ihn dominire ohne ihn doch eigentlich zu beglücken . Ich hatte ihn mit ich weiß nicht welchem Zauber umsponnen , der ihm zugleich süß und doch schwer war , der ihn eigentlich mehr magnetisirte als befriedigte . Ich hatte seinen Lebensplan durchkreuzt - ich veranlaßte ihn in großer Einschränkung und mit widerwärtigen Geschäften wenigstens ein ganzes Jahr und vielleicht noch länger auf dem Lande zu leben - ich erfüllte nicht seinen heißesten Wunsch , denn ich war nicht Mutter ; - und dennoch liebte er mich ! Es giebt fatalistische Leidenschaften ! sie bemächtigen sich eines Menschen , und Alles was sie sonst tödtet , dient nur dazu sie in ihm zu entzünden . Paul hofte Kinder zu haben , hofte die Vermögensverwickelungen zu entwirren , hofte seine Laufbahn seinen Wünschen gemäß fortzusetzen , und wenn ich ihn fragte : » Wie kannst Du immer so muthig sein ? « so erwiderte er : » Weil ich Dich liebe . « Gott , wie mich das rührte ! - Unser Herzensverhältniß war dadurch ganz eigenthümlicher Art ; denn ich liebte ihn nicht , er imponirte mir nicht , es gab Momente wo ich mich ihm überlegen fühlte , weil ich das Bewußtsein hatte ihn lenken zu können ; und dennoch hing ich mit Zärtlichkeit , ich mögte sagen mit Wehmuth an ihm . Er war mir nicht geworden was ich von einem Gatten , einem Geliebten geträumt hatte ; da er aber so gut und edel war betrübte seine Unvollkommenheit mich nur und nie fühlte ich mich versucht bei einem anderen Mann eine höhere Vollkommenheit zu suchen . Es wurden mir viel und flammende Huldigungen dargebracht : sie rührten mich nicht . Ich blieb kalt wie Eis , nicht aus Tugend , nicht vorsätzlich , sondern nur weil ich nichts Verlockendes in ihnen fand . Ich hatte meine Erwartungen von den Männern in früher Jugend so hoch gespannt , daß sie denselben nicht entsprechen konnten ; und ich selbst war jung genug um noch nicht meine eigenen Erwartungen vergessen zu haben . Ueberdas graute mir vor der Untreue , der Lüge , der Intrigue , der Angst und Verzweiflung , welche im Gefolge jeder pflichtwidrigen Neigung sich einfinden . Ich konnte mir nicht vorstellen , daß wahre Liebe sich unter diesen entwürdigenden Umständen Platz machen und entwickeln könne . Ueberdas hatte meine Phantasie eine ganz andre Richtung genommen ; ich dachte an nichts - als an Mutterglück ! und Alles was ich that und trieb und unternahm , geschah um mich gegen diese heiße ungestillte Sehnsucht zu betäuben . So schien es mir damals . Vielleicht war das aber auch nur ein unbewußter Vorwand um meine Unstetigkeit zu beschönigen ! - Genug : ich vertiefte mich jezt in ebenso regellose Phantasien der Mutterseligkeit , wie ehedem in die Seligkeit Helden und Halbgötter auf jedem Schritt und Tritt zu finden . Das gab mir etwas Träumerisches , Schwermüthiges , und dieser geistige Trauerflor bildete mit meiner Jugend einen auffallenden Contrast . Wer sich mir mit unverholener Huldigung genähert hatte war Graf Otbert von Astrau . Diesen Namen nennen heißt einen berühmten Mann bezeichnen , dem die Mitwelt und vielleicht die Nachwelt einen ehrenvollen Platz aufbewahrt . Ein Dichter betrachtet das Leben mit anderem Auge als wir übrigen Menschenkinder . Jezt habe ich das erkannt . Darum kann ich auch unparteiisch von Otbert sprechen . Er kam nach London . Seine Ankunft war uns lange vorher verkündet ; seine Gedichte waren auch in England bekannt und geliebt . Man war gespannt auf seine Erscheinung , ich , die Deutsche , natürlich noch mehr als die Uebrigen , denn seine Gedichte hatten mich bezaubert . Otbert kam mitten in der Season und brachte an Paul ein halbes Dutzend der dringendsten Empfehlungsschreiben . Dadurch wurde er ein täglicher Gast in unserm Hause . Sein Ruhm , sein Name , seine Persönlichkeit bahnten ihm einen Siegerpfad in der Gesellschaft . Er war höchstens siebenundzwanzig Jahr alt und so recht in der Sonnennähe seiner poetisch-lyrischen Entfaltung ; außerdem schön , geistreich , liebenswürdig , brillant - geschaffen um alle Frauenköpfe zu verdrehen . Das that er denn auch nach besten Kräften ! nur der meine saß fest . Ich stand in stummer Bewunderung ganz fern und demüthig , und staunte das Meteor an , das über meinen Lebenshimmel dahinzog . Natürlich hatte ich mir unter einem Dichter ein begeistertes prophetisches Wesen mit Sehergaben , mit der Intuition der Seelen und der Zukunft vorgestellt . Meine Bewunderung ging in Verwunderung über , als ich einen brillanten , eiteln und koketten Mann fand , der im Salon glänzen und die Frauen erobern wollte . Beides gelang ihm , und die Siegesgewohnheit machte ihn zum Fat . Seine Schaustellung erkünstelter Gefühle , das halbe Dutzend von Passionen , welche er im Lauf einer Season erregte , bald theilte , bald nicht theilen konnte - machte mir einen widerwärtigen Eindruck , und oft sagte ich zu Paul : » Wie schade daß ich Astraus persönliche Bekanntschaft gemacht habe ! mir ist der glühende Frühling seiner Poesie wie in Schneeflocken untergegangen . « » Was ist Dir nicht schon untergegangen , arme kleine Sibylle ! « entgegnete Paul einmal mit gutmüthigem Spott . Ihm gefiel Astrau außerordentlich . Dieser hatte Männern gegenüber nicht die geringste Eitelkeit , weder Ansprüche noch Launen ; er sparte sich das Alles für den Verkehr mit Frauen auf . Er ritt , er schoß , er jagte , er schwamm , er spielte , er plauderte , er erzählte - genau wie alle Uebrigen , nur mit einem so unmerklichen Anflug von Superiorität , daß Keiner sich verletzt dadurch fühlen konnte und daß Jeder seine Freude an dem geschickten Gegner oder Gefährten haben und doch dabei denken durfte : er werde dennoch einmal zu übertreffen sein . Ich war so still und schweigsam im Umgang mit Astrau - Anfangs aus Andacht später aus Gleichgültigkeit - daß ich ihm ziemlich unbedeutend erscheinen mogte ; er beschäftigte sich