Triebrädern hingen , steigerten , wenn nicht den idyllischen , so doch den malerischen Reiz des weitschichtigen , aus Häusern , Schuppen und Lagerräumen bunt zusammengewürfelten Gehöftes . Rittergut und Mühle die Flügelpunkte ; dazwischen die Straße , die ihre dreißig Häuser oder mehr ziemlich unregelmäßig auf beide Seiten verteilt hatte . Die linke Seite , die östliche , war die bevorzugte . Hier lagen die Pfarre , die Schule , der Schulzenhof , während die rechte Seite , die fast ausschließlich von Büdnern und Tagelöhnern bewohnt wurde , nur ein einziges stattliches Gebäude aufwies : den Krug . In diesen treten wir jetzt ein . Er hatte nicht das Ansehen wie sonst wohl Dorfkrüge , dazu fehlte ihm der auf Holzsäulen ruhende , jedem vorfahrenden Wagen als Wetterdach dienende Giebelbau , vielmehr sprang eine doppelarmige , aus Backsteinen aufgemauerte Treppe vor , die fast ein Dritteil der unteren Hausfront ausfüllte . Auch das Geländer war von Stein . Dieser äußeren Erscheinung , die mehr Städtisches als Dörfisches hatte , paßte sich auch die innere Einrichtung an . Von den zwei Gastzimmern , die durch den fliesenbedeckten Flur getrennt waren , zeigte das eine mit seinen blankgescheuerten Tischen und hochlehnigen Schemelstühlen , in die ein Herz geschnitten war , allerdings noch den Krugcharakter , das andere aber mit Mullgardinen und eingerahmten Kupferstichen , darunter Schill und der Erzherzog Karl , glich fast in allem einer Bürgerressourcenstube und hatte sogar einen Lesetisch , auf dem , neben dem » Lebuser Amtsblatt « , der » Beobachter an der Spree « und die » Berlinischen Nachrichten von Staats und gelehrten Sachen « ausgebreitet lagen . Alles verriet Behagen und Wohlhabenheit und durfte es auch , denn über beides verfügten die Hohen-Vietzer Bauern , die hier ihr Solo spielten , in ausgiebigster Weise . Ihre Hörigkeit , wenn sie je vorhanden gewesen war , hatte in diesen Gegenden , wo dem herrenlosen Bruch- und Sumpflande immer neue Strecken fruchtbaren Ackers abgewonnen wurden , seit lange glücklicheren Verhältnissen Platz gemacht , und Berndt von Vitzewitz , weil er selbst frei fühlte , freute sich nicht nur dieser wachsenden Selbständigkeit , sondern kam ihr überall entgegen . Ein Ereignis aus seinen jüngeren Jahren her hatte dazu beigetragen . Kurz vor dem zweiundneunziger Feldzug , als er - noch von seiner Garnison aus - einen Besuch in der Salzwedler Gegend machte , hatte ein Schloß-Tylsener Knesebeck , ein ehemaliger Regimentskamerad , ihn vom Schloß aus ins Dorf geführt und dabei die Worte zu ihm gesprochen : » Seht , Vitzewitz , hier werdet Ihr etwas kennenlernen , was Ihr Euer Lebtag noch nicht gesehen habt : freie Bauern . « Und diese Worte , dazu die Bauern selbst , hatten eines tiefen Eindrucks auf ihn nicht verfehlt . Das lag nun zwanzig Jahre zurück , war aber unvergessen geblieben und den Hohen-Vietzern mehr als einmal zugute gekommen . Auch heute , am Weihnachtstage 1812 , hatten sich einige bäuerliche Honoratioren , alles Männer von Mitte Fünfzig und darüber , in der Gaststube versammelt . Es waren ihrer vier : Ganzbauer Kümmeritz , Anderthalbbauer Kallies , Ganzbauer Reetzke und Ganzbauer Krull , lauter echte Hohen-Vietzer , die , seit unvordenklichen Zeiten an dieser Stelle sässig , mit den Vitzewitzen das alte Höhendorf bewohnt und verlassen , dazu auch gemeinschaftlich mit ihnen die guten und schlechten Zeiten durchgemacht hatten . Alle waren festtäglich gekleidet , trugen lange , dunkelfarbige Röcke und saßen , mit Ausnahme eines von ihnen , grade aufrecht in den breiten , gartenstuhlartigen Holzsesseln , die zu acht oder zehn um einen großen , rotbraun gestrichenen Rundtisch herum standen . Als fünfter hatte sich ihnen der Wirt selber , der Krüger Scharwenka , zugesellt , der durch Erbschaft von Frauensseite her ein Doppelbauer und überhaupt der reichste Mann im Dorfe war , nichtsdestoweniger aber , trotz seiner sechshundert Morgen Bruchacker unterm Pflug , nicht für voll und ebenbürtig angesehen wurde . Das hatte zwei gute Bauerngründe . Der eine lief darauf hinaus , daß erst sein Großvater , bei Urbarmachung des Oderbruchs , mit andern böhmischen Kolonisten ins Dorf gekommen war ; der andere wog schwerer und gipfelte darin , daß er , allem Abmahnen zum Trotz , von dem wenig angesehenen Geschäft des » Krügerns « nicht lassen wollte . Scharwenka , sooft dieser heikle Punkt zur Sprache kam , pflegte sich auf seinen Großvater selig zu berufen , der ihm von Kindesbeinen an beigebracht habe : Dukaten seien nie despektierlich . Der eigentliche Grund aber , warum er den Bierschank und das » Knechte Bedienen « nicht aufgeben wollte , lag keineswegs bei den Dukaten . Es war dem reichen Doppelbauer viel weniger um den hübschen Krugverdienst als um die tagtägliche Berührung mit immer neuen Menschen zu tun ; das Plaudern , vor allem das Horchen , das Bescheidwissen in anderer Leute Taschen , das war es , was ihn bei der Gastwirtschaft festhielt . Er setzte seinen Stolz darin , die Nachricht von einer bäuerlichen , durch die Verhältnisse notwendig gewordenen Mesalliance vierundzwanzig Stunden früher zu haben als jeder andere . Subhastationen konnte er voraus berechnen wie die Kalendermacher das Wetter ; seine eigentliche Spezialität aber waren die der Feuerlegung verdächtigen Windmüller . Die Liste , die er darüber führte , umfaßte so ziemlich das ganze Gewerk . So Krüger Scharwenka . Seinen Platz hatte er gerade der Türe gegenüber genommen , um jeden Eintretenden sehen und begrüßen zu können . Unmittelbar neben ihm saßen Reetzke und Krull , die schon seit einer Stunde rauchten und schwiegen , ganz im Gegensatz zu Kümmeritz und Kallies , die beide von den Gesprächigen waren . Auch von ihnen ein Wort . Ganzbauer Kümmeritz , trotz seiner Fünfzig , hatte durchaus die Haltung und das Ansehen eines alten Soldaten . Und beides kam ihm zu . Er war erst Grenadier , dann Gefreiter im Regiment Möllendorf gewesen , hatte die Rheinkampagne mitgemacht und zweimal die Weißenburger Linien mit erstiegen . War dann bei Kaiserslautern verwundet