eine Stimme , und als hätte es nur dieses Anstoßes bedurft , so erhob sich von allen Seiten der Ruf : Nieder mit dem Götzenbilde ! Nieder mit den Götzendienern ! Jagt das fremde Pack zum Lande hinaus ! Weiter , weiter ! drängte der Freiherr . Im Begriffe , mich hieher zu Ihnen zu begeben , kam ich mit meinem Wagen durch Rothenfeld . Schon beim Einfahren in das Dorf sah ich , daß etwas Ungewöhnliches vor sich gehen müsse , und das wüste Durcheinander lärmender Stimmen zeigte mir den Weg . - Der Caplan hielt einen Augenblick inne , dann sagte er : Erlassen Sie es mir , Ihnen die Scene zu schildern , die ich auf dem Kirchhofe erleben mußte . Die Leute kannten sich nicht in ihrer Aufregung . Alt und Jung , Männer und Weiber waren über die beiden Unglücklichen hergefallen . Man machte ihnen die Flucht unmöglich , man steinigte sie buchstäblich , während die kräftigsten unter den Männern das Standbild zu Boden rissen und mit Aexten darauf einhieben . Das Flehen , der Angstschrei der beiden Gemarterten übertönten das Geschrei und Toben der Wüthenden . Aber war denn Niemand da , der Einhalt that ? fragte der Freiherr , athemlos vor zorniger Erregung . Wo war der Pfarrer ? Wo war Steinert ? Wo war der Justitiarius ? Und Sie selbst , Caplan .... Sie vergessen , Herr Baron , daß der unselige Vorfall sich nicht in Neudorf , sondern in Rothenfeld ereignete , daß der Pfarrer also nichts davon erfuhr , bis Alles vorüber war - und es wird ihm dies sicherlich das Erwünschteste gewesen sein . Steinert war über Land gefahren , und der Justitiarius , der sich unter den Besuchern der Kirche befunden hatte und gleich herzukam , hatte , wie ich , vollauf zu thun , die beiden Verwundeten .... Verwundet - die Unglücklichen sind verwundet ? Aber doch nicht ernstlich , es hat doch mit ihnen keine Gefahr , Caplan ? Der Caplan zuckte die Schultern . Die Verwundung des Kochs war unbedeutend , er ist völlig davon hergestellt . Mademoiselle Lise aber , die ein Steinwurf an die Schläfe traf - ist todt ! Der Geistliche hielt inne ; der Freiherr schloß unwillkürlich die Augen . Er sprach kein Wort . Die Hände auf dem Rücken ging er mit schwerem Schritte im Zimmer auf und nieder . Ein Mord , sagte er endlich tonlos , ein Mord an einem schwachen , wehrlosen Weibe - entsetzlich ! - Und die Herzogin - wie wird sie es vernehmen ? - Und wieder fing er an umherzuschreiten . Nach einer Weile hob der Caplan noch einmal an : Auch mich hatte ein Stein am Hinterkopfe verletzt .... Sie , Sie , mein Freund ? rief der Freiherr , in der Sorge um den altbewährten Lebensgenossen alles Andere vergessend und an den Geistlichen herantretend , dessen Hände er in lebhafter Bewegung ergriff . Darum also fiel mir Ihr übles Aussehen auf ; aber freilich solch einen Anlaß , solch einen Grund war ich mir nicht vermuthend . Und jetzt , wie fühlen Sie sich jetzt ? Denken Sie nicht an mich , sprach der Caplan , die Wunde war nicht schwer , und - fügte er mit seiner sanften Stimme begütigend hinzu - der sie mir schlug , des Hirten armer , schwachsinniger Bube , wußte in Wahrheit kaum , was er gethan hatte . Der Freiherr athmete schwer auf , drückte dem Geistlichen tief ergriffen die Hand und wandte sich ab . Es widerstand ihm , seine Erschütterung zu zeigen . Er trat an das Fenster , das auf den Markt hinaussah , aber er gewahrte nichts von dem , was draußen vor seinen Augen vorging . Er war einzig mit dem so eben Gehörten beschäftigt , ganz in seine Gedanken versunken . So verging eine geraume Zeit . Beide Männer hielten vor einander zurück , was doch ausgesprochen werden mußte , und beiden ward das Schweigen drückender , je länger es sich fortsetzte . Endlich raffte der Freiherr sich zusammen . Lassen Sie uns zu Ende kommen ! sagte er finster und gepreßt . Wie verlief die Sache , und wie verließen Sie die Dinge ? Es war , als ob der Unfall , den ich erlitten hatte , sie zur Besinnung brächte . Ein paar Frauen in meiner Nähe riefen meinen Namen , sprangen mir bei , versuchten mich zu schützen . Ich redete ihnen zu , verlangte ihre Hülfe für die Unglückliche , der Anblick der Sterbenden erschreckte die Sinnlosen und brachte einen Stillstand in ihre wilde Aufregung . Diesen benutzte der Justitiarius . Er nannte sie Verbrecher und verlangte die Auslieferung des Mörders . Sie hatten nicht daran gedacht , daß sie ein Verbrechen begangen , daß sie einen Mord verübt hatten ; sie schwankten , ob sie dieses Bewußtsein durch neue Unthat in sich übertäuben , ob sie sich durch neue Wildheit über ihr Erschrecken forthelfen oder sich aus Furcht zerstreuen sollten . Da haben Sie das Volk , rief der Freiherr mit bitterem Hohne , da haben Sie das Volk , dessen Menschenrechte man anerkennen , dem man Freiheit und Gleichheit zugestehen , dem man Antheil an der Regierung des Landes zuerkennen soll ! Rohe , wilde Bestien , nur durch Zwang zu bändigen , durch Strenge und Gewalt in den Schranken der Menschlichkeit zu erhalten ! - Das sind die Freiheitshelden , die jenseit des Rheines ihr Wesen getrieben haben - Kirchenschänder und Mörder ! Aber so wahr Gott lebt , ich denke es ihnen gründlich zu verleiden ! Ja , sagte der Caplan , sie bedürfen der Zucht , sie können der Führung , der Leitung nicht entbehren und werden dies jemals schwerlich können . Aber soll das Messer für die That einstehen , die man mit ihm verübt ? Soll die bildungslose Masse dafür einstehen , daß man also die freie Gleichberechtigung der Culte ausübt ? Soll ein armer , irregeleiteter