Er . Die Natur befiehlt Ordnung , und besieht nur durch sie . Ich handle dieser Ordnung zuwider , wenn ich mich zu den Thieren erniedrige . Für sie mag Sinnlichkeit Zweck seyn - für mich kann sie nie etwas Anderes als Mittel werden . Ich . Lauter Extreme ! - Wer sagt dir : daß du dich zu den Thieren erniedrigen sollst ? - Liebe die Person , mit der du dich sinnlich verbindest , so ist der Unterschied , der dir so gewaltig am Herzen liegt , erwiesen . Er . Lieben ! - Wie kann ich sie lieben , wenn ich sie nicht achte ! - Wie kann ich sie achten und lieben und sie unglücklich machen wollen ? - Ich . Mache sie glücklich ! das hängt ja nur von dir ab . Er . Wollte Gott , daß es so wäre ! aber ich kann noch nicht heurathen . Ich . Also für das liebliche Ehestandsjoch sparst du dich , opferst die schönsten Jahre des Genusses einer Chimäre auf ? - Er . Immerhin ! mir ist diese Chimäre Wahrheit ! Ich . Hm ! - Was ist Wahrheit ! - Er . Alles , was den Menschen veredelt , ist menschliche Wahrheit . » Ich bleibe hier ! « - rief ich ärgerlich - » was du thun willst , hängt von dir ab . « » Was ich thun will « - antwortete er mit Festigkeit - » wirst du sehen . Ich habe deiner Tante versprochen , dich nicht zu verlassen . Ich halte es , aber ich rette mein Herz ! « - Zehntes Kapitel Der edle , vortrefliche Mensch ! wie rettete er es ! - Von nun an sah ich ihn nur des Morgens . Nachmittags , wenn ich nach ihm fragte , wußte Niemand , wo er war - aber des Abends kam er gewöhnlich todtmüde , und mit Schweiß bedeckt wieder zu Hause . Seit jenem Streite waren wir etwas gespannt , und ich hatte nicht den Muth , ihn zu fragen : wo er gewesen sey ? - aber die Neugier trieb mich , ihm eines Tages unbemerkt zu folgen . Wir waren schon weit von der Stadt , als ich ihm zwey halb nackte Kinder entgegenlaufen sah . Sie schrien laut vor Freuden , und das Eine ruhte nicht , bis er es auf den Arm nahm , während das Andre sich an seine Kleider hing , und so von ihm mit fortgezogen wurde . Sie gingen zu einem Hüttchen , wo ihm drey andere Kinder entgegen sprangen , und ihn laut jubelnd hinein führten . Ich war zweifelhaft , ob ich ihm folgen sollte , als er aus einer andern Thür heraustrat , einen Pflug anspannte , und auf das benachbarte Feld zog . Ich hatte mich hinter ein Gebüsch versteckt , und sah , wie er das Feld sehr ernsthaft auf und ab pflügte . Mit jeder Furche , die er zog , verschwand eine Falte von seiner Stirn , und wenn er nach dem Hüttchen blickte , so strahlte sein Gesicht von einer beynahe überirdischen Heiterkeit . » Ah ! doch wohl eine Liebschaft , « - dachte ich - » und wahrscheinlich eben so romantisch , wie er selbst . Das muß man doch ein wenig näher betrachten ! « - und so schlich ich unbemerkt zu dem Hüttchen . Ich fand einen abgezehrten Greis auf einem ziemlich reinlichen Lager . Er erzählte mir : daß sein Sohn - der Vater der fünf Kinder - auf einer Reise krank geworden , und daß seine Schwiegertochter ihrem Manne sogleich gefolgt sey , um seine Pflege zu übernehmen . » Jesus Maria ! « - rief er - » was wäre nun aus uns geworden , wenn Gott uns nicht einen Engel gesandt hätte ? - Ja , einen Engel ! denn er ist mehr als ein Mensch ! er hat übermenschliche Kräfte ! - mich trägt er wie ein Kind wohin er will , und was mein Sohn mit mehrern Arbeitern nicht bezwingen konnte , das ist ihm allein wie Kinderspiel . « » Sehen Sie ! sehen Sie ! « - fuhr er fort - » dort geht er und pflügt unsern Acker . Wenn meine Kinder nur erst wieder zurück sind ! sie werden ihn anbeten ! « » Ach ! wie mir so wohl geworden ist , daß ich es doch einen Menschen habe erzählen könne ! « Meine Augen wurden naß ; ich drückte dem Alten sprachlos die Hand ; ließ unvermerkt meine Börse auf dem Tische , und eilte , ohne auf das Feld wieder hinzublicken , in die Stadt . Eilftes Kapitel Die Marquise erwartete mich , aber ohngeachtet meine erste Empfindurg mich trieb , Heinrich zu fliehen , so war es mir dennoch unmöglich , diesen Abend ohne ihn zuzubringen , und um ihn nicht zu verfehlen , eilte ich sogleich auf sein Zimmer . Alles , was ich hier fand , überzeugte mich von seinem unabläßigen Streben nach Vervollkommnung . Seine Papiere verriethen ein so tiefes und ausgebreitetes Studium , daß ich jetzt sehr wohl begriff : warum er sich des Morgens vor jedem Besuche verleugnete . Endlich kam er , und ich sprang auf , um mich an seine Brust zu werfen . Aber es war etwas so Hohes , Ueberirdisches in seinem Wesen , daß meine Arme unwillkührlich sanken , und meine Knie sich beugten . Wer wüßte , was ich gethan haben würde , hätten mich nicht Schaam und Stolz aufrecht erhalten . Aber sie siegten und der Neid erwachte mit ihnen . Ich both ihm einen kalten guten Abend , entschuldigte mich , daß ich in seinen Papieren gekramt hätte , und eilte sehr übler Laune auf mein Zimmer . Hier bestürmten mich eine Menge unangenehmer Empfindungen , und die Marquise würde sich eben nicht geschmeichelt gefunden haben , wenn sie gewußt hätte , was mich so spät noch zu