hätte trennen können , erschütterte mich unwillkührlich . Ich war bewegt , und zeigte es ihr . Sie sah mich mit ihrem stillen , festen Blicke an . » Ich wußte es wohl , « sagte sie , » daß Dir nichts begegnen würde . « » Bist Du so zuversichtlich ? « entgegnete ich , vielleicht ein wenig kühler als zuvor . » Ich bin es nur in einer Art , « versicherte sie mit abgewandtem Gesicht , indem sie , ohne weiter etwas hinzuzusetzen , an das kleine Hüttenfensterchen trat . Ich folgte ihr dahin . Das Gewitter zog immer tiefer abwärts . Die jenseitige Bergwand färbte sich schon wieder im röthlichen Licht der Abendsonne , ein feiner Sprühregen flimmerte silbern zwischen den Steinen . Eine Heerde weißer Ziegen und buntgefleckter Kühe zog einzeln und lautlos vorüber . Der junge Hirtenknabe folgte ihnen , sein Liedchen pfeifend . » Sieh , « rief Emma , mit einem Lächeln , das an Corregio und seine Bilderwelt erinnerte . » Sieh , wie schnell Gott den wilden Aufruhr gestillt hat . Die Sonnenlichter drüben gehen wie seine Friedensboten über die Berge . « Ich bemerkte , indem sie sprach , ein kleines silbernes Cruzifix , das sie sonst verborgen an einer Schnur um den Hals trägt , über ihre gefaltenen Hände herabhängen . Gewiß hatte sie , in der Angst ihrer Seele , ihre Zuflucht dazu genommen . Ein jeder hat seine Art , dachte ich , und ließ sie . Doch erwiederte ich : » Hier ist Ruhe und Ordnung , allein dort oben war es , als rolle der feurige Wagen des zornigen Gottes der Israeliten auf den Wolkenbergen hin , und schleudere seine Wetter auf die Erde . Nichts , « fuhr ich fort , » füllt meine Brust mit so heiligen Schauern göttlicher Erhabenheit , als die großen Erscheinungen der Natur . Das sind lebendige Symbole . Sie reden mit andern Zungen , als todte Bilder . « » Die Natur ist auch ein todtes Bild , « meinte sie , » ohne das Leben in dem Glauben des Christen . « Ich lächelte . Sie war ernst geworden . Zum erstenmale sah ich den Schatten einer Wolke auf ihrer Stirne . Sie sagte nichts . Aber es war ganz klar , ich hatte ihr wehe gethan . Es wird gewiß nie wieder geschehen . Aber da siehst Du , es sind immer nur Formen , die zwischen die Herzen treten . Das ist der Fluch der Menschheit ! Lebe wohl , Heinrich ! Was hilft so eine Ausflucht in die Weite ! Man muß doch wieder in die gezogenen Schranken zurück . Nun ! ich komme auch zurück . Bald bin ich wieder heimisch unter den Meinigen . - Den Meinigen ? Wer sind sie ? Man hat eine besondere Gewohnheitssprache , ohne viel darüber nachzudenken , angenommen , und damit die Begriffe gewaltig auf den Kopf gestellt . Aber ! Lebe wohl ! Lebe wohl ! Sophie an Elise Sie sollten mir ohne Worte und Gründe verzeihen , geliebte Elise , die Freude des Wiedersehens , hoffte ich , werde meine Vertheidigerin sein . Alles war vorbereitet zur Abreise . Ich sah schon in Gedanken Ihr liebes , gerührtes Lächeln , im Kampfe mit dem kleinen Rest von Empfindlichkeit , der mehr und mehr an der Wärme aufflammender Freundschaft wegschmolz . Das alles sind nur Gedankenbilder geworden . Ich werde Sie sehr lange nicht sehen ! Lassen Sie mich alle Empfindungen unterdrücken , die hierbei in mir laut werden . Schelten , urtheilen Sie auch nicht , ehe Sie es wissen , daß ich ein Opfer bringe , und dabei leide . Liebste Elise , die Abreise des jungen Paares hat die Mutter in einen Zustand versetzt , von dem nur diejenigen einen Begriff haben , welche diese merkwürdige , in allen ihren Eigenschaften so eigenthümliche Frau kennen . Vielen mag sie unzusammenhängend vorkommen , da sich im Gegentheil alles scheinbar Abweichende in einer Richtung bei ihr fortbewegt , und ein und dasselbe Ziel hat . Es ist Emma , Emma allein , welche die Saiten ihres Innern so oder so anschlägt . Der jedesmalige Ton hängt hiervon ab . Liebe zu dem Herzen ihres Herzens bedingt die ungestüme oder verhaltene Pulsschläge desselben . Wie die Aussenwelt hierauf einwirkt , oder sie diese , in der einzigen Lebensbeziehung , die sie kennt , umschaffen oder beherrschen will , das ist die einzige Aufgabe ihrer Gedanken und Empfindungen . Die Lösung derselben ist schwierig , sie giebt sie vielen Widersprüchen preis . Jetzt ist das geliebte Kind ihr entrissen . Ein Anderer übernimmt das Geschäft , für sie zu denken und zu handeln . Ein Dritter , nach ihrem Gefühl ein unberufener Dritter , bestimmt über das Wohl und Weh der Theuren . - Es ist nicht Trauer , nicht Schmerz - Selbstvernichtung , verzehrende Eifersucht , Verzweiflung ist es , die ihre hohl gewordene Brust zerreißt . Die Wahl der Tochter war nicht die ihrige . Alles widerstrebte ihren Wünschen in dem Manne , der auf unbegreifliche Weise den ruhigen Spiegel der Gefühle in Emma erschüttert , und aus dem verborgenen Grunde der fügsamsten Seele eine so starke und ausschließende Neigung heraufgelockt hat , daß hier nichts mehr zu unterdrücken war , sondern auf einer oder der andern Seite ein Opfer gebracht werden mußte . Die Mutter hat es gebracht . Aber , anders ist es mit dem Augenblick der Begeisterung , anders mit dem ruhig fortgehenden Leben ! Den ersten überfliegt der Gesammtmensch in uns , dem andern erliegt das Menschliche in jeder momentanen Steigerung empfundener Unbequemlichkeit . Die kluge Weltfrau hat an dem unerwünschten Geschick ihrer Tochter gedreht , geschoben und gehalten , was sie nur daran handhaben konnte , allein das Verschobene gleicht sich nicht aus . Sie erkennt das schärfer als Andere . Deshalb ist sie innerlich gebrochen , und kann nichts mit Haltung kommen sehen . Es gab einen