des Moments den Gedanken , nicht zur Rechten , wo Binder verschwunden war , zu entfliehen , sondern nach der linken Seite . Ein Fluch der Verwunderung von seiten des Postillons folgt ihr . Sie rennt das niedrige Gestrüpp quer hindurch . Haselgesträuche und Brombeerhecken biegt sie zurück , läuft , wie von Furien verfolgt , in der ganzen athemlosen Hast der fieberhaftesten Erregung , mit Kräften ausgerüstet , die sie im Augenblick hernimmt , sie weiß nicht woher , läuft durch Heck ' und Moos , durch weiche , versinkende Stellen , Sträuche zurückbiegend und keinem Verstecke , der sich darbietet , vertrauend . Wie von der Luft getragen , fliegt sie dahin , und erst , als sie nicht mehr kann , reicht das Entsetzen über Gefahren , die sie sicher nicht zu groß sich ausgemalt , nur noch so weit aus , auf die Zweigstämme eines rings von hohen Büschen umgebenen Baumes zu klettern , die Zweige des Umwuchses zurückzudrängen , die höhern Wipfel an sich zu ziehen , sich fest an sie anzuklammern und mit einem einzigen kühnen Sprunge auf die Astgabel des Baumes zu springen , wo sie dann leichtere Mühe hat höher zu klimmen und athem- und kraftlos , mit herabhängenden Händen und niedergebeugten Hauptes zusammenzusinken . So lugt der Luchs mit starren Augen aus grünen Zweigen und harrt des nahenden Jägers . 7. In dieser Stellung blieb Lucinde wol eine Stunde . Sie hatte oft schon auf Bäumen gesessen , aber so in Angst und Kraftlosigkeit noch nie . Mit den über einen gewaltigen Ast ausgelegten Armen hing sie mehr , als sie auf einem untern mit den Füßen stand . Der Schweiß , der ihr von der Stirn troff , mußte ihr gut thun ; sie behielt wenigstens die Besinnung , und diese lieh dem Körper Kraft . Lang hingen die Haare , das weiße Kleid war zerfetzt , ihr rother Shawl war irgendwo hängen geblieben . Ihr ganzer Sinn spitzte sich nur auf das Gehör zu . Wenn ihr Auge über etwas funkelte , war es ein Blatt , das rauschte , ein Käfer , der summte . Sie besann sich sogleich darauf , daß sie ungewiß sein konnte , ob sie mehr vor den Häschern als vor ihrem Begleiter so geflohen war . Als sie nichts hörte , keine Menschentritte , kein Geräusch von Waffen , konnte sie endlich die Miene so verziehen , daß die weißen Zähne eine Weile hervorstanden , wie immer , wenn sie spöttisch lachte ... Es war ein Lachen , das allmählich in ihrem Innern so platzgriff , daß es sich auch äußerlich geltend machte . Sie lachte , wie die Verzweiflung pflegt , wenn sie nicht mehr aus noch ein kann . Sie überlegte , was nun alles kommen konnte ! Wenn sie aus dieser Lage nichts Neues und Unerwartetes erlöste , sah sie Demüthigungen entgegen , die grauenhaft waren . Alles blieb still ... Sie traute sich die Kraft zu , niederzusteigen ... Der Gedanke : Wie , wenn sie durch die Nacht so hinwandern könnte , durch die Wälder , die Berge , über die Meere - bis Amerika ! der stand ihr so lange bei , bis sie wieder auf ebenem Boden war und dann freilich vor Erschöpfung bald zusammensank . Sie hatte seit dem gestrigen Tage keine Nahrung genommen . Nun lag sie kraftlos und griff nach den Zweigen der Sträucher über sich und beugte sie zu sich nieder , hoffend auf Erquickung . Nirgends eine Frucht . Erdbeerbüsche sah sie etwas weiter , aber die Früchte waren abgestreift . Dies bewies ihr wenigstens Menschennähe . So lag sie lange ; sie legte den Kopf über die gekreuzten Arme und schmachtete so hin ... Seit lange hatte sie solche Einsamkeit auch ihres Innern nicht gefühlt . Doch mit Thränen konnte ihre Natur sich nicht helfen . Vor acht Tagen - da hätte sie » beinahe « geweint , als sie das Haus des edeln Mannes , des Stadtamtmanns , verließ . Sie weinte auch wirklich , als die alte Köchin über ihr tröstend und doch kopfschüttelnd gesagt hatte : Jettchen , Jettchen , Sie werden noch Traurigeres in der Welt erleben , als das ist ! Sie hatte schon seit lange nicht mit der Alten gesprochen , weil sie zu stolz geworden war . Aber lange hatte die Rührung nicht gedauert . Sie wühlte schon damals nach einer Genugthuung . Da sich keine fand , da ihr überall der Weg versperrt war nach der Seite hin , wo allein ihrem Stolze genügt werden konnte , so war sie bereit gewesen , das Netz , das sie überspann , zu zerreißen und mit Oskar Binder in die weite Welt zu gehen . Wie das so war und werden konnte , hatte sie nicht viel überlegt . Nun sah sie ' s und neu genug waren die Folgen ... Jetzt blickte sie in einem Walde einsam hinein in Moos , Farrnkräuter , Sträuche mit Blüten und Beeren , die zum Herbste reiften ... Was dieser ihr wol bringen wird ! Die kleinen Käfer und Insekten um sie her konnte sie noch verfolgen , wie sie sprangen und sich kugelten und auf Halme kletterten , die am Gewichte derselben zusammenknickten ... Es regt sich doch alles , es nährt sich doch alles ! Das zu denken , auch jetzt zu denken , war längst ihre Art , und so elend ihr zu Muthe blieb , aufstehen würde sie doch , wenn nicht gleich jetzt , doch noch vor Abend ; und zurückdenken mochte sie am wenigsten ; aufrichtig beklagen , sich etwas vorwerfen , bereuen , das hatte sie nie vermocht , und wenn sie sonst gestraft worden war , Thränen kannte sie auch da nicht . Ihr Vater weinte wol dann statt ihrer und seufzte : Die Mutter ! Nach einer halbstündigen Ruhe raffte sie sich wieder in die Höhe . Sie ordnete ihr Haar , soweit es ging , erschrak zwar