wo selbst die Flügel des Gedankens nicht hinreichen ? - welch ' eine Wehmuth , eine Ahnung quoll mir aus den Abendgerüchen des Waldes , den bethauten Pflanzen , aus der zarten Dämmerung , die schon durch die fernen Sträuche hervordrang , entgegen ! Ich hatte so manches Gespräch anknüpfen , Eduard über manches fragen wollen , aber ich war stumm , doch ohne mißvergnügt darüber zu sein . Eduard schien meine Gefühle zu theilen , doch , vielleicht mehr gewohnt mit Eindrücken zu spielen , suchte er sich und mich , auf eine angenehme Weise zu zerstreuen , und ich wußte es ihm Dank , denn ich kam gefaßter zu den Uebrigen zurück . Wir hatten von gleichgültigen Dingen gesprochen , und doch schien es , als hätte dieser Gang uns einander näher gebracht . Was ist das , Julie , was ohne Worte , die Seelen leise zusammen bindet ? hast Du es je erklären können ? Es ward Nacht , wir waren angekommen , und ohne Müdigkeit zu fühlen , war ich froh , allein zu sein . Die Bilder des Tages giengen lächelnd vor meiner Seele vorüber ; aber bald that es mir unbeschreiblich weh , daß ich mit Eduard nicht mehr gesprochen hatte . Ich wußte noch so wenig von ihm ; seine ganze Vergangenheit war todt für mich , seine Zukunft konnte uns leicht auf immer trennen , und ich lies die kurzen Augenblicke der Gegenwart unbenützt vorbei ! - Es schien mir in meiner Unruhe , als könnte diese schöne Gelegenheit nie wieder kommen , und doch beschloß ich sie wieder zu suchen . - Ich erwachte mit dem Tag , die Morgenröthe erschien mit ihrer Rosenstirn und ihren goldnen Füßen . Alles zog mich ins Freie ; und ich folgte gern . Wie verändert war alles ! Der Duft der Ahnung ruhte nicht mehr auf dem Thal , die Begeisterung hatte ihren Schleier aufgerollt , aber ein Glanz , ein Leben , eine Herrlichkeit schwebte über der Gegend , die ich nicht zu beschreiben vermag . Ich war wie von unsichtbaren Händen empor getragen , mein ganzes Wesen , war leichte , freie , süße Freude . Lange schwelgte ich auf der Höhe in reinem Luftstrohm , dann lies ich mich die Felsen herab , und stand nun da , in einsam lieblicher Wildniß . Vor mir wehte und wogte die Gegend in sichtbarem Aether ; Himmelswärme spielte um meine Wangen , Begeisterung küßte meine Seele , und frohe Schauer durchbebten mich . - Augenblicke voll unendlicher Seligkeit giengen mir vorüber ; dann kehrten meine Gedanken zur Erde zurück , ich fühlte mich angenehm beschränkt , meine Wünsche überflogen diese Höhen nicht ; ich hatte alles was ich wünschte - denn ich liebte . Da sah ich auf , und die schöne Gestalt die in meinem Herzen wohnte , stand lebendig vor mir . Nachdenkend , mit schönem Ausdruck , stand er auf der Höhe und bemerkte mich lange nicht . Endlich aber , wie von Zephirs getragen , kam er herab , leicht und glücklich über die gefährlichsten Stellen . Was soll ich Dir noch sagen , Julie ? - Dieser Morgen band meine Seele auf ewig an die seine . - Alles um uns her blühte schöner , ein zarter , heimlicher Sinn säuselte in jedem Lüftchen , das uns küßte . Das Herz war des Herzens gewiß , jedes unsrer Worte war voll Geist und Leben , ein hoher Genius trug alles weit über das Mittelmäßige empor . - Ich zwang mich nicht . Was mir ins Herz kam , das sagte , das that ich . Ach ! wie lange , wie innig hatte ich mich nach einem verwandten Wesen gesehnt , wie bitter mir die gestrige , verlorne Stunden vorgerückt - jetzt von der ganzen Natur zur Freude eingeladen , von allem Zwange fern , an seinem Arm , der heiß ersehnte Augenblick - denk ' Dir , was ich empfand ! Wir kommen wieder unter Menschen . Etwas Unnennbares hatte ihn an mich gefesselt , hielt ihn ganz an mich gebannt . Die gleichgültigste Kleinigkeit , wie erhielt sie durch seine Gegenwart ein besonderes , unbeschreibliches Interesse ! - in Allem was wir sprachen , lag ein geheimer Sinn , den der Scharfsinn des Andern immer leicht und glücklich zu finden wußte ; ein zufriedenes Lächeln war dann die Belohnung . - Ohne Geist , welche traurige Liebe ! Aber wenn das Auge von Begeisterung glänzt , und ein süßes Staunen über die Vorzüge des Geliebten die Seele erhebt , dann- Himmel ! o Entzückung ! O , Julie ! - die süße erfinderische Liebe ! - Eben kömmt Wilhelm , dessen Anhänglichkeit an mich sich nicht mindert , und immer stärker zu werden scheint , zu mir . Ich höre ihn hastig die Treppe herauf springen ; die Mutter hält ihn auf ; fragt , wo er die schönen Blumen her habe ? Gefunden , ruft er dreist und schnell , macht sich los und schlüpft zu mir herein . Er hält mir einen großen , mahlerisch schönen Rosenzweig , mit voll entfalteten und noch halb geschlossnen Blüthen entgegen , und aus der kleinen festgeschloßnen Hand zieht er ein feines Blatt Papier hervor , das in leicht geschriebenen Zügen , folgendes enthält : » Ein reizender Knabe spielt an meinem Garten . Sein Anblick erfreut mich ; ich finde Mittel ihn gesprächig zu machen , und erfahre , daß er in Amanda ' s Nähe lebt , daß er sie liebt- wie könnt ' er anders ? - Ich breche die schönsten Rosen meines Gartens ; wie ihr Duft umschwebt mich das Andenken an die schönsten Tage , aber wie ihr Stachel , verwundet mich der Zweifel , ob sie auch je wiederkehren ? - Bote der Liebe ! bringe sie der Gebieterin , und wenn ihr der Duft gefällt , wenn sie den Zweifel zu heben würdigte , vielleicht durch Dich - o !