die kleine Antonie nicht mehr , sondern zeterte hellauf . » Mein Kind ! Mein Kind ! « rief die Mutter . » Hanne Allmann , das ist mein Kind , und es und mich haben sie auf dem Schinderkarren nach Krodebeck geschleppt , und es soll da leben , und ich soll da sterben . Hanne Allmann , vergib mir ; ich kann in meinem Leben nicht wieder in der Gasse hinter dir herrufen . Vergib mir ! Schlage mein Kind nicht ! Schrei es nicht an ! Um Jesu Christi willen , ich bitte dich um Vergebung ! « Für einen anständigen Menschen gibt es nichts Unangenehmeres , als um Verzeihung gebeten zu werden . Die braven Leute werden in solchen Fällen ungemein nervös dem Bittenden gegenüber . Sie liefen am liebsten weg , um dieser heißen Hand , die ihnen nach der Gurgel greift , zu entgehen , und sie fühlen einen Druck auf der Seele , ein vages Schuldbewußtsein , welche ihnen den Standpunkt in jeder Weise verrücken . Der arme Sünder weiß dies gewöhnlich ganz klar und nimmt , seiner Last erledigt , seinen Standpunkt vollkommen danach . Edlen Leuten , die sich mit Vergnügen um Verzeihung bitten lassen , braucht eigentlich niemand , und sei es der ärgste Bösewicht , dieses Vergnügen zu bereiten . Hanne Allmann , welcher der Fall zum erstenmal in ihrem Leben begegnete , geriet außer sich . Es wurde ihr schwarz vor den Augen , sehr schwarz ; sie seufzte , sie stöhnte , und jeder dritte Physiognomiker hätte voraussagen dürfen , daß sie sich im nächsten Augenblick auf die schöne Marie stürzen würde , um die verspätete Züchtigung vollkräftig nachzuholen und zum Anfang wenigstens ihr die Augen auszukratzen und die Haare auszuraufen . Wir aber wissen , daß dies nicht der Fall sein konnte , sondern daß sie jetzt nur noch etwas tiefer in sich die ganze Kleinheit des armen Geschlechtes der Menschen verspürte . Sie hob das Kind von dem Schemel am Fenster herab und humpelte , die Hand desselben haltend , zu dem Lager der Kranken , sah ihr zum erstenmal genau und ohne zu zucken in das Gesicht , setzte sich neben dem Bette nieder und sagte : » Sei nur still , Marie . Jag einem nicht solch einen Schrecken ein ; - wir wollen schon miteinander auskommen . « Und weil sie so ein altes Weiblein war , das stets ganz allein und ganz zuunterst in der Weltgeschichte gelebt und seine einzigen und besten Freunde unter dem lieben Vieh hatte , so wußte sie wirklich und wahrhaftig nichts weiter zu sagen . Nachher brachte sie ganz leise die kleine Antonie zu Bett und kroch selber unter ihre Decke und wartete die ganze Nacht mit einem sonderbaren Summen und Singen im Gehirn auf eine große Erleuchtung . Es kam aber nur mit dem neuen Morgen eine Vision ; doch auch diese war nicht zu verachten unter so bewandten Umständen . Achtes Kapitel Mancherlei , und zwar seit uralten Tagen , wußte das Dorf Krodebeck und mit ihm das Siechenhaus von den Leuten zu erzählen , die von dem Gebirge zu ihnen niederstiegen , und das Siechenhaus hatte vielleicht die meisten und wunderlichsten Sachen berichtet , wenn Türen und Wänden die Zungen gelöst werden könnten . Bergleute und Vogelhändler , Kienrußhändler und Kohlenhändler , Jäger und Spielleute zogen durch den Ort und hielten , und zogen durch und hielten an seit mehr als tausend Jahren . Ihr Weg ging meistens immer weit nordwärts und den großen und reichen Städten der Ebene zu , ja oft sogar über das Meer hinaus zu den fremden Völkern , und ganz selten ohne Zweck und Grund . Es schlägt manch ein Fink in der Stadt London , welcher am alten Brocken aus dem cheruskischen Nest genommen wurde , und manch ein munterer Kanarienvogel singt vor ausländischen Ohren das Lied , welches ihm zu Zellerfeld und Andreasberg vorgepfiffen wurde . Wie die Singvögel reisen aber auch die Bäume . Bis hoch hinauf oder vielmehr tief hinab an den Strand der Ostsee und die Nordsee entlang flammt die herzynische Tanne am Weihnachtsfest . Harzknaben führen sie bis zur Eisenbahnstation , und der Dampfwagen bringt heutzutage den Kindern in Stettin die Freude und Poesie ihrer schönsten Feierstunde . Die Krodebecker sehen die Vögel und die Bäume vorüberziehen , und wenn die Träger , die Wagen und Schlitten vor dem Kruge anhalten und die klugen und unternehmenden Handelsleute sich durch einen Trunk für das fernere gute oder böse Wetter stärken , so erkundigen sie sich gern nach dem Wetter und den Wegen » da oben « bei den Leuten und geben ihnen vielleicht auch , wenn sie recht guter Laune sind , ein freundlich Wort mit auf die Reise . Was aber durch Krodebeck nordwärts zieht , das muß an dem Siechenhause vorüber , und die meisten aus dem fahrenden Volk haben eine Neigung , ein Verständnis , ja manchmal sogar durch die Verwandtschaft daheim eine gewisse brave , aber klägliche Achtung für dasselbe . Die meisten stehen in einem viel abhängigern , erniedrigenderen Verhältnis zu dem Siechenhaus als das liebe Vieh , welches gleichfalls daran vorüberzieht . Übrigens , wenn in früheren Zeiten das Gebirge unheimliche , schlimme Gesellen : Schafdiebe , Wilddiebe und Diebe und Räuber , die womöglich alles mitnahmen , in die Ebene herniederschickte , so sieht auch der heutige Tag und die Nacht , welche demselben folgen wird , sonderbares Volk genug , welchem der Bauer trotz der guten Polizei , trotz Kirche und Schule nicht über den Weg traut und welchem auf den einsameren Gehöften kein Hausvater gern ein Nachtlager in seiner Scheune oder auf seinem Heuboden gestattet . Auch in dieser Hinsicht könnten die Wände des Siechenhauses von Krodebeck von manchem späten Gast erzählen , der verstohlen hinter den Hecken und Zäunen heranschlich , leise pochte oder pfiff und zu jeder Stunde der Nacht Einlaß erhielt , ohne daß der Baron , der Pfaff oder der