Gattin nach einem langen Spaziergange mit seiner einstigen Schülerin , » Hanna , diese noch minorenne Frau hat die Kritik der reinen Vernunft gelesen und merkwürdigerweise verstanden . « » Würde sie nicht besser daran sein , Konstantin , wenn sie dieselbe nicht verstanden hätte ? « entgegnete Frau Hanna . Seit diesem Besuche hatten die Amtleute kein Mitglied ihrer angefreiten Sippe wiedergesehen . Pünktlich am ersten jedes Monats traf ein Brief der Tochter ein , ein braver , kluger Brief , ein Musterbrief , » man könnte ihn drucken lassen « , sagte der Vater ; die Mutter aber weinte allemal den ganzen Tag , nachdem ihr Amtmann ihn vorgelesen , und sehnte sich mehr denn je nach ihrem Hannes , dessen Briefe nicht wie gedruckte geklungen hatten , aber » wie mit Lettern « in ihrem Herzen geschrieben standen . Und so war es bis auf die heutige Stunde geblieben . Die Amtmännin hatte ihr Trauerkleid nicht abgelegt , der Amtmann trug den Kopf höher denn je . Frau Hanna Blümel , die mitunter das Gras wachsen hörte , wollte ihm indessen doch anspüren , er hätte den bisher höchsten Schritt auf seiner Jakobsleiter ebenso gern oder wohl gar lieber unterlassen . Pastor Blümel war festlich angetan in kurzem Beinkleid , langen schwarzen Strümpfen und Schuhen , über dem Leibrock ein schmales Chormäntelchen am Rücken niederhängend . Er hatte , als er in die Gegend versetzt wurde , diese Art halbamtlicher Interimstracht als eine übliche vorgefunden und , vielleicht noch der einzige in der Ephorie , sie beibehalten bei einem Kranken- und Trostbesuch , oder , wie heute , als Gevatterbitter . Eben griff er nach dem Hute , den er bei derlei Gängen aber nicht über das Käppchen setzte , sondern , dem Brauche nach , in der Hand trug , als gegen alle Familienordnung die kleine Balsamine - häuslich Minchen - in das geistliche Gemach stürmte , um einen Besucher anzumelden , der sich der Mutter in der Laube » Herr von Hartenstein « genannt habe . Herr von Hartenstein ! ein Landsmann aus der alten Heimat , ein Held aus seiner großen Zeit , sein Patron , nach dessen Bekanntschaft er sich seit zehn Jahren gesehnt hatte ! Welche neue , frohe Überraschung an diesem Tage frohester Überraschungen ! Oder sollte es der Sohn des Ersehnten sein , seiner Schülerin Gatte , vielleicht sein künftiger Patron ? Ei nun , dieser oder jener , jedenfalls ein teurer , hochwillkommener Gast . Nun gab es aber noch einen dritten Hartenstein ; einen , den Konstantin Blümel persönlich gekannt hatte zu einer Zeit , wo er eine nähere Beziehung zu jener Familie sich nicht träumen ließ , ja dem er diese Beziehung recht eigentlich dankte ; einen Kameraden vom Yorckschen Korps und - seltsamste Wandlung bei einem Hartenstein ! - einen geistlichen Amtsbruder , dessen Name , neuerdings laut in die Öffentlichkeit dringend , des alten Waffenbruders Erinnerung lebhaft angefacht hatte ; einen , dessen Wiedersehen er noch inniger als die Bekanntschaft der beiden anderen ersehnt - und just auf die Vermutung dieses dritten kam Konstantin Blümel nicht . Ja , als der Gemeldete jetzt , von der Hausfrau geleitet , die Schwelle überschritt , selber da schwankte er noch zwischen der Annahme von Vater und Sohn . Erst als der Fremde sich mit den Worten einführte : » Sie scheinen mich nicht wiederzuerkennen , Herr Prediger : ich bin der Doktor Joachim von Hartenstein , « erst da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen ; allein - wunderbar ! eine steife Verbeugung war alles , was ihm zum Willkomm des Ersehnten gelang . Während er nun aber , stumm vor Überraschung , dem bleichen , ergrauten , bürgerlich gekleideten Manne gegenüberstand , den er zuletzt mit kampfgeröteten Wangen , in der blauen Litewka , das Eiserne Kreuz auf der Brust , gesehen hatte , während er in plötzlicher Scheu kaum die Fingerspitzen des Amtsbruders zu berühren wagte , wo er so gern die Hand des Kameraden geschüttelt hätte , da entschleierte sich mit der Gedankenschnelle , für die es keinen Maßstab gibt , vor Konstantin Blümels Seelenauge die Wechselwirkung von Natur und Schicksal , die diesen lange verehrten Mann ihm plötzlich zu einem Fremden machte . Es war der Kämpfer , welcher dem Versöhner gegenüberstand . » So schön und so tapfer wie ein Hartenstein « galt als Sprichwort unter dem preußischen Soldatenadel , und von fünf Söhnen eines alten tapferen Obersten aus der friderizianischen Schule war der jüngste , Joachim , der schönste und feurigste , » den Hektor der Armee « hatte ein hoher Frauenmund ihn genannt . Sämtlich waren sie Militärs , und sämtlich folgten sie dem Vater in den Feldzug von 1806 . Der unselige 14. Oktober zertrümmerte Ehre und Glück auch dieses heldenmütigen Geschlechts . Das vaterländische Heer lag am Boden , einer Leiche gleich , an der die Würmer zu nagen begannen . Auch gegen den Obersten tauchten aus einem unentdeckbaren Winkel Bezichtigungen auf , welche bei Freund wie Feind ein höhnendes Echo weckten . Wer unterscheidet in so trüben Tagen scharf die Linie , auf welcher Unglück und Unglimpf sich scheiden ? Wo so viele unrein werden , ätzt das geblendete Auge ein reiner Punkt . Erst beruhigten Zeiten liegt die Klärung ob . Als nach dem Frieden die militärische Untersuchungskommission ihr Werk begann , war der jammervolle Greis seiner Pein erlegen ; von oberster Stelle ist der Flecken auf seinem Ehrenschilde nicht bestätigt worden ; in den Herzen seiner Söhne lebte er fort als ein Held . Vier von ihnen umstanden seine Bahre ; der fünfte moderte in den Gruben an der Saale . Die Armee war aufgelöst , der Brüder Zukunft eine Frage . Dort auf das tote Haupt des Vaters leistete einer nach dem anderen den Schwur , die verdunkelte Ehre rein zu waschen , dereinst im Kampfe gegen den Überwältiger des Vaterlandes , zunächst in dem gegen den Verleumder des Vaters . Es