bei ihrer Tätigkeit in Bewegung setzt , so erkennen wir doch daraus nicht , was sie denkt und will . Werden wir deshalb leugnen , daß sie denkt und will ? — Aber ich weiß , wie wenig mit solchen Gleichnissen getan ist — Sie würden mich immer wieder nach dem logischen Beweis der gezogenen Parallele fragen und den müßte ich Ihnen schuldig bleiben ! “ Ernestine versank in tiefes Sinnen : „ Ich hätte es nie , für möglich gehalten , daß ein Mann wie Sie glauben könne ! “ „ Wenn Sie es hören wollen , so will ich Ihnen erzählen , wie der Glaube auch in mein Herz kam . — Ich war ein ungestümer Bursche , der aus dem frommen Kinderwahn heraustretend , aber mit einem lebhaften Gottesbedürfnis in der Brust auf wissenschaftlichem Wege sich den Gott beweisen wollte , an den er nicht mehr glauben konnte . In diesem falsch verstandenen Drange verfiel ich in jene naturphilosophische Richtung , auf welche die heutige Wissenschaft mit Verachtung zurückblickt , und zerarbeitete mich eine Zeit lang — um mich der Worte du Bois ’ zu bedienen — an den nie gelösten Rätseln des menschlichen Daseins und der Gottheit ! Dabei hatte ich ein warmes Herz und liebte die Meinen , besonders aber meine kleine Schwester Angelika mit Inbrunst . Eines Tages erkrankte das Kind lebensgefährlich und , da es an mir hing , wie an Keinem von der Familie , pflegte ich es lange Nächte hindurch mit brüderlicher Zärtlichkeit . Das Kind litt fürchterliche Schmerzen und in einer Nacht besonders zerriß mir sein Jammergeschrei Ohr und Herz . Wir — meine Mutter und ich — standen ratlos an seinem Bettchen und in mir wütete die Verzweiflung , gar nichts zur Erleichterung des süßen Geschöpfes tun zu können . Da faßte die Mutter die kleinen Hände Angelikas , faltete sie und sagte : „ Bete , mein Kind , bete einmal zu Gott , daß er Dir helfe , vielleicht erhört er Dich ! “ Und das Kind unterdrückte sein Schluchzen und sprach : „ Lieber Gott , nimm meine Schmerzen von mir ! “ — Ich aber , ich stürzte auf die Kniee und betete mit , ich wußte nicht was , ich wußte nicht zu wem — gleichviel ich betete in meiner Seelenangst . Ich hörte meine Mutter mit fester Stimme Amen sagen und Amen flüsterten meine Lippen , ich wußte es selbst kaum . Als das Kind geendet hatte , ward es plötzlich ruhig . Es blickte mit einem unbeschreiblichen Vertrauen zum Himmel , dann lächelte es uns an , legte sein Köpfchen an meine Brust und schlief ein — schlief zum ersten Mal nach sieben bang durchwachten Nächten . Ich lauschte seinem Atem , er ging leicht und regelmäßig . Nun überkam mich ein Gefühl , wie ich es nie empfunden , heiße Tränen stürzten mir aus den Augen ; eine Welt hätte ich in meiner Freude umschlingen mögen — nein , eine Welt war mir nicht genug , ich mußte noch einen Gott dazu haben . — Was soll ich sagen , wie es mit Worten erklären ? Gleich dem blindgeborenen Mädchen in der Dichtung , das zu sehen glaubte , als es liebte — geschah es mir , ich liebte jetzt diesen Gott , zu dem ich gebetet und , weil ich ihn liebte , darum sah ich ihn mit dem Herzen ! “ — Er hielt inne und beobachtete Ernestine , die teilnehmend zuhörte . „ Das ist das eigentliche Wesen des Glaubens , “ fuhr er fort . „ Keine Vernunft kann ihn geben noch nehmen . Was Philosophie und Naturforschung nicht lehrten , das lehrte mich ein einziger Augenblick der Angst . Den Gott , den ich im Gedankenflug durch Erd ’ und Himmel nicht fand , ich fand ihn am Bette eines Kindes ! Von nun an lernte ich mich bescheiden , von nun an ward ich erst ein exakter Physiolog . Ich zerrte nicht mehr die Grenzen meiner Wissenschaft auf ein phantastisches Gebiet hinüber , verfälschte nicht mehr die reine Anschauung der Natur mit metaphysischen Begriffen , sondern hielt mich streng an das Gegebene und dies trat nie in Widerspruch mit meinen Empfindungen ; denn vor der Ergründung der letzten Ursache alles Seins bleibt auch die Naturforschung stehen und sagt : „ Bis hierher und nicht weiter “ — da aber , wo mein Wissen aufhört — da beginnt mein Recht , zu glauben ! “ „ Sie sprechen schön , aber Sie überzeugen mich nicht , “ sagte Ernestine traurig . „ Ich sehe jetzt , daß Sie nicht durch Wort noch Beispiel , daß Sie nur durch das Schicksal zu heilen sind . Ich prophezeihe Ihnen aber , wenn je ein Augenblick der Verzweiflung über Sie kommt , wird auch in Ihnen jenes Gottesbedürfnis erwachen , dessen Sie sich jetzt schämen . Wäre es nicht so , dann könnte ich Sie nur beklagen , denn ein Weib , das nicht beten kann , ist ein Falter , der die Flügel verlor . Ja , ich behauptete stets , es gäbe kein Weib ohne Glauben , denn es gibt kein Weib ohne Furcht ! Die Furcht aber gebiert sich ihren Gott , sei es als eine strafende Gerechtigkeit oder als eine schützende Macht , bei der sie Zuflucht suchen kann , wenn jede Hilfe dahin ! Sollten Sie allein diese Ansicht Lügen strafen ? “ „ Ich hoff ' es , “ sprach Ernestine stolz . „ Ich bin keines von den schwachen Wesen , die in jedem Dunkel Verderben wittern . Klar sehe ich jedem sogenannten Schrecknis in die Augen , ich erkenne ja seinen natürlichen Zusammenhang . Ich fürchte nichts und brauche keinen Gott ! “ „ Sie fürchten nichts ? “ fragte Johannes von einem plötzlichen Gedanken ergriffen , „ auch — zum Beispiel — nicht den Tod ? “ „ Auch ihn nicht . Ich weiß ja , daß ich aus dem