und sie anzureden . VI Lange suchte er , der sonst so Gewandte , jetzt vergeblich nach einem Worte passender Annäherung . Er merkte , daß nicht nur in ihm allein , daß auch in Erna die Verwirrung stieg , mit der die Unmöglichkeit , ihm jetzt schicklicher Weise auszuweichen , sie erfüllte , und er schöpfte Ermunterung aus dieser Wahrnehmung , da selbst ihr Unwillen ihm schmeichelhafter war , als die bisherige stille Gleichgültigkeit mit der sie ihn übersah . Darf der Neffe einer Frau , welche Sie so kindlich verehrten , es wagen , Sie hier willkommen zu heißen ? sagte er endlich . Bei diesen Worten verdunkelte sich die Gluth auf Erna ' s Wangen . Ein tiefer Ernst gab ihren Zügen Ruhe , ihrer Haltung Würde . Warum beschwören Sie die abgeschiedenen Geister , Herr von Norbeck , antwortete sie , gönnen wir den Todten ihre Ruhe . Und sollte diese Ruhe durch eine ehrfurchtsvolle Erinnerung gestört werden ? erwiederte er . Vielleicht hab ich meine Tante während ihres Lebens nicht so gekannt und geschätzt , wie ihr seltner Werth es verdiente . Der Leichtsinn meiner früheren gedankenlosen Jugend , der mich blind für wahre Verdienste machte , ließ mich manches in dem trügerischen Lichte thörichter Verblendung wahrnehmen , was späterhin durch eine bessere Ueberzeugung und durch Reue mir ganz anders erschien . Daher wenn ich mit Wehmuth und Dankbarkeit der edlen Frau gedenke , deren Vortrefflichkeit ich zu spät einsah , um sie in ihrem ganzen Umfang noch auf Erden ehren zu können , und mich bestrebe , jetzt , wo sie nicht mehr Zeuge meines irrdischen Wandels seyn kann , ihn so zu führen , daß sie mit mir zufrieden seyn würde , wenn sie ihn beobachten könnte - sollte das nicht das würdigste Todtenopfer seyn , das ich ihren Manen zu bringen vermöchte ? Statt durch den sich entschuldigenden Sinn seiner Rede gerührt , und zu versöhnender Milde bewegt zu werden , fühlte sich Erna erbittert und empört , da sie ihn für einen Heuchler hielt . Denn was sie seit ihrem kurzen Aufenthalt in der Stadt bereits - theils zufällig , theils leise durch eignes Forschen veranlaßt - von ihm gehört hatte , stellte ihn nach dem allgemeinen Urtheil als einen entsetzlichen Wüstling dar , so früh schon verdorben , daß ihm nicht einmal eine Ahnung von Schuldlosigkeit , noch weniger das Andenken wahrer Herzensreinheit geblieben sei , und der - ewig in frivole Abentheuer und Intriguen verstrickt - sich voll frecher Spottlust und schadenfroher Verstellung eine jede Maske anzupassen wisse , die sich zur Befriedigung seiner momentanen Wünsche und Begierden eigne . Zwar sprach das Urtheil der Welt auch von seiner persönlichen Liebenswürdigkeit , und manchem großmüthigen , schönen Zug seines ursprünglich edlen , nur durch Ausschweifungen entweihten Charakters ließ man Gerechtigkeit widerfahren . Auch vertheidigten ihn viele , wenn er getadelt wurde , mit Eifer , da die Sittenlosigkeit eines jungen unverheiratheten Mannes in Bezug auf Frauen gewöhnlich von den meisten nicht so streng gerichtet wird , als sie es wohl sollte . Aber konnte seine Freigebigkeit , sein Muth , sein Frohsinn , der dem Leben stets die lachende Seite abgewann , wohl den Mangel jener höhern Tugenden in ihm ersetzen , die allein erst dem Menschen sittliche Würde geben ? - Seine individuelle Anmuth durfte , so meinte Erna , niemand zu seinem Vortheil bestechen , da diese die Gefahr seiner verderblichen Nähe nur vergrößern half . Er war in ihren Augen , was sie nicht ohne Schauder sich denken konnte : ein Mensch ohne Religion . Er selbst hatte ihr ja - sie bebte noch bei der Erinnerung jenes schrecklichen Augenblicks - mit kecker Dreistigkeit gesagt , daß er nichts glaube , nichts hoffe , und daß üppiger Lebensgenuß die einzige Tendenz seines Handelns , das einzige Prinzip seiner Moral sei . Diese Erfahrung , die ihr Gedächtnis nur allzutreu bewahrt hatte , verdunkelte noch den düstern Schatten , den sein Ruf in ihre Seele warf . Es machte daher auf ihr alle Heuchelei tief verachtendes Gemüth einen sehr misfälligen Eindruck , ihn die Sprache des Gefühls , der Erkenntnis und der Reue reden zu hören , da sie nach seinen ehemaligen Bekenntnissen dies Betragen nur für listige Verstellung hielt . In edlem Zorn erglühend fehlte der Nichtachtung , die sie in diesem Augenblick für ihn empfand , die Kälte , welche sonst gewöhnlich Geringschätzung zu charakterisiren pflegt , und mit bewegtem Busen und flammendem Auge sprach sie , indem sie aufstand : Ein Schauspieler von Ihrem Talent , Herr von Norbeck , sollte seine Rolle nur vor einem dankbaren Publicum recitiren . Der Beifall eines unbedeutenden Mädchens wie ich , würde Ihnen schon darum nicht gnügen , weil er nicht rauschend ist - und jener innere des Bewußtseyns , wenn er auch der Preis einer künstlerischen Darstellung seyn könnte - den achten ja , wie Sie mir früher gesagt haben , Leute von Welt und gutem Ton nicht . Sie wandte sich hierauf rasch von ihm ab , und setzte sich zum Spieltisch der * sischen Gesandtin , wo sie verweilte , bis es zur Abendtafel ging . VII Bitter , und im höchsten Grad aufgeregt war die Stimmung , in welcher Alexander ihr nachsah . Das Schonungslose , Auffallende ihrer brüsquen Entfernung beleidigte ihn fast noch mehr als die ihn herabwürdigende Bedeutung ihrer Worte , denn es stellte ihn seiner Meinung nach , vor der Welt blos , und er fühlte sich , voll Furcht , daß ein seine Eigenliebe so demüthigendes Benehmen von jedermann habe bemerkt werden können , eben so empfindlich am Heiligthum äußerer Ehre angegriffen , als tief im Innern gekränkt , durch das Unrecht , das sie ihm that . Indeß - dies letztere mußte er ihr wohl verzeihen , denn war er es nicht , der ihre zutrauensvolle Jugend durch Argwohn vergiftet , und den Glauben an Wahrheit , Güte und Treue in ihr erschüttert hatte ? O wie gern