zu wählen , und trachtete nur ganz unmerklich dahin , daß es nie an Stoff dazu mangle . Den feinen Takt echter Geselligkeit hatte lange Gewohnheit ihr zur zweiten Natur gemacht , und jedermann fühlte sich in ihrem Hause frei und behaglich . Ernesto war der tägliche Gast desselben . Früher zog ihn heiterer Hang zu Geselligkeit dahin , später die Sorge um Gabrielen . Den Gedanken , auch auf Aurelien vortheilhaft zu wirken , den ihre Schönheit zuerst in ihm erregte , gab er auf , sobald er mit gewohntem Scharfblick sie und ihre Mutter durchschaute . Sein durchaus rechtliches Benehmen , sein heller Geist , seine Kenntnisse , vor allem die ihm eigne heitre Unterhaltungsgabe und sein fröhlicher , wenn auch zuweilen etwas kaustischer Witz erwarben ihm allgemeine Achtung und Liebe . Fast immer war er der von Allen gesuchte Mittelpunkt der Gesellschaft , um so mehr , da er bei seiner Genügsamkeit und strengen Mäßigkeit sich von jedermann unabhängig erhielt , und sich nie dahin bringen ließ , seiner Würde in etwas zu vergeben . Die Gräfin fühlte den ganzen Werth seiner Gegenwart in ihrem Kreise , und strebte auf alle Weise , sich solche zu erhalten , obgleich ihr dabei zuweilen etwas unheimlich zu Muthe wurde . Ernesto war beinah der einzige Mensch , der ihr imponirte , sie fühlte sich gezwungen , ihn zu ehren und sich , sobald er es ernstlich wollte , seinem Willen in manchen Dingen zu fügen . Deshalb wagte sie es auch nicht , ihm zu widersprechen , als er sich ziemlich eigenmächtig gewissermaaßen zu Gabrielens Vormund aufwarf . Die Gräfin mußte es ihm sogar Dank wissen , daß er es unternahm , den mannigfaltigen Unterricht zu leiten , welchen Gabriele zufolge des Willens ihres Vaters in der Stadt erhalten sollte , denn er entledigte sie dadurch einer großen Last , die sie übereilt sich aufgeladen hatte , ohne die dabei vorwaltenden Schwierigkeiten und Mühn gehörig zu bedenken . Sie bat ihn , nur vor allem die ersten Wochen eifrigst zu benutzen , in denen Gabrielens tiefe Trauer , welche diese nicht vor der bestimmten Zeit ablegen wollte , deren eigentliche Einführung in die Welt noch verzögerte , und überließ alles übrige recht gern seinem bessern Wissen und Wollen . Erwünschteres konnte für Gabrielen nichts geschehen , als daß sie Ernestos Führung übergeben ward , und von ihm geleitet begann ihr Leben bei der Tante sehr bald , sich beruhigend und erfreulich für sie zu ordnen . Bei der Gräfin und Aurelien brach der Tag wenigstens drei Stunden später an als bei ihr ; Toilette und Visiten raubten diesen Damen alle übrige Zeit vor der Mittagstafel , es konnte ihnen daher nicht einfallen , Gabrielens Lehrstunden und Uebungen zu unterbrechen , und diese behielt also die vollkommenste Muße für sie und für Ernesto , der jeden Morgen mehrere Stunden mit Zeichnen und im Gespräch bei ihr verweilte . Er sowohl , als die Lehrer , welche er für sie gewählt hatte , staunten nicht wenig bei der Entdeckung , welche Fortschritte Gabriele schon früher bei ihrer Mutter in alle dem gemacht hatte , was sie ihr von den ersten Anfangsgründen an lehren zu müssen geglaubt hatten , und mehrere von ihnen befanden sich wirklich mit dieser Schülerin in einiger Verlegenheit . Im gewöhnlichen Sinn des Wortes konnte Gabrielens Erziehung wirklich für mehr als vollendet gelten , aber die Gelegenheit zu fernern Fortschritten und Uebung im schon Erlernten war ihr zu willkommen , um sie nicht aufs beste zu benutzen . Uebrigens gewöhnte sie sich durch den Umgang mit ihren Lehrern immer mehr an den mit der Welt , und diese hingegen nahmen wieder recht gern den mühelos erworbenen Ruhm an , in unbegreiflich kurzer Zeit ihre Schülerin so weit gebracht zu haben . Mit allen lebte Gabriele in der vollkommensten gegenseitigen Zufriedenheit , außer mit ihrem Singmeister , einem sehr vorzüglichen Künstler , der aber von der neuen italienischen Methode bezaubert war . Er bestand darauf , ihre ungewöhnlich reine biegsame Stimme an alle die immer wiederkehrenden Verzierungen und Manieren zu gewöhnen , mit welchen jetzt manche unsrer berühmtesten Sänger und Sängerinnen auf Kosten der Melodie und des Ausdrucks ihren Gesang oft so überladen , daß der ursprüngliche Gedanke des Komponisten eigentlich ganz dabei zu Grunde geht und nur noch das Tempo und die Worte eine große Arie von der andern unterscheiden . Gabriele hingegen war von ihrer Mutter nach der ältern reinern Methode unterrichtet , sie suchte nur , den echten Sinn des Gesanges einfach , wahr und gefühlvoll so wiederzugeben , als der Meister , der ihn niederschrieb , ihn sich dachte , und wollte sich auf keine Weise zu jenen künstlichen Schnörkeleien bequemen . Dies gab Anlaß zu unzähligen ziemlich lebhaften Zwistigkeiten zwischen ihr und ihrem Lehrer , bei welchen aber Gabriele nie von ihrer Ueberzeugung abweichen wollte . Glauben Sie , sprach sie zu ihm , daß Gluck oder Mozart diese krausen Läufer , diese Vorschläge und Triller nicht hätten vorschreiben können und es auch nicht gethan haben würden , wenn sie sie für zweckmäßig hielten ? Niemanden fällt es je beim Vorlesen ein , sich an Göthen oder Schillern durch den eigenmächtigen Zusatz nur eines einzigen Wortes zu versündigen . Sollten die Meister der Tonkunst , die so klar ohne Worte zu uns zu sprechen wissen , daß wir sie deutlich verstehen , uns weniger heilig seyn ? Vergebens bekämpfte der Musikmeister diese Meinung seiner Schülerin mit allen nur ersinnlichen Gegengründen , keiner derselben schien ihr bedeutend genug , um ihre eigne Ueberzeugung umzustoßen . Ernesto war zufällig einmal Zeuge eines solchen Zwistes , und da der erzürnte Sänger ihn endlich zum Schiedsrichter aufrief , so erklärte dieser sich mit wenigen Einschränkungen für Gabrielen . Dies beendete wenigstens den Streit , aber der Lehrer seufzte doch jedesmal über den Eigensinn seiner sonst so gelehrigen Schülerin , wenn er gezwungen sich ihrem Willen fügen mußte . Eigensinnig ! So hatten auch die Tante und Aurelie sie