nackten Füßen durch die Heide und singt drüben am Hügel - ich kann das Singen nicht hören , Ilse ! « Das wußte ich wohl ; nie hatte auf dem Dierkhofe ein singender Laut über meine Lippen kommen dürfen - ach , und ich sang so gern ! Mir war , als fliege meine Seele auf den Tönen , die mir die Brust weiteten , in die Ferne hinaus . Da sang ich denn in Heinzens Lehmhütte , daß die flaschengrünen Fensterlein zitterten , oder drüben auf dem Hügel ; aber ich hatte nie gemeint , daß das die Großmutter auf dem Dierkhof hören könne . Ich war aufgestanden und trat ihr zitternd um einen Schritt näher . » Klein wie ihre Mutter , « murmelte sie vor sich hin , » und hat die großen Augen und ein kaltes , enges Herz - ihr ist ja auch das Wasser über der Stirne ausgegossen worden . « » Nein , Großmutter , « sagte ich ruhig , » ich habe kein kaltes Herz ! « Sie sah mich so erstaunt an , als habe sie bis dahin gemeint , das kleine Wesen könne nur singen und nicht sprechen , am allerwenigsten aber sie selbst anreden . Ilse zog sich hinter den Vorhang zurück und winkte mir angstvoll , zu schweigen ; sie mochte durch mein unerwartetes Hervortreten einen Anlaß zu neuer Geistesstörung bei der Kranken fürchten . Aber meine Großmutter blieb vollkommen ruhig : ihre Augen hafteten unverwandt auf meinem Gesicht . Diese Augen , vor denen ich mich immer so entsetzlich gefürchtet , wenn sie im Vorüberlaufen unstät und irr über mich hinflackerten , waren sehr schön ; über ihren dunklen Glanz breitete sich freilich ein unheimlicher Schleier , aber es lag Seele darin , bewußtes Denken . » Komm einmal her zu mir ! « unterbrach sie das minutenlange Schweigen . Ich trat dicht an das Bett . » Weißt du , was es heißt , jemand lieb haben ? « fragte sie , und ihre gebrochene , tonlose Stimme nahm einen innigen Klang an . » Ja , Großmutter , das weiß ich ! Ich habe Ilse so lieb , so lieb , daß ich ' s nicht sagen kann - und Heinz auch . « Um ihre Lippen zuckte ein leises Beben , und sie schob unter unsäglicher Mühe ihre auf der Decke liegende Rechte nach mir hin . » Fürchtest du dich vor mir ? « fragte sie . » Nein - nicht mehr ! « wollte ich hinzusetzen , aber ich verschluckte die zwei letzten Worte und bog mich zu ihr hin . » Nun , so gib mir deine Hand und küsse mich auf die Stirne ! « Ich that , wie sie geheißen , und seltsam , in dem Augenblick , wo meine Lippen das gefürchtete Gesicht berührten und meine Hand von den großen , kalten Fingern umschlossen und sanft gedrückt wurde , zog ein neues , süßseliges Gefühl in meine Brust ein . Ich wußte auf einmal , daß ich an diesen Platz gehörte , ich fühlte das geheimnisvolle Band des Blutes zwischen Großmutter und Enkelin , und hingerissen durch dieses plötzliche Erkennen setzte ich mich auf den Bettrand und schob sanft meinen Arm unter ihren Kopf . Ein beglücktes Lächeln glitt durch die großen , starken Züge ; sie legte sich in meinem Arm zurecht , wie ein müdes Kind , das einschlafen will . » Fleisch von meinem Fleisch , Blut von meinem Blut - ach ! « flüsterte sie und schloß die Augen . Ilse aber stand hinter dem Vorhang des Bettes ; sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und weinte bitterlich . Es trat wieder Totenstille ein . Sie wurde nur unterbrochen durch das leise Aufstöhnen der Kranken und ihre schweren , unregelmäßigen Atemzüge , und durch das unausgesetzte leise Schnurren in dem hohen hölzernen Standgehäuse der alten Uhr , deren großes blinkendes Zifferblatt gespenstisch herüberstarrte , und die zu jeder Pendelschwingung weit und langsam aushob wie eine kranke Brust zum Atemholen . So war abermals eine lange , bange Zeit verstrichen ; es hatte bereits Eins geschlagen . Da wurde draußen das Hausthor geöffnet , und Heinz schritt in Begleitung eines anderen Mannes durch die Tenne ; er brachte also , wider Erwarten , den Arzt gleich mit . Ilse atmete sichtlich auf und winkte mir , ihm am Bett Platz zu machen ; ich zog vorsichtig meinen steifgewordenen Arm an mich und ließ das Haupt der Kranken behutsam in die Kissen sinken . Sie schien weiter zu schlummern ; sie gab auch kein Zeichen , daß sie es höre , als die Zimmerthür leise geöffnet wurde und die Männer eintraten . Da stand auf einmal der alte Pfarrer des nächsten Dorfes im vollen Ornat inmitten des Zimmers , während Heinz , den Hut in der Hand , ehrfurchtsvoll im Hintergrunde verblieb ... Sie sah feierlich ergreifend aus , die ehrwürdige Gestalt des Geistlichen im schwarzen Talar , das Gebetbuch in den Händen haltend . Ilse aber fuhr empor , als sähe sie ein Gespenst ; sie stürzte zurückwinkend auf ihn zu , allein es war zu spät - in demselben Moment , als fühle sie den Blick des Eingetretenen , schlug meine Großmutter auch die Augen auf . Ich wich zurück , so sehr entsetzte mich die furchtbare Verwandlung in den Zügen , die sich eben noch so friedsam geglättet hatten . » Was will der Schwarzrock ? « stöhnte sie . » Ihnen Trost bringen , so Sie dessen bedürfen , « versetzte der alte Mann mild , ohne sich durch die rauhe Anrede beirren zu lassen . » Trost ? ... Ich habe ihn bereits gefunden am unschuldigen Kindesherzen , in der Liebe , die sich dahingibt , ohne zu fragen : Wie glaubst du , und was gibst du mir dafür ? ... Leonore , mein gutes Kind , wo bist du ? « Mir zitterte das Herz bei diesen sehnsüchtigen