also , wie es der anfängliche Wunsch des Herrn Stark gewesen war , seiner Liebe aus dem Wege zu gehen , wollt ' er jetzt dieser Liebe vielmehr entgegeneilen ; es war nichts als eine der Selbsttäuschungen , denen der junge Mann so sehr unterworfen war , wenn er sich am vorigen Abende zu einem so herrlichen Siege seiner Vernunft über seine Schwachheit Glück wünschte : denn gar nicht die Vernunft , sondern die Schwachheit , hatte gesiegt , und in dem Entschluss zur Trennung hatte die Hoffnung der Vereinigung versteckt gelegen . Seine vielen Thränen hatte inm weniger der Schmerz des Abschieds , als der heimliche Gedanke entlockt , dass sein Entwurf nicht vor aller Gefahr des Scheiterns gesichert seyn mögte ; wenigstens , wie es jetzt leider ! am Tage lag , wäre so ein Gedanke ganz nicht unvernünftig gewesen . - - Der Doctor , der die Gemüthslage des Herrn Stark , bis auf den Punct von der Witwe , durch und durch sah , kam jetzt in der Absicht zurück , ihm mit seinem guten Rathe zu dienen . - Es wandelte ihn einige Verachtung an , als er den Schwager , in armselig zusammengekrümmter Gestalt , auf dem zugeworfnen Coffer sitzend fand , wie er mit der einen Hand auf das Knie griff , und mit der andern das schwere , sorgenvolle Haupt unterstützte . Er sah wohl , dass so einem Manne sich der Rath unmöglich geben liesse , den er sich selbst , unter ähnlichen Umständen , in die er aber nie hätte gerathen können , ganz gewiss gegeben hätte ; nehmlich : einen Entwurf , mit dem es einmal so weit gediehen , trotz aller Unannehmlichkeiten lieber durchzusetzen , als schimpflicher Weise davon zurückzutreten . Für den Schwager , glaubte er , sei nichts anders zu thun , als dass er irgend eine erträgliche Wendung ausspüre , womit jener sich dem Vater , ohne zu grosse Beschämung , wieder anbieten könnte ; und diese Wendung schien ihm durch die grossmüthigen Geschenke des Vaters , gleichsam absichtlich , vorbereitet . Es war natürlich , dass das Herz des Sohnes davon gerührt werden musste , und eben so natürlich , dass diese Rührung das Verlangen erzeugte , einen so edeldenkenden Vater lieber nie verlassen zu dürfen . Wenn man dann dem Alten noch in dem Hauptpuncte willfahrte und sich geneigt zu einer Heirat erklärte ; so liess sich erwarten , dass dieser mit Freuden einschlagen , and dass er dem Sohne wohl gar seine Handlung , mit dem einzigen Vorbehalt der Geldgeschäfte , völlig abtreten würde . Herr Stark hörte diesen Entwurf , den ihm der Doctor mit aller möglichen Feinheit und Schonung vortrug , zwar nicht ohne Scham , aber doch mit Gelassenheit an ; nur bei dem Worte Heirat Stiess er auf einmal einen so mächtigen , so tief aus dem Herzen geschöpften Seufzer aus , dass der Doctor sogleich einen neuen Sorgenstein argwöhnte , der härter als alle übrigen , drücken müsse . Er liess jetzt , im Fortgange der Rede , ein Wörtchen von Madam Lyk und ihrer Liebenswürdigkeit fliessen ; - die Wirkung davon übertraf alle Erwartung : Herr Stark riss sich vom Coffer auf , floh in ein Fenster und entdeckte durch laute Thränen , wie weit es mit seinem Herzen schon müsse gediehen seyn . Jetzt ward nun guter Rath etwas theurer , und der Knoten verwickelte sich allzusehr , als dass der Doctor ihn auf der Stelle zu lösen gewusst hätte . - Um Zeit zu gewinnen , fiel er auf das Mittel : dass er sich , als Bruder und Arzt , für die Gesundheit des Schwagers besorgt stellte , ihn um seine Hand bat , und in seinem Pulse fieberhafte Bewegungen entdeckte . Herr Stark , als ob er schon sehnlich auf einen Vorwand , seine Reise aufzuschieben , gewartet hätte , ergriff dieses Wort des Doctors mit vielem Eifer ; er liess sogleich einen kleinen freiwilligen Frost über sich hinschaudern , setzte sich , wie ermattet , nieder , und versicherte , dass er wirklich seit einigen Tagen etwas Fieberhaftes verspüre . Der Doctor verschrieb ihm nun Arzeneien , die weder helfen noch schaden konnten ; und Herr Stark fing an , eines Flussfieberchens wegen , worüber die Familie sich nicht sonderlich beunruhigen durfte , das Zimmer zu hüten . XV. Was giebst du mir , wenn ich dir eine Entdeckung mache ? - sagte der Doctor , als er zu seiner Frau zurückkam . Lass hören ! - Vielleicht eine Gegenentdeckung . Der Bruder ist sterblich verliebt in die Lyk . - Die Lyk ist sterblich verliebt in den Bruder . - Ist ' s möglich ? - Und nun erfolgte von beiden Seiten eine Herzenserleichterung , die mit allen Holdseligkeiten ehelicher Vertraulichkeit gewürzt war . - Sie ist krank , sagte die Doctorinn , herzlich krank ; ich habe die Freundinn von ihr , die eben da war um dich zu ihr zu bitten , über alle Umstände befragt ; sie hat gestern Abend - und merke dir ' s wohl : weil eben der Bruder von ihr gegangen - - Der Bruder ? Da hat er Abschied genommen ! Natürlich ! - Sie hat , sagt mir die gute Freundinn , gar nicht aufhören können zu weinen ; die ganze Nacht hindurch hat sie kein Auge geschlossen ; alle Munterkeit , alle Esslust ist bei ihr fort ; - dazu hat sie Krämpfe - die schrecklichsten ! - Krämpfe ? Hm ! Kurz : das arme Weib steckt in Liebe bis über die Ohren . - Und nun bitt ' ich dich , Herzensmann : lass Essen und Alles seyn , und mach dass du hinkömmst , damit wir das Nähere erfahren ! Sie ist ohnehin nicht die stärkste , sagte der Doctor , der ein wenig ungläubig schien ; - sie ist dem Bruder ungemein viel Verbindlichkeit schuldig ; - sie hat ein dankbares Herz - Eben deswegen !