sie auf mich warf , sie zu fragen , ob sie allein reise . Ja , mein Herr , sagte sie , ich bin allein auf der Welt . - Wie ? Madame , Sie sollten ohne Eltern , ohne Bekannte sein ? - Das wollte ich eben nicht sagen , mein Herr . Eltern hab ' ich , und Bekannte genug ; aber keine Freunde . - Daran , fuhr ich fort , können Sie wohl unmöglich schuld sein . Sie haben eine Gestalt und gewiß auch ein Herz , denen sich viel vergeben läßt . Sie fühlte die Art von Vorwurf , den mein Kompliment verbarg , und ich machte mir einen guten Begriff von ihrer Erziehung . Sie öffnete gegen mich zwei himmlische Augen vom vollkommensten , reinsten Blau , durchsichtig und glänzend ; hierauf sagte sie mit edlem Tone : sie könne es einem Ehrenmanne , wie ich zu sein scheine , nicht verdenken , wenn er ein junges Mädchen , das er allein auf der Landstraße treffe , einigermaßen verdächtig halte : ihr sei das schon öfter entgegen gewesen ; aber ob sie gleich fremd sei , obgleich niemand das Recht habe , sie auszuforschen , so bitte sie doch zu glauben , daß die Absicht ihrer Reise mit der gewissenhaftesten Ehrbarkeit bestehen könne . Ursachen , von denen sie niemand Rechenschaft schuldig sei , nötigten sie , ihre Schmerzen in der Welt umherzuführen . Sie habe gefunden , daß die Gefahren , die man für ihr Geschlecht befürchte , nur eingebildet seien und daß die Ehre eines Weibes , selbst unter Straßenräubern , nur bei Schwäche des Herzens und der Grundsätze Gefahr laufe . Übrigens gehe sie nur zu Stunden und auf Wegen , wo sie sich sicher glaube , spreche nicht mit jedermann und verweile manchmal an schicklichen Orten , wo sie ihren Unterhalt erwerben könne durch Dienstleistung in der Art , wonach sie erzogen worden . Hier sank ihre Stimme , ihre Augenlider neigten sich , und ich sah einige Tränen ihre Wangen herabfallen . Ich versetzte darauf , daß ich keineswegs an ihrem guten Herkommen zweifle , so wenig als an einem achtungswerten Betragen . Ich bedaure sie nur , daß irgendeine Notwendigkeit sie zu dienen zwinge , da sie so wert scheine , Diener zu finden ; und daß ich , ungeachtet einer lebhaften Neugierde , nicht weiter in sie dringen wolle , vielmehr mich durch ihre nähere Bekanntschaft zu überzeugen wünsche , daß sie überall für ihren Ruf ebenso besorgt sei als für ihre Tugend . Diese Worte schienen sie abermals zu verletzen , denn sie antwortete : Namen und Vaterland verberge sie , eben um des Rufs willen , der denn doch am Ende meistenteils weniger Wirkliches als Mutmaßliches enthalte . Biete sie ihre Dienste an , so weise sie Zeugnisse der letzten Häuser vor , wo sie etwas geleistet habe , und verhehle nicht , daß sie über Vaterland und Familie nicht befragt sein wolle . Darauf bestimme man sich und stelle dem Himmel oder ihrem Worte die Unschuld ihres ganzen Lebens und ihre Redlichkeit anheim . « Äußerungen dieser Art ließen keine Geistesverwirrung bei der schönen Abenteurerin argwohnen . Herr von Revanne , der einen solchen Entschluß , in die Welt zu laufen , nicht gut begreifen konnte , vermutete nun , daß man sie vielleicht gegen ihre Neigung habe verheiraten wollen . Hernach fiel er darauf , ob es nicht etwa gar Verzweiflung aus Liebe sei ; und wunderlich genug , wie es aber mehr zu gehen pflegt , indem er ihr Liebe für einen andern zutraute , verliebte er sich selbst und fürchtete , sie möchte weiterreisen . Er konnte seine Augen nicht von dem schönen Gesicht wegwenden , das von einem grünen Halblichte verschönert war . Niemals zeigte , wenn es je Nymphen gab , auf den Rasen sich eine schönere hingestreckt ; und die etwas romanhafte Art dieser Zusammenkunft verbreitete einen Reiz , dem er nicht zu widerstehen vermochte . Ohne daher die Sache viel näher zu betrachten , bewog Herr von Revanne die schöne Unbekannte , sich nach dem Schlosse führen zu lassen . Sie macht keine Schwierigkeit , sie geht mit und zeigt sich als eine Person , der die große Welt bekannt ist . Man bringt Erfrischungen , welche sie annimmt , ohne falsche Höflichkeit und mit dem anmutigsten Dank . In Erwartung des Mittagessens zeigt man ihr das Haus . Sie bemerkt nur , was Auszeichnung verdient , es sei an Möbeln , Malereien , oder es betreffe die schickliche Einteilung der Zimmer . Sie findet eine Bibliothek , sie kennt die guten Bücher und spricht darüber mit Geschmack und Bescheidenheit . Kein Geschwätz , keine Verlegenheit . Bei Tafel ein ebenso edles und natürliches Betragen und den liebenswürdigsten Ton der Unterhaltung . So weit ist alles verständig in ihrem Gespräch , und ihr Charakter scheint so liebenswürdig wie ihre Person . Nach der Tafel machte sie ein kleiner mutwilliger Zug noch schöner , und indem sie sich an Fräulein Revanne mit einem Lächeln wendet , sagt sie : es sei ihr Brauch , ihr Mittagsmahl durch eine Arbeit zu bezahlen und , sooft es ihr an Geld fehle , Nähnadeln von den Wirtinnen zu verlangen . » Erlauben Sie « , fügte sie hinzu , » daß ich eine Blume auf einem Ihrer Stickrahmen lasse , damit Sie künftig bei deren Anblick der armen Unbekannten sich erinnern mögen . « Fräulein von Revanne versetzte darauf , daß es ihr sehr leid tue , keinen aufgezogenen Grund zu haben , und deshalb das Vergnügen , ihre Geschicklichkeit zu bewundern , entbehren müsse . Alsbald wendete die Pilgerin ihren Blick auf das Klavier . » So will ich denn « , sagte sie , » meine Schuld mit Windmünze abtragen , wie es auch ja sonst schon die Art umherstreifender Sänger war . « Sie versuchte das Instrument mit zwei oder drei Vorspielen , die eine sehr geübte Hand