lieber Gott ! wenn wir nur selbst noch etwas haben . Ich fürchte fast , wir haben heute wieder alle zum Kaffee gebraucht . - Weißt du nicht , Emilie , « wandte sie sich an ihre Tochter , die am Tische saß , » ist noch etwas da ? « Hiebei hätte aber ein mehr argwöhnischer Beobachter als die junge Tänzerin deutlich bemerken können , wie Madame Wundel leicht mit ihren Augen zwinkerte . Emilie , als gelehrige Tochter , verstand übrigens dies Zeichen vollkommen , denn während sie die Schüssel mit den Bratwürsten an sich zog , sprach sie mit dem ruhigsten Tone von der Welt : » Es thut uns wahrhaftig leid , Fräulein Clara , aber wir haben nicht einen Tropfen Milch mehr im Hause . « » Richtig , ich besinne mich , « bekräftigte die Wittwe und ergriff ihre Gabel wieder , » es ist kein Tropfen mehr da . « » Und ihr irrt euch alle Beide , « versetzte ruhig die andere Tochter , die vor dem Spiegel stand und sich nun herumdrehte , » man hat heute Abend zwei Töpfe gebracht , und wir können der Clara schon bis morgen einen davon geben . « Madame Wundel preßte krampfhaft ihre Hand , in der sie die Gabel hielt , zusammen und sandte ihrer jüngern Tochter einen nichts weniger als liebevollen Blick zu . » Wie die es so genau weiß ! « sagte sie alsdann . » So sieh ' du nach , Emilie . Wenn Milch da ist , so steht sie mit Vergnügen zu Diensten . « Emilie stieß die Schüssel etwas ärgerlich zurück , und sprang auf , um in die Nebenkammer zu gehen . Die arme Tänzerin stand wie auf Kohlen , denn trotz ihres arglosen Gemüthes fing sie doch an , die fatalen Hin- und Herreden sowie die finstere Miene der Madame Wundel zu begreifen . Die jüngere Tochter hatte sich unterdessen an den Tisch gesetzt und schien durchaus nicht von dem Blick der Mutter eingeschüchtert zu sein . - » Ich habe Ihnen auch noch meine Complimente zu machen , « sagte sie ruhig zu Clara . » Sie haben heute Abend vortrefflich getanzt und sehr schön ausgesehen . « Auf diese unvorsichtigen Worte stieß die würdige , aber vorsichtige Mutter ihre aufrichtige Tochter unter dem Tische so derb mit dem Fuße , daß sie zusammenzuckte . » Sie waren also im Theater , « fragte die Tänzerin , welche diesen Ausspruch mütterlichen Gefühls nicht bemerkt hatte . » Ja , ich glaube , es ist ein schönes Ballet ; wir können das freilich nie genau sagen , weil wir mitwirken , aber es wurde viel applaudirt . - Gehen Sie öfters in ' s Theater ? « » Sie geht zuweilen hin , natürlich höchst selten , « erwiderte Madame Wundel mit einem Ausdruck sittlicher Entrüstung auf dem Gesichte . » Was wollen Sie ? Jugend hat nicht Tugend . Ich und meine ältere Tochter betreten nie das Theatergebäude - niemals ; der Herr soll mich bewahren ! « » Es ist aber doch ein angenehmes Vergnügen , « sagte Clara , um etwas zu erwidern , mit einem unruhigen Blick auf das Nebenzimmer , denn sie hörte dort ein starkes und verdächtiges Plätschern . Madame Wundel lehnte sich in ihren Stuhl zurück und zuckte die Achseln , während sie gen Himmel blickte . » Es wohnt in der Nachbarschaft eine christliche Familie , « versetzte sie , » die zuweilen Billete geschenkt erhält , und da bietet man hie und da meiner Tochter eines an . Sie können denken , daß es mir Kummer verursacht , aber was will ich machen ? Es ist traurig , aber wahr , daß trotz der größten Ermahnungen bei manchen Menschen die Gnade nicht zum Durchbruch kommen will . « In diesem Augenblicke trat Emilie Wundel mit dem ersehnten Topfe aus dem Nebenzimmer , Clara empfing ihn dankend , versprach auf morgen Früh die Wiedererstattung und verließ das Zimmer . Wir können dem geneigten Leser nicht verschweigen , daß das Abendbrod dieser verschämten Hausarmen , bestehend aus gerösteten Kartoffeln und Bratwurst , wozu noch etwas Bier getrunken wurde , nicht ohne einige Streitigkeiten vorüberging . Von der älteren wurde die jüngere Tochter mit einer wahren Verachtung behandelt und Madame Wundel meinte , ihre Letztgeborene sei und bleibe nun einmal eine kolossale Gans , und es hätte sie wahrhaftig gar nicht gewundert , wenn sie vorhin noch hinzugesetzt hätte , das Theaterbillet sei nicht geschenkt , sondern gekauft worden , - was denn auch leider der Wahrheit sehr nahe gekommen wäre . Unterdessen hatte im gegenüberliegenden Zimmer der alte Mann fleißig darauf los geschrieben und der kleine Knabe stand hartnäckig an seinem Bettchen aufrecht , obgleich ihn sein entblößtes Hintertheil in dem kühlen Zimmer einigermaßen fror . Es war aber auch kein Wunder , daß der kleine Mann seine Nase beharrlich nach der Gegend hindrehte , wo die Schwester verschwunden war . Es kam nämlich aus dem Zimmer der Wittwe Wundel jener angenehme Geruch , von dem wir vorhin gesprochen , und der , so schwach er herüberdrang , doch von dem Bübchen gleich entdeckt wurde . Kleine arme und hungrige Kinder haben eine gar feine Nase . » Du , « sagte der Knabe zu seiner Schwester , » Clara bringt uns was Gutes zum Essen . « » Sie wird nichts mitbringen , « entgegnete das verständigere Mädchen . » Aber ich rieche was , und was Gebratenes . Bekomm ' ich nichts davon ? « » Nein , davon kriegst du nichts ; das ist für andere Leute , die es gekauft und gekocht haben . « » Ihr seid recht dumm , « antwortete das Bübchen ; » warum kauft ihr nicht auch etwas und kocht es uns ? Tann könnten wir es essen ; denn wenn ihr etwas kauft und uns bratet , so gehört es uns und nicht anderen Leuten . «