ihre Einkäufe zu machen . Prüfend betrachteten sie die Früchte und suchten den Preis herunterzuhandeln . Die Bäuerinnen lockten , und wenn ihr Locken vergeblich geblieben war , schimpften sie . Und wenn ein Kauf abgeschlossen wurde , nahmen sie ihre Wage in die Hand , taten Gewichte in die eine Schale und die Früchte in die andre und priesen die Waren so lange , bis sie das Geld eingestrichen hatten . Hierauf überzählten sie die Münzen und betrachteten sie mit einem Ausdruck , als ob sie sagen wollten : verdienen , das ist fein . Aber diejenigen , die das Geld hergaben , hatten die Miene ängstlicher Genauigkeit , schienen in ihren Gedanken zu rechnen und , was ihnen auszugeben verstattet war , noch einmal zu überlegen . Was dabei so sonderbar war , Daniel bemerkte es immer deutlicher , war , daß sie gleichsam bis an die Grenze des ihnen wie von einem geheimnisvollen Gebieter gesteckten Bereichs gingen , und daß sie aussahen , als ob jenseits dieser Grenze das Verderben laure . Es war so viel Bedacht in der Art , wie die Pfennige hingereicht und so viel Siegerglück in der Art , wie sie genommen wurden , daß es rührend wirkte und all das Kleinleben sich plötzlich ungemein seltsam , seltsam gesetzesheilig darbot . In respektierten Formen , die nicht verschleiert waren , spielte es sich ab ; die Fülle störte nicht die Ordnung , die Worte verdunkelten nicht den Sinn . Da war die Ware , da war die Münze ; Regel und Richte gaben die Schalen der Wage . Die Früchte wanderten von Korb zu Korb , und Arme trugen sie nach Hause . Jeder holte sich nach seinem Bedarf und nach dem Maß seines Vermögens , jeder hielt sich in seiner Grenze . Und die Turmuhr schlug , und die Schatten wanderten um ein jedes Ding im Kreis . So war es heute , so war es schon vor vierhundert Jahren gewesen . So waren die Häuser dagestanden , mit denselben Fenstern , und aus den Fenstern hatten Menschen geblickt , mit sanften oder finstern Augen . Immer dasselbe Gesetz , immer derselbe Handel , immer die nämlichen Früchte , die zur nämlichen Zeit reif geworden waren . Spatzen zwitscherten unterm Kirchendach , Wolken zogen am Himmel , Wind lief durch die Gassen , das Herz der Welt schlug in seinem ewigen Rhythmus . Ist das nicht Therese Schimmelweis , die dort um die Ecke schleicht ? Wie alt , wie gebrechlich , wie gebeugt von Jahren und Sorgen ! Ihr Haar ist steingrau , ihr Gesicht wie Kalk . Sie ist ärmlich gekleidet und sieht die ihr Begegnenden nicht an . Nur auf die vollen Obstkörbe wirft sie einen Blick , der begehrlich ist und den Daniel hinter seinem Gitter mit schmerzlicher Verwunderung bemerkt . Und humpelt da nicht Frau Hadebusch einher ? Ist ihr Gesicht auch das einer abgefeimten Verbrecherin , in den Augen liegt es doch wie Panik und Schrecken . Sie hat keinen Halt als den Boden unter ihren Füßen , sie ist arm , eine verlorene , arme Seele . Da taucht Alfons Diruf auf , der sich längst ins Privatleben zurückgezogen hat und fett und finster seinen Morgenspaziergang gegen den Stadtgraben antritt . Und da geht der Schauspieler Edmund Hahn mit Erobererblicken , und auf seinem übernächtigen Gesicht drücken sich Krankheit und stumpfe Begierden aus . Und da kauft sich der Bildhauer Schwalbe heimlich ein paar Äpfel , die er zu Hause braten will , weil er sonst nichts Warmes zu essen hat . Und ist dies nicht Herr Carovius , der da trippelt , anzusehen wie ein irrender Geist , trübselig und matt ? Und es kommen Bettler , es kommen Reiche vorbei ; es kommen Geehrte , die man grüßt , und Verachtete , die man meidet ; es kommen Frohe und von Sorgen Beladene , es kommen Eilende und Zaudernde ; es kommen solche , die ihr Leben wie eine junge Braut umfassen , und solche , die heute noch sterben werden . Einer führt ein Kind an der Hand , einer ein Weib am Arm . Jene schleppen Lasten , und jene gehen aufrecht und frei . Den fordert das Gericht zum Zeugen , der andere sucht den Arzt zur Heilung . Der flieht vor häuslichem Unfrieden , der lächelt in Gedanken an ein Glück . Der hat seinen Geldbeutel verloren , der liest einen schicksalsvollen Brief . Der geht in die Kirche , um zu beten , jener ins Wirtshaus , um seinen Kummer zu betäuben . Der strahlt in der Erwartung guter Geschäfte , der ist niedergeschmettert , weil die Armut vor seiner Türe steht . Ein schönes Mädchen hat sich festtäglich geschmückt , ein Krüppel rastet unter einem Tor . Ein Knabe singt ein Lied , eine Matrone geht mit verweintem Gesicht . Der Bäcker trägt Brot vorbei , der Schuster Stiefel ; Soldaten ziehen zur Kaserne , Arbeiter kommen aus den Fabriken . Es ist Daniel , als sei ihm keiner fremd . Es ist ihm , als sei er in eines jeden Dasein enthalten . Auf seinem umgitterten Hochplatz ist er ihnen näher , als da er mitten unter ihnen gegangen ist . Der Wasserstrahl , den er spendet , ist wie Schicksal , das rinnt und sich im Becken sammelt . Aus der Quelle empor strömt es ihm wie ewige Weisheit zu , die Stunde wird zum Säkulum . Wie auch sonst die Menschen beschaffen sind , wenn er in ihre Augen sieht , ergreift es ihn mit überirdischem Gefühl . In allen Augen ist das Gleiche ; das gleiche Feuer , die gleiche Angst , das gleiche Bitten , die gleiche Einsamkeit , das gleiche Los , der gleiche Tod ; in allen ist Gottes Seele . Und er selbst spürt seine Einsamkeit nicht mehr , er spürt sich ausgeteilt ; sein Haß ist zerflattert wie Rauch . Was jetzt in Tönen webt , kommt aus