , zarte Leib , daß der Erzieher neben der alten Betschul bereits im Laufe des einzigen Tages Zeit gefunden , alle drei Mittel in Anwendung zu bringen . Die düstere Frau wusch und kühlte schweigend den Körper ihres Lieblings und bettete ihn an gewohnter Stelle . Dann verbrachte sie schlaflos die Nacht an seinem Lager und weinte vor sich hin , weinte zum ersten Male seit langen Jahren . Aber als Sender wieder wohl war , zerrte sie ihn doch zurück zum Cheder . In dieser Frau war eine unheimlich starke Kraft des Willens , stärker als in den meisten Männern ihres Stammes . Man soll nicht überflüssig Düsteres berichten , und nichts auf Erden ist düsterer als grausames Leid , das sich über hilfloser Kindheit entlädt . Darum kein Wort über die Art , wie Reb Elias die Wiederkehr des Flüchtlings feierte , und über die Methode , durch die er ihm schließlich doch das Lesen beibrachte . Das geschah freilich erst nach zwei Monaten . Aber dann sah sich Reb Elias benötigt , einen Besuch im Mauthause zu machen . » Ich habe ihn wirklich weit gebracht « , erklärte er , » wir könnten jetzt sogar schon mit dem Übersetzen anfangen , aber der Bub ist so trotzig . Aus Trotz hat er sich jetzt in eine Ecke gelegt und will nichts mehr essen . « Die Frau ging zu dem Kinde . Und als sie an seinem Lager niederkniete , da wurde sie inne , daß Sender in seinem Trotze noch viel weiter ging : das Bübchen atmete kaum noch und sein linker Arm war gebrochen . Frau Rosel blickte den Rebbe mit einem langen Blicke an , daß er entsetzt in eine Ecke zurückwich . Dann hob sie den Knaben in ihre Arme und trug ihn heim . Der Arzt machte anfangs ein bedenkliches Gesicht , weil der Bruch so lange vernachlässigt geblieben . Aber in dem schwächlichen Knaben war doch etwas von der eisernen Natur des Vaters . Nach vier Wochen war jede Gefahr vorüber . An dem Tage , wo ihr der Arzt dies erklärte , wich Rosel zuerst vom Lager des Kranken . Sie ging in ihr Gärtchen und schnitt dort eine lange , starke und doch biegsame Staude ab . Und so gerüstet machte sie dem Rebbe Elias Wohlgeruch einen Besuch . Von den Gesprächen , welche sie in stiller Kammer mit ihm gepflogen , wurden auf die Straße hinaus freilich nur unartikulierte Laute hörbar , aber ihr Inhalt blieb im allgemeinen doch nicht unbekannt . So endete dieser Abschnitt in den Lehr- und Lernjahren des » Pojaz « mit einer stark dramatischen Szene . Viertes Kapitel Nun wechselt der Schauplatz dieser Geschichte ; sie spielt nicht mehr in Barnow , sondern in Buczacz . Aber da dies gleichfalls ein erbärmliches galizisches Judennest ist und im selben Kreise , nur fünf Meilen von Barnow liegt , so ist dies anscheinend kein großer Unterschied . Aber nur anscheinend , in Wahrheit trennt die Bewohner beider Städtchen die tiefste Kluft . Wohl sind sie gleich ungebildet , gleich arm , gleich mißachtet , wohl tragen sie die gleiche Tracht und beugen sich demselben Gotte , aber sie dienen ihm in grundverschiedener Weise . Die