Blicke ; » aber die Art und Weise , wie sie es thut , ist eine ungebärdige , abscheuliche ... Wie kannst du dich unterstehen , in so ungebührlicher Weise zu dieser Dame zu reden ? « wandte er sich zu Felicitas , und ein schwacher Schimmer von Rot flog über sein bleiches Gesicht . » Weißt du nicht , daß du verhungern mußt , wenn sie dir kein Brot gibt , und daß draußen das Straßenpflaster dein Kopfkissen sein wird , wenn sie dich aus dem Hause stößt ? « » Ich will ihr Brot nicht ! « preßte das Kind hervor . » Sie ist eine böse , böse Frau - sie hat so schreckliche Augen ... Ich will nicht hier bleiben in euerem Hause , wo gelogen wird , und wo man sich den ganzen Tag fürchten muß vor der schlechten Behandlung - lieber will ich gleich unter die dunkle Erde zu meiner Mutter , lieber will ich verhungern - « Sie konnte nicht weiter sprechen ; Johannes hatte ihren Arm gefaßt , seine mageren Finger drückten sich wie eiserne Klammern in das Fleisch - er schüttelte sie einige Male heftig . » Komm zu dir , komm zur Besinnung , abscheuliches Kind ! « rief er . » Pfui , ein Mädchen und so zügellos ! Bei dem unverzeihlichen Hange zu Leichtsinn und Liederlichkeit auch noch diese maßlose Heftigkeit ! ... Ich sehe ein , hier ist viel versehen worden , « wandte er sich an seine Mutter , » aber unter deiner Zucht , Mama , wird das anders werden . « Er ließ den Arm der Kleinen nicht los und führte sie unsanft aus dem Zimmer hinüber in die Gesindestube . » Von heute an habe ich über dich zu gebieten - merke dir das ! « sagte er rauh ; » und wenn ich auch fern bin , ich werde dich doch exemplarisch zu strafen wissen , sobald ich erfahre , daß du meiner Mutter nicht in allen Stücken ohne Widerrede gehorchst ... Für dein heutiges Benehmen hast du auf längere Zeit Hausarrest , um so mehr , als du von der Freiheit einen so schlechten Gebrauch machst . Du betrittst den Garten ohne ganz spezielle Erlaubnis meiner Mutter nicht wieder ; ebensowenig gehst du auf die Straße , die Wege nach der Bürgerschule ausgenommen , die du von nun an besuchen wirst ; und hier in der Gesindestube magst du essen und dich tagüber aufhalten , bis du bessere Sitten zeigst ... Hast du mich verstanden ? « Die Kleine wandte schweigend das Gesicht ab , und er verließ die Stube . 9 Nachmittags trank die Familie Hellwig den Kaffee draußen im Garten . Friederike hatte ihren kattunenen , flanellgefütterten Sonntagsmantel über die Schultern geworfen , die schwarzseidene , wattierte Staatsmütze aufgesetzt und war zuerst in die Kirche und dann zu einer » Frau Muhme « auf Besuch gegangen . Heinrich und Felicitas waren allein in dem großen , kirchenstillen Hause . Ersterer war längst heimlicherweise draußen auf dem Gottesacker gewesen und hatte das verhängnisvolle Tuch heimgeholt - es lag nun gesäubert und regelrecht zusammengelegt im Kasten . Der ehrliche Bursche hatte die vormittägige Szene von der Küche aus mit angehört und zum Teil auch gesehen ; er war sehr in Versuchung gewesen , hervorzuspringen und mit seinen derben Fäusten den Sohn des Hauses ebenso zu schütteln , wie die zarte Gestalt des aufrührerischen Kindes hin und her geschüttelt wurde . Jetzt saß er da in der Gesindestube und schnitzelte an seinem defekten Ausgehstock herum , wobei er leise und zwar sehr ungeschickt und unmelodisch pfiff . Er war ja aber auch gar nicht bei der Sache ; seine Blicke huschten rastlos und verstohlen hinüber nach dem schweigenden Kinde ... Das war gar nicht mehr das Gesicht der kleinen Felicitas ! Sie saß dort wie ein gefangener Vogel , aber wie ein Vogel , dem die Wildheit in der Brust brennt und der voll unversöhnlichen Grolles der Hände denkt , die ihn gefesselt haben ... Auf ihren Knieen lag der Robinson , den Heinrich auf eigene Gefahr hin von Nathanaels Bücherbrett geholt hatte , aber sie warf keinen Blick hinein . Der Einsame hatte es gut auf seiner Insel , da gab es doch keine bösen Menschen , die seine Mutter leichtsinnig und liederlich schalten ; da lag der funkelnde Sonnenschein auf den Palmenkronen , auf den grünen Wogen des fetten Wiesengrases - und hier brach das Gotteslicht gedämpft , als trübe Dämmerung durch die engvergitterten Fenster , und nirgends , weder draußen in der schmalen Gasse noch hier im ganzen Hause , erquickte ein grünes Blatt das Auge ... Ja , drin im Wohnzimmer , da stand freilich ein Asklepiasstock im Fenster - die einzige Blume , die Frau Hellwig pflegte , aber Felicitas konnte diese regelmäßigen , wie aus kaltem Porzellan geformten Blütenbüschel , die starren , harten Blätter nicht leiden , die stocksteif und ungerührt dahingen , mochte auch der Luftzug durchstreichen , soviel er wollte - was gab es denn Schöneres , als draußen die leichtbeweglichen , grünen Zungen an Büschen und Bäumen mit ihrem unaufhörlichen Rauschen und Flüstern ? Die Kleine sprang plötzlich auf . Droben auf dem Dachboden , da konnte man weit hinaus in die Gegend sehen , da war sonnige Luft - wie ein Schatten glitt sie die gewundene steinerne Haupttreppe hinauf . Das alte Kaufmannshaus war eigentlich nach gewissen Begriffen degradiert worden . Vor langen Zeiten war es ein Edelsitz gewesen . Es hatte auch noch etwas Ehrgeiziges in seiner Physiognomie - wenn auch nicht in dem Maße , wie die Türme , die alles unter sich lassen und , wenn es ginge , am liebsten auch den Himmel als alleiniges Eigentum auf ihre Spitze spießen möchten - aber es zeigte doch hier und da dies Emporstreben in dem Turmansatze des Erkers und vor allem in den mächtigen Schornsteinen , die sich in jenen Zeiten so nötig machten , wo noch die Wildbraten