höhern Pariser Welt eine Änderung veranlaßt hätte , welche gleichsam dem Ernste der Zeit hätte entsprechen sollen , so verkennt man den Charakter der Franzosen . Die alte Revolution , welche eine Strafe der Frivolität zu sein schien , rottete die Frivolität doch selbst nicht aus . Die alte politische und gesellschaftliche Verfassung wurde gestürzt , aber die Manieren erhielten sich . An dem Besitztume klebte etwas , was sich nicht von ihm trennen ließ ; in den Reichtümern , welche kaum den Tod der einen veranlaßt hatten , lag ein Zauber , der auch die wieder verwirrte , welche die neuen Herren derselben wurden . Den Leichtsinn tilgte die Guillotine nicht . Die neueste Revolution hatte zu den alten Elementen des Pariser Lebens neue , zu zwei Aristokratien , der bourbonischen und bonapartistischen , noch eine dritte gesellt , die Aristokratie der Banquiers . Mehr als je wurde das Geld der Hebel des gesellschaftlichen Mechanismus , seitdem eine Klasse in den Vorgrund trat , mit der es in dieser Rücksicht schwer war zu wetteifern . Weil die Pariser das Geld nicht anhäufen , sondern es als Mahlschatz immer wieder aufschütten und von dem Winde umtreiben lassen , so wird jede Lebensäußerung dort in den metallischen Strom mit hineingerissen . Dieser Strom ist es , welcher die entsetzlichsten Verheerungen in der Moralität und Freundschaft anrichtet . Sein Ebben und Fluten macht Leben und Tod . Er ergießt sich frei , offen , vor allen Augen , nicht einmal unterirdisch . Er wälzt seine goldschäumenden Wogen durch die Säle und kleinsten Gemächer . Man ist in Paris immer in der Nähe des Geldes , weniger dessen , was man besitzt , als dessen , wovon man nicht genug haben kann und das man unter allen Umständen sich zu verschaffen sucht . Daraus entstehen die meisten tragischen und komischen Konflikte der Pariser Gesellschaft . Wally hatte keine Meditationen nötig , um über diese Dinge ins reine zu kommen . Sie verstand sie bald , da die Begegnisse selbst zu deutlich sprachen und dichterische Erfindungen , Schriften wie die von Balzac , sie hinreichend bestätigten . Wally philosophiert nicht , das wissen wir längst . Sie wird Paris nicht wie ein Phänomen nehmen , sondern wie eine Erfahrung , über die man erst reflektiert , nachdem sie erlebt ist . Sie wird sich in den dichtesten Strudel der Vergnügungen werfen . Sie wird den Becher der Lust und der Gedankenlosigkeit bis tief auf die Neige leeren . Sie wird jede Minute Leben benutzen , die sie nur verwenden kann , und käme sie einst zurück von Paris , wird sie von Paris nichts zu erzählen wissen . Wally gehörte bald zu den glänzendsten Erscheinungen auf dem Theater des Tages und der Nachrede . Wenn wir im folgenden mehr ein Verhältnis schildern wollen , das in Wallys Hause und in ihrer Verwandtschaft sich entwickelte , so ist es deshalb , um einesteils über ihren Mann eine Ansicht zu haben , andernteils , um nichts zu unterlassen , was zuletzt doch berichtet werden müßte , weil es eine entscheidende Folge hatte . Wally beherrschte andere Kreise mit derselben siegreichen Gewandtheit . Sie hatte ein großes Stück an dem Netz zu weben übernommen , welches über Paris ausgebreitet ist und so viel Ehrgeiz , Eifersucht , Tragödie und Idylle in seinen Maschen festhält . Sie war eine fleißige Bundesgenossin des großen Feldzuges gegen Natur , Wahrheit , Tugend und Völkerfreiheit , welcher mit dem Leben der Großen fast immer zusammenfällt ; ein Feldzug , dessen Gefahr von den Freuden seiner kleinen Siege im Ernst doch überboten wird . Je weniger diese Katastrophe zunächst mit der Seelenrichtung in Wally zusammenhängt , die uns veranlaßte , sie zum Gegenstand einer poetischen Darstellung zu machen , desto mehr trägt sie bei , die Draperien zu bestimmen , auf deren Grunde sich die wahrhafte Originalität Wallys sprechender zeichnete . Indem Wally Szenen erlebt , welche mit ihrer Krankheit nicht in der entferntesten Berührung liegen , indem sie von einem Gedankenreiche losgetrennt ist , das sie selbst in sich aufgeregt hatte ; muß auch der Kontrast desselben später nur desto tiefer in ihr Herz schlagen . Wally wandelt sorglos am Rande eines Abgrundes . 5 Eines Morgens hatte Wally soeben die Besuche einiger ihrer Verehrer entlassen und lachte noch über die Eitelkeit der jungen Männer , welche gestorben wären vor Ärger , wenn sie ihrer neuen Gilets , ihrer Reitpeitsche und Lorgnette keine Erwähnung getan hätte , als sie im Nebenzimmer ein lautes Sprechen hörte , das immer näher kam und dann plötzlich mit Gewalt unterdrückt wurde , gleichsam als würde jemand , der sich ihrem Zimmer nahen wollte , mit Heftigkeit zurückgehalten . Nachdem die hierauf eintretende Stille anzudeuten schien , daß eine Verständigung dem Besuche hatte vorangehen müssen , öffnete sich stürmisch die Tür , und ein junger Mann trat an der Hand ihres Gatten herein , der ihr in dem Ankömmling seinen längst aus dem Piemontesischen erwarteten Bruder Jeronimo vorstellte . » Wahrhaftig , ich habe mich nicht getäuscht « , rief der junge Italiener . » Ihren Anblick , Madame , sog ich gestern in der Oper drei volle Stunden lang ein . Ich war kaum in Paris angelangt , als mich der Zufall in die Vorstellung der Cenerentola führt und in die reizendste Perspektive , welche ich je gehabt habe . Madame , Sie saßen in einer Loge , von der ich nicht wußte , daß sie die meines Bruders war . Sie trugen blaue Seide , weiße Tüllstreifen , einen roten Schal und Marabouts in dem Haar ? « » Ihr Gedächtnis muß weite Taschen haben , « sagte Wally , » wenn sie am Morgen noch die Toilette der Damen angeben können , die Sie am Abend vorher bei den Italienern bezaubert haben , wie der in dieser Rücksicht bei den jungen Enthusiasten übliche Ausdruck ist . « » Madame , es sollen viele eine gute Toilette gemacht haben , sagt man . Ich