niedern Bäume weit ins Land schauen konnte , oder an schwülen Nachmittagen die dunklen Wetterwolken über den Rand des Waldes langsam auf mich zukommen sah . « Rosa lachte wieder . Friedrich schwieg eine Weile unwillig still . Denn die Erinnerungen aus der Kindheit sind desto empfindlicher und verschämter , je tiefer und unverständlicher sie werden , und fürchten sich vor groß gewordenen , altklugen Menschen , die sich in ihr wunderbares Spielzeug nicht mehr zu finden wissen . Dann erzählte er weiter : » Ich weiß nicht , ob der Frühling mit seinen Zauberlichtern in diese Geschichten hineinspielte , oder ob sie den Lenz mit ihren rührenden Wunderscheinen überglänzten - aber Blumen , Wald und Wiesen erschienen mir damals anders und schöner . Es war , als hätten mir diese Bücher die goldnen Schlüssel zu den Wunderschätzen und der verborgenen Pracht der Natur gegeben . Mir war noch nie So fromm und fröhlich zumute gewesen . Selbst die ungeschickten Holzstiche dabei waren mir lieb , ja überaus wert . Ich erinnere mich noch jetzt mit Vergnügen , wie ich mich in das Bild , wo der Ritter Peter von seinen Eltern zieht , vertiefen konnte , wie ich mir den einen Berg im Hintergrunde mit Burgen , Wäldern , Städten und Morgenglanz ausschmückte , und in das Meer dahinter , aus wenigen groben Strichen bestehend , und die Wolken drüber , mit ganzer Seele hineinsegelte . Ja , ich glaube wahrhaftig , wenn einmal bei Gedichten Bilder sein sollen , so sind solche die besten . Jene feinern , sauberen Kupferstiche mit ihren modernen Gesichtern und ihrer , bis zum kleinsten Strauche , ausgeführten und festbegrenzten Umgebung verderben und beengen alle Einbildung , anstatt daß diese Holzstiche mit ihren verworrenen Strichen und unkenntlichen Gesichtern der Phantasie , ohne die doch niemand lesen sollte , einen frischen , unendlichen Spielraum eröffnen , ja sie gleichsam herausfordern . Alle diese Herrlichkeit dauerte nicht lange . Mein Hofmeister , ein aufgeklärter Mann , kam hinter meine heimlichen Studien und nahm mir die geliebten Bücher weg . Ich war untröstlich . Aber Gott sei Dank , das Wegnehmen kam zu spät . Meine Phantasie hatte auf den waldgrünen Bergen , unter den Wundern und Helden jener Geschichten gesunde , freie Luft genug eingesogen , um sich des Anfalls einer ganz nüchternen Welt zu erwehren . Ich bekam nun dafür Campes Kinderbibliothek . Da erfuhr ich denn , wie man Bohnen steckt , sich selber Regenschirme macht , wenn man etwa einmal , wie Robinson , auf eine wüste Insel verschlagen werden sollte , nebstbei mehrere zuckergebackene , edle Handlungen , einige Elternliebe und kindliche Liebe in Scharaden . Mitten aus dieser pädagogischen Fabrik schlugen mir einige kleine Lieder von Matthias Claudius rührend und lockend ans Herz . Sie sahen mich in meiner prosaischen Niedergeschlagenheit mit schlichten , ernsten , treuen Augen an , als wollten sie freundlich tröstend sagen : Lasset die Kleinen zu mir kommen ! Diese Blumen machten mir den farb- und geruchslosen , zur Menschheitssaat umgepflügten Boden , in welchen sie seltsam genug verpflanzt waren , einigermaßen heimatlich . Ich entsinne mich , daß ich in dieser Zeit verschiedene Plätze im Garten hatte , welche Hamburg , Braunschweig und Wandsbek vorstellten . Da eilte ich denn von einem zum andern und brachte dem guten Claudius , mit dem ich mich besonders gerne und lange unterhielt , immer viele Grüße mit . Es war damals mein größter , innigster Wunsch , ihn einmal in meinem Leben zu sehen . Bald aber machte eine neue Epoche , die entscheidende für mein ganzes Leben , dieser Spielerei ein Ende . Mein Hofmeister fing nämlich an , mir alle Sonntage aus der Leidensgeschichte Jesu vorzulesen . Ich hörte sehr aufmerksam zu . Bald wurde mir das periodische , immer wieder abgebrochene Vorlesen zu langweilig . Ich nahm das Buch und las es für mich ganz aus . Ich kann es nicht mit Worten beschreiben , was ich dabei empfand . Ich weinte aus Herzensgrunde , daß ich schluchzte . Mein ganzes Wesen war davon erfüllt und durchdrungen , und ich begriff nicht , wie mein Hofmeister und alle Leute im Hause , die doch das alles schon lange wußten , nicht ebenso gerührt waren und auf ihre alte Weise so ruhig fortleben konnten . « - Hier brach Friedrich plötzlich ab , denn er bemerkte , daß Rosa fest eingeschlafen war . Eine schmerzliche Unlust flog ihn bei diesem Anblicke an . Was tu ich hier , sagte er zu sich selber , als alles so still um ihn geworden war , sind das meine Entschlüsse , meine großen Hoffnungen und Erwartungen , von denen meine Seele so voll war , als ich ausreiste ? Was zerschlage ich den besten Teil meines Lebens in unnütze Abenteuer ohne allen Zweck , ohne alle rechte Tätigkeit ? Dieser Leontin , Faber und Rosa , sie werden mir doch ewig fremd bleiben . Auch zwischen diesen Menschen reisen meine eigentlichsten Gedanken und Empfindungen hindurch , wie ein Deutscher durch Frankreich . Sind dir denn die Flügel gebrochen , guter , mutiger Geist , der in die Welt hinausschaute , wie in sein angebornes Reich ? Das Auge hat in sich Raum genug für eine ganze Welt , und nun sollte es eine kleine Mädchenhand bedecken und zudrücken können ? - Der Eindruck , den Rosas Lachen während seiner Erzählung auf ihn gemacht hatte , war noch nicht vergangen . Sie schlummerte rückwärts auf ihren Arm gelehnt , ihr Busen , in den sich die dunklen Locken herabringelten , ging im Schlafe ruhig auf und nieder . So ruhte sie neben ihm in unbeschreiblicher Schönheit . Ihm fiel dabei ein Lied ein . Er stand auf und sang zur Gitarre : » Ich hab manch Lied geschrieben , Die Seele war voll Lust , Von treuem Tun und Lieben , Das Beste , was ich wußt . Was mir das Herz bewogen , Das sagte treu mein Mund