diesen Gedanken nicht immer schon mit sich herumgetragen ? hatte sich dieser Gedanke nicht selbst in den sonnigsten Augenblicken der Liebe wie ein düsterer Schatten zwischen ihn und die reizende Frau gestohlen ? Hatte er nicht , als der Name Oldenburg ' s zum ersten Male sein Ohr berührte , in diesem Manne , wie von einem Dämon getrieben , seinen Nebenbuhler erkannt ! Und mußte er sich nicht eingestehen , daß dieser Mann Alles besitze , in dem Herzen einer stolzen Frau eine heroische Leidenschaft zu entflammen ? Rang und Reichthum , eminente Gaben , den Muth des Ritters ohne Furcht und Tadel , und gerade genug vom Libertin , um ein Web , welches nicht ganz reinen Herzens ist , zu bestricken ? Und wie gut stand ihm sein Weltschmerz und die Duldermiene ? Sollte man , wenn man ihn hörte , nicht glauben , er werde nächstens in die Wüste gehen und sich von Heuschrecken nähren ? Jetzt wird er die Zigeunerin mit sich auf seine Solitüde nehmen , damit die Einsamkeit bis zu Melitta ' s Rückkehr etwas weniger einsam sei ! So wühlte sich Oswald geflissentlich tief und tiefer in die bittersten Empfindungen hinein . Er hatte ein dumpfes Gefühl davon , wie krank er war , wie abgehetzt und müde , wie unfähig , über sich selbst zur Klarheit zu kommen . Er wäre am liebsten gestorben , um all dem Wirrsal zu entfliehen , wie ein Schwimmer , wenn er fühlt , daß ihn die Kräfte verlassen , und weiß , daß keine Rettung mehr für ihn ist , sich in den Abgrund sinken läßt . Er drückte das Gesicht in seine Hände , um nichts mehr zu sehen und zu hören . Eine Hand , die sich auf seine Schulter legte , riß ihn aus seinem wirren Traum . Es war Oldenburg . Der Baron war allein . Das Feuer des Holzstoßes flammte nur noch auf Augenblicke empor und drohte zu verlöschen . Der Mond , über den graue Wolkenschleier zogen , flimmerte geisterhaft in dem dunklen Wasser des Sumpfes . Unheimlich zischelte und flüsterte der Wind in den langen Binsen des Ufers . Wo ist Czika ? fragte Oswald . Fort , erwiderte der Baron ; lassen Sie uns aufbrechen . Es ist spät . Wird sie nicht wieder kommen ? Ich weiß es nicht . Und Sie haben zugegeben , daß dies Kind , Ihr Kind , der Zigeunerin folgt in die weite Welt ! Was sollte ich thun ? Ist es nicht ihr Kind tausendmal mehr als meines ? hat sie es nicht mit Schmerzen geboren , es genährt und gepflegt und beschirmt alle diese Jahre , durch Regen und Sonnenschein , in Noth und Armuth , im wilden Wald , auf der offenen Landstraße ? Hat sie nicht für dies Kind gebettelt und gestohlen und vielleicht gethan , was noch schlimmer ist ? Was habe ich für mein Kind gethan , nichts - nichts , als seine Mutter vor den Augen eines vornehmen Pöbels wie einen verlaufenen Hund von mir verjagt , einer elenden Kokette zu Liebe ! Nein , nein ! ich habe kein Anrecht an diesem Kinde ! Während der Baron so sprach , stieß er mit dem Fuße die halb verkohlten Feuerbrände aus dem Holzstoß in den Sumpf , daß sie zischend verlöschten . Weshalb hat denn die braune Gräfin Sie aufgesucht ? weshalb Ihnen das Kind in die Hände gespielt ? weshalb dieses Rendezvous selbst herbeigeführt ? Sie wollte den Geliebten ihrer Jugend , den einzigen Mann , den sie vielleicht je geliebt hat , noch einmal sehen ; sie wollte ihm das Kind , sein Kind , in die Hände legen und zurücktauchen in ihre Waldesnacht . Aber sie kann ohne das Kind nicht leben und das Kind nicht ohne sie . So mußte ich denn Beide ziehen lassen . Aber weshalb nicht Beide mit nach Cona nehmen ? Soll ich den Falken an die Kette legen ? Der Falke fühlt sich nur wohl in dem unermeßlichen Aethermeer ; er stirbt in der dumpfen Stubenluft . Kommen Sie ! es ist für uns civilisirte Menschen die höchste Zeit , daß wir in ' s warme Bett kommen . Der Baron stieß den letzten Brand hinunter in ' s Wasser ; und wandte sich , zu gehen . Zwischen den hastig treibenden Wolken hervor blickte der Mond trübäugig in das schwarze Wasser des Sumpfes , und Oswald war es , als ob die langen Binsen , die am Rande wuchsen , flüsterten : hier ist kühle Ruh ' für alles Erdenleid . Neunundvierzigstes Capitel So ! aus der Verlegenheit wären wir glücklich ! sagte Albert , ein Packet Werthpapiere in eine voluminöse , abgetragene Brieftasche stopfend , die unter andern auch verschiedene Schreiben in kaufmännischer Hand enthielt , welche , obgleich die meisten darunter von nicht ganz neuem Datum , noch immer nicht beantwortet waren . Es ist doch Alles in Allem ein gutes kleines Frauenzimmer ; nicht übermäßig gescheit - aber das ist in diesem Falle nur eine Tugend mehr . Ich glaube wirklich , ich könnte meine Natur so weit verleugnen , die kleine Samariterin zu heirathen . Vielleicht führe ich gar nicht so schlecht dabei . Wer weiß ? am Ende steckt noch irgendwo in einem verborgenen Winkel meines Innern der Keim zu einem soliden Spießbürger , der nur der Wärme des häuslichen Heerdes bedarf , um sich glorreich zu entwickeln . Die Sache ist freilich , wie ich mich kenne , äußerst problematisch , aber so ganz und gar unmöglich ist sie denn doch nicht . Ich sehe mich schon im Geist an der Seite der kleinen Frau des Sonntags Nachmittags ehrsam durch die Felder wandern , das Lied der Spatzen und die Philippiken der treuen Ehehälfte gegen die steigende Unverschämtheit der Bäcker und Fleischer mit langen Ohren einsaugend , während vor uns her zwei junge Weltbürger watscheln , die eine flüchtige Aehnlichkeit mit einer mir sehr werthen Person haben