fern von Widerwillen , ja von Abscheu war , allein dergleichen feindliche Regungen widerstrebten dergestalt ihrer innersten Natur , sie selbst kam sich dabei als ein so hassenswürdiges , entstelltes Wesen vor , daß sie mit Absicht alles und jedes vorkehrte , was den Bräutigam , auch im äußersten Falle , rechtfertigen könnte . Es kam eine tödliche Angst über sie , wenn ihr zuweilen die Möglichkeit erschien , daß sie von dem , der ihr noch jüngst das Teuerste der Welt gewesen , jemals geringer denken oder daß er ihr gar sollte gleichgültig werden können , es war ihr , wenn es dahin kommen sollte , als zerstöre sie ihr eigen Selbst , als sei die innerste Wurzel ihres Lebens angegriffen , als müßte sie jedem schönen Glauben , allem , was würdig , hoch und heilig sei , für immerdar entsagen . Sie nahm in dieser äußersten Not ihre Zuflucht zum Gebet , und flehte mit Inbrunst , Gott möge die Liebe zu Nolten stets frisch bei ihr erhalten , er möge ihr nur helfen , alles , was leidenschaftlich an dieser Neigung sei , aus ihrem Herzen wegzuscheiden . Bemerkenswert ist es , daß das treffliche Mädchen , von einem richtigen Takte geleitet , sich mitunter alle Gewalt antat , ganz unabhängig von jener verdächtigen Prophetenstimme zu denken und zu handeln , so wie sie sich auch leicht beredete , die Verzichtleistung auf den Verlobten sei in Betracht der ersten Gründe doch immer aus ihr selbst hervorgegangen . Vielleicht sie unterschied hierin nicht scharf genug , und jene dunkle Stimme behielt auf Agnesens Tun und Lassen den mächtigsten Einfluß ; nur verscheuchte sie jede Erinnerung an den verhaßten Fingerzeig des Weibes , der so entschieden auf ein neues Bündnis hindeutete ; nicht ohne heimliches Schaudern konnte sie in diesem Sinne an den Vetter denken , ja sie vermied seinen Anblick eine Zeitlang geflissentlich , nur um dieser unerträglichen Vorstellung loszuwerden . Wie sehr das Mädchen unter solchen Umständen litt , von wieviel Seiten ihr Gemüt im stillen zerrissen und gepeinigt war , läßt sich wohl besser fühlen als beschreiben . Unglaublich erscheint bei diesem allen der Wechsel ihrer Stimmung ; denn während sie jede Hoffnung auf Theobald verbannte und in den nüchternsten Stunden sogar die Fähigkeit bei sich entdeckte , ihn seinem bessern Schicksale freizugeben , fehlte es mitunter nicht an Augenblicken , wo alle jene düstern Bilder gleich Gespenstern vor der aufgehenden Sonne zurückflohen , wo ihre Liebe mit einemmal wieder indem heitersten Lichte vor ihr stand und eine Vereinigung mit Nolten ihr , allen Orakeln der Welt zum Trotze , notwendiger , natürlicher , harmloser deuchte , als jemals . Mit Entzücken ergriff sie dann eilig die Feder , dem teuren Freund ein liebevolles Wort zu senden , und sich im Schreiben gleichsam selbst des überglücklichen Bewußtseins zu versichern , daß sie und Nolten ewig unzertrennlich seien . In solchen Stimmungen mochte sie auch Ottos Gegenwart nicht ungern leiden , sie behandelte ihn noch immer mit einiger Zurückhaltung und hatte auch diese schon halb überwunden ; nur als der Vater gelegentlich dem Vetter , der die Mandoline fertig spielte , den Vorschlag machte , das Bäschen in die Lehre zu nehmen , ward sie einigermaßen verlegen und zauderte , wiewohl sie den Wunsch früher selbst geäußert hatte und noch jetzt in gewisser Hinsicht Lust dazu empfand . Auf das freundlichste Zureden Ottos entschloß sie sich wirklich , und sogleich wurde die Probe gemacht , die denn auch ganz munter vonstatten ging ; Agnes bewies den größten Eifer , denn es galt , den Geliebten später mit diesem neuen Talent zu überraschen , und das kleine Geheimnis machte sie glückselig . Aber dergleichen lichte Zwischenräume waren vorübergehend jene schwermütigen Zweifel kehrten nur um desto angstvoller zurück , und ein solcher alle Kraft der Seele anspannender Wechsel diente nur , eine Epoche vorzubereiten , worin die geistige Natur der Armen unter der Last einer schrecklichen Einbildung und eines unseligen Geheimnisses unterlag . Noch immer beobachtete Agnes das tiefste Stillschweigen über die Begebenheit im Walde , bloß im allgemeinen gab sich ihr Gram in lauten Klagen zu erkennen , wovon wir gleich anfangs ein Beispiel gegeben . Die musikalischen Lektionen wurden ausgesetzt und fingen wieder an , weil es der Vater verlangte , der in solchen Unterhaltungen eine willkommene Zerstreuung für seine Tochter sah . Diese zeigte nunmehr eine sonderbare stille Gleichgültigkeit , ließ mit sich anfangen , was man wollte , oder ging ihr lebloses träumerisches Wesen sprungweise in jene zweideutige Munterkeit über , wovon wir oben gesprochen . Der Alte sah es gern , wenn sie mit Otto sich lustig machte , nur stutzte er oft über die Ausgelassenheit , ja Keckheit seines Mädchens , wenn es nach beendigter Lektion an ein Spaßen , Lachen und Necken zwischen den jungen Leuten ging , wenn die Schülerin dem Lehrmeister blitzschnell in die Locken fuhr und auch wohl einen lebhaften Kuß auf die Stirne drückte , so daß Freund Otto selbst etwas verlegen ward und mit all seiner sonstigen Gewandtheit sich zum erstenmal ein wenig linkisch der reizenden Kusine gegenüber ausnahm . » Bist doch mein lieber Vetter « , lachte sie dann » was zierst du dich so närrisch ? Aber fürwahr , ich wollte , wir wären Brautleute ! mit dir könnt ich leben , du bist ganz darnach gemacht , daß man dich nicht zuviel und nicht zuwenig lieben kann ! « Diese und ähnliche Reden , so arglos sie auch hingeworfen waren , klangen dem Alten bedenklich , und vollends finden wir sein Erstaunen gerecht , als er einmal beim Weggehen Ottos , welcher Agnesen wie sonst auf der Schwelle die Hand gab , eine Träne in ihrem klaren Auge bemerkte . » Was soll doch das , mein Kind ? « fragte der Vater , nachdem sie allein waren , betroffen . » Nichts « , erwiderte sie mit einigem Erröten und drehte sich zur Seite ; » sein Anblick rührt mich oft