Mann geworden ! Ein Mann thut uns noth , schreien die Gelehrten aller Arten . Wie wollt Ihr Männer haben , wenn Haus und Schule und Leben sich gegenseitig unterstützen , die stolze Kraft im Keim zu brechen ! Da schnitzeln sie an dem Bogen und schnitzeln immerfort , und wundern sich , wenn das feine Ding hernach zerbricht . Pygmäengeschlecht , das den Riesen , den ein glücklicher Zufall an ihren öden Strand geworfen , mit tausend und aber tausend Fäden regungslos an die platte Erde fesselt ! Oswald war in dem besten Zuge , sich in eine misanthrophische Stimmung hineinzureden , aber der helle , leuchtende Morgen duldete die Nachgedanken nicht . Ein Bild , das Bild einer schönen Frau , das gestern Abend , bevor der Schlummer seine Augen schloß , noch zuletzt vor seiner Seele gestanden hatte , das als ein lieber Schatten durch seine Träume geglitten war , und , wie der Nachklang einer köstlichen Musik , ihn schon den ganzen Morgen umschwebt hatte , trat wieder vor seine Seele . Aber vergebens suchte er es zu bannen . - Während er nur an Melitta dachte , nur an sie denken wollte , sah er die Baronin , Mademoiselle Marguerite , diese oder jene Dame seiner Bekanntschaft , aber die Amazone im grünen Reitkleide zerflatterte ihm immer wie neckischer Nebel . So flattre fort , Du schöner Spuk ! rief der junge Mann , und suchte seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben . Das Terrain war bis dahin wellenförmig gewesen , jetzt wurde es eben , wie die Fläche des Meeres in der Windstille . Eine weite Haide lag vor ihm , jenseits derselben das Kirchdorf , welches das Ziel seiner Wanderung war . Andere Gehöfte bekränzten in weiter Ferne die Fläche . Die Weiden , die den Weg begleitet hatten , wurden spärlicher und verschwanden zuletzt ganz . Hier und da hatte man auf der Haide die Rasendecke entfernt , um Torf zu gewinnen , der nun in langen schwarzen Reihen zum Trocknen aufgeschichtet da lag . In den so entstandenen tiefen Gräben blinkte das Wasser . Kibitze und anderes Sumpfgevögel flatterte hin und wider . In der weiten , öden Runde sah Oswald keinen Menschen , außer einer Frau , die ein paar hundert Schritte vor ihm auf einem Grenzsteine saß . Als er näher kam , fand er , daß es eine alte , sehr alte Frau in einem armseligen , aber äußerst reinlichen Anzuge war . Sie mußte wohl , von dem Wege ermüdet , auf dem Steine eingenickt sein ; denn sie richtete den tief gesenkten Kopf schnell in die Höhe , als Oswald in ihre Nähe kam und betrachtete verwundert den jungen Mann . Guten Morgen , Mütterchen ! sagte dieser stehen bleibend , ist das Dorf dort gerade vor uns Faschwitz ? Ja ! sagte die Frau mit für ihr Alter auffallender Lebhaftigkeit , der junge Herr will wohl auch in die Kirche ? Ja , Mütterchen ! wann fängt die Predigt an ? Die Alte warf einen Blick nach der Sonne und sagte : Ich hab ' zu lang geschlafen ; für mich ist es nun schon zu spät ; meine alten Beine tragen mich nicht mehr so schnell ; aber Sie sind ein junger Mensch , Sie kommen schon noch zur rechten Zeit . Nichts für ungut , wie ist Ihr Name , junger Herr ? Stein - Oswald Stein . Stein ? den Namen muß ich schon gehört haben . Wohl möglich , er ist nicht eben selten . Stein - hm , hm ; nichts für ungut , wo sind Sie her , Herr Stein ? Oswald , dem es Vergnügen machte , sich so harmlos ausgefragt zu sehen , und dem die Art der alten Frau wohl gefiel , setzte sich , da es ihn eben nicht drängte , in die Kirche zu kommen , der Matrone gegenüber , die ihn , die runzlichen Hände auf die Kniee gestemmt , aus ihren tief gesunkenen , immer aber noch ausdrucksvollen Augen forschend ansah , auf den Stamm einer umgefallenen Weide und sagte : Aus Grenwitz , Mütterchen . Aus Grenwitz ? Sieh einmal ! Da bin ich auch her . Mit Verlaub , Sie sind wohl zum Besuch auf dem Schlosse ? Nicht so eigentlich ; ich bin der Hauslehrer der Knaben . Das ist wohl nicht möglich ? Warum ? Nun , die Herren Candidaten sehen sonst ganz anders aus . Oswald lachte . Und Sie kommen den weiten Weg ganz allein , Mütterchen ? Ich hab ' keinen Menschen , der mit mir gehen könnte . Mein Mann ist längst todt , und meine Jungens sind todt und meine Dirnens sind todt - Alles todt . Die alte Frau strich sich die Falten ihres Rockes über den Knieen glatt , als wollte sie sagen : Alle eingescharrt , und die Erde glatt drüber gedeckt , keine Spur mehr von ihnen . Oswald jammerte das einsame , hülflose Alter der Frau . Er sagte , um doch etwas zu sagen , wovon er glaubte , daß es der einfältigen Seele tröstlich sein könnte : In jenem Leben werden Sie alle Ihre Lieben wiederfinden . In jenem Leben ? sagte die Alte und blickte zum blauen Himmel hinauf , daran glaube ich nicht . Wie ? daran glauben Sie nicht ? fragte Oswald verwundert . Die Alte schüttelte den Kopf . Sie sind noch jung , Herr - wie war Ihr Name ? Stein - ja - Sie sind noch jung , Herr Stein ; wenn Sie erst so viele Menschen haben sterben sehen , wie ich , glauben Sie auch nicht mehr daran . Wenn ein Mensch gestorben ist , dann ist er richtig todt - richtig todt . Und dann , wo sollten wohl all ' die Menschen hin bei der Auferstehung , wie sie es nennen ? In unserm Dorfe lebt kein Einziger mehr von Allen , mit denen ich