ich ' s Brucknerhaus absperren und ' s Netterl mit heimbringen ? Is dir ' s recht ? « Die Horneggerin zögerte mit der Antwort . » Mutter ! Weißt es nimmer ? Netterl ! hat er gsagt und hat mich angschaut im letzten Schnaufer . « » Aber Franzl ! Ich hab ja nix dagegen . Freilich ! Freilich ! Aber wenn ich nur wüßt - d ' Mali wird mich brauchen , Franzl - ganz ! « » Ganz und doppelt ! Da mußt a tüchtigs Weibsbild zur Hilf haben ! Die könnt mit ' m Netterl in mein Stübl auffiziehen . Ich leg mich auf ' n Heuboden , ' s Heu bin ich gwohnt . « Er wartete die Antwort nimmer ab . Als er den Hof betrat , läutete man zur Messe . Ein blauer Streif des Himmels schimmerte durch die Wolken . Noch war die Sonne nicht zusehen , doch fern im See war ein funkelndes Glanzband hingegossen über den grünen Spiegel . 20 In der Kruckenstube stand das Fenster offen . Die Frische des Morgens hauchte herein in den kleinen Raum , in dem die Stimme Kittys klang , eintönig und müde . Sie saß neben dem Lehnstuhl und las ihrem Vater aus seinem Lieblingsbuche vor - aus Kobells Wildanger : » In der Falzzeit ist der Auerhahn zuweilen sehr zerstreut , welches einige auch verrückt nennen , und manchmal kann man sich ihm am hellen Tage nähern und ihn mit aller Bequemlichkeit vom Baum schießen ; ob aber die Zerstreutheit so weit geht , daß er , wie Fälle erzählt werden , auch ohne zu falzen , nach einem Fehlschuß aushalte und gleichsam auch sich fleckeln lasse , darüber kann ich nicht urteilen ; bei den bayerischen Auerhähnen ist dergleichen meines Wissens nicht gebräuchlich . « Graf Egge lachte mit verzerrtem Mund . » Recht hat er ! Solchen Unsinn haben die Sonntagsjäger aufgebracht , die man hinauskarwatschen sollte aus Wald und Bergen . « Er scheuerte die rechte Hand an der Kante der Armlehne und spannte die Finger auseinander . Die ganze Zeit über , seit Kitty zu lesen begonnen , hatte Graf Egge immer mit dieser Hand zu schaffen ; bald befühlte er mit der Linken das Gelenk und kratzte ; bald schüttelte er die Hand , als wäre sie von Fliegen belästigt ; bald schob er sie unter die Wildschur , um sie gleich wieder hervorzuziehen , als wäre ihm die Wärme unbehaglich . » Was hast du , Papa ? Fühlst du Schmerzen an deiner Hand ? « » Schmerzen ? Ach , Unsinn ! Nur so ein komisches Jucken . Lies weiter ! « Kitty nahm das Buch wieder auf . Immer matter klang ihre Stimme , und die Buchstaben schwammen ihr vor den Augen , so daß sie häufig stockte . » Bist du müde , Geißlein ? « fragte Graf Egge endlich . » Nein , Papa ! « » Doch ! Ich hör ' es ! Lege das Buch weg und geh ein bißchen in die Luft hinaus . « » Laß mich bei dir bleiben ! « Graf Egge fühlte ihr Haupt an seiner Schulter , und wie ein Schimmer von Behagen ging es über seine zerfallenen Züge . » So bleibe ! Es ist mir auch lieber , ich hab ' dich bei mir . Aber das Buch leg ' weg ! Erzähl ' mir ein bißchen von deiner Reise ! Habt ihr Bekannte getroffen ? « Glühend flog es über Kittys bleiche Wangen . Durfte sie lügen ? Ihre Stimme zitterte . » In Ravello trafen wir mit Professor Werner zusammen . « » Wer ist das ? « » Ein Jugendfreund Tante Gundis . « » Was soll mich der interessieren ? Sonst habt ihr niemand gesehen ? « » Ja , Papa . In Professor Werners Begleitung war ein junger Künstler , der heuer in Berlin die goldene Medaille bekam . - Hans Forbeck - « Den Atem verhaltend , sah Kitty zu ihrem Vater auf . » Forbeck ? Forbeck ? « Graf Egge runzelte die Stirn , als hätte er Mühe sich zu besinnen . » Den Namen muß ich doch schon gehört haben ? « » Du kennst ihn auch ! « stammelte Kitty . » Im vergangenen Sommer trafst du ihn auf der Hochalm . Er hat dich gezeichnet . « » Ach so ? Der ? Ein schlanker , netter Kerl mit gescheiten Augen ? Den kenn ' ich freilich ! « Graf Egge nickte lächelnd vor sich hin . » Die Geschichte macht mir heut noch Vergnügen . Weiß er jetzt , wen er zeichnete ? Damals hielt er mich für einen richtigen Jäger und hat den Nagel auf den Kopf getroffen . Ja , Geiß , in dem steckt was ! Der hat einen Blick für das Echte . Und jetzt hat er die goldene Medaille bekommen ? Das bedeutet wohl für einen Künstler soviel wie für einen Jäger der Blattschuß auf den Tiger ? Was ? Na , das gönn ' ich ihm ! Er war damals Feuer und Flamme für meine Joppe , für mein ganzes Gestell und für meinen wuchtigen Raßkopf , wie er sagte ! « Graf Egge lachte . » Er ließ mir keine Ruh ' , ich mußte ihm sitzen . Und ich hab ' s auch gern getan . Ich sag ' dir , Geiß , er hat meinen Kopf aufs Blatt geschmissen , daß ich dachte : Herrgott , der zeichnet , wie ich schieße . Und denk ' dir : nach der Sitzung hat er mir einen Taler gegeben . Für so echt hat er mich genommen . Den Taler hab ' ich heut noch . Da drin liegt er im Kasten . Und er freut mich doppelt : weil er das einzige Geld ist , das ich verdiente in meinem Leben , und weil er mich an diesen prächtigen Jungen erinnert .