Diamantberg von einem Wunder , in welchem sich die Zustände und Bedürfnisse Heinrichs abspiegelten und in flüchtigen Regenbogenfarben ausstrahlten . Er glaubte diesen Diamantfels ureigen in seiner Menschenbrust begründet und angeboren , weil unvorbereitet und ungezwungen ein inniges und tiefes Gefühl der Gottheit ihn erfüllte , sobald er nur einen Blick an den Sternenhimmel warf oder Bedürfnis und Verwirrung ihn drängten . Er wußte oder bedachte aber nicht , daß das Angeborne eines Gedankens noch kein Beweis für dessen Erfüllung ist , sondern ein bloßes Ergebnis der langen Fortpflanzung in den Geschlechtsfolgen sein kann ; wie es denn wirklich sittliche oder unsittliche Eigenschaften gibt , welche sich unbestritten in einzelnen Familien wie in ganzen Stämmen fortpflanzen und oft ganz nah an das Gebiet der Ideen streifen , aber dennoch nicht unaustilgbar sind . Es ist wahrscheinlich , daß die angelsächsische Rasse nahezu lange genug frei gewesen ist , um das Freiheitsgefühl physisch angeboren zu besitzen , ohne es deswegen für alle Zukunft gesichert zu haben , während den Russen die Zusammenfassung und Verherrlichung der Nationalität in einer absoluten und despotischen Person und der daraus entspringende Unterwürfigkeitstrieb ebensowohl angeboren ist , ohne deswegen unsterblich zu sein . Da also beide , der Freiheitssinn sowohl wie das Untertanenbewußtsein , im Menschen angeboren vorkommen , so kann keines sich darauf berufen , um sich als die unbedingte Wahrheit darzustellen ; aber beide bestehen in der Tat um so kräftiger , als ihr Dasein eben die Frucht tausendjährigen Wachstumes ist . Wo nun der Fall eintritt , daß der Gegenstand eines angeborenen Glaubens und Fühlens , welches durch Jahrtausende sich im Blut überliefert , außer dieser körperlichen Welt sein soll , also gar nicht vorhanden ist , da spielt das erhabenste Trauer- und Lustspiel , wie es nur die ganze Menschheit mit allen , die je gelebt haben und leben , spielen kann und zu dessen Schauen es wirklicher Götter bedürfte , wenn nicht eben diese Menschheit aus der gleichen Gemütstiefe , aus welcher sie die große Tragikomödie dichtete , auch das volle Verständnis zum Selbstgenuß schöpfen könnte . Zahllos sind die Verschlingungen und Variationen des uralten Themas und erscheinen da am seltsamsten und merkwürdigsten , wo sie mit Bildung und Sinnigkeit verwebt sind . Weil Heinrich auf eine unberechtigte und willkürliche Weise an Gott glaubte , so machte er unter anderm auch allegorische Landschaften und geistreiche , magere Bäume ; denn wo der wundertätige Spiritualismus im Blute steckt , da muß er trotz Aufklärung und Protestation irgendwo heraustreten . Der Spiritualismus ist diejenige Arbeitsscheu , welche aus Mangel an Einsicht und Gleichgewicht der Erfahrungen und Überzeugungen hervorgeht und den Fleiß des wirklichen Lebens durch Wundertätigkeit ersetzen , aus Steinen Brot machen will , anstatt zu ackern , zu säen , das Wachstum der Ähren abzuwarten , zu schneiden , dreschen , mahlen und zu backen . Das Herausspinnen einer fingierten , künstlichen , allegorischen Welt aus der Erfindungskraft , mit Umgehung der guten Natur , ist eben nichts anderes als jene Arbeitsscheu ; und wenn Romantiker und Allegoristen aller Art den ganzen Tag schreiben , dichten , malen und operieren , so ist dies alles nur Trägheit gegenüber derjenigen Tätigkeit , welche nichts anderes ist als das notwendige und gesetzliche Wachstum der Dinge . Alles Schaffen aus dem Notwendigen und Wirklichen heraus ist Leben und Mühe , die sich , selbst verzehren , wie im Blühen das Vergehen schon herannaht ; dies Erblühen ist die wahre Arbeit und der wahre Fleiß ; sogar eine simple Rose muß vom Morgen bis zum Abend tapfer dabeisein mit ihrem ganzen Korpus und hat zum Lohne das Welken . Dafür ist sie aber eine wahrhaftige Rose gewesen . Es war so artig und bequem für Heinrich , daß er eine so lebendige Erfindungsgabe besaß , aus dem Nichts heraus fort und fort schaffen , zusammensetzen , binden und lösen konnte ! Wie schön , lieblich und mühelos war diese Tätigkeit , wie wenig ahnte er , daß sie nur ein übertünchtes Grab sei , das eine Welt umschloß , welche nie gewesen ist , nicht ist und nicht sein wird ! Wie wunderbar dünkte ihm die schöne Gottesgabe des vermeintlichen Ingeniums , und wie süß schmeckte das Wunder dem rationellen , aber dankbaren Gottgläubigen ! Er wußte sich nicht recht zu erklären und ging darüber hinweg , daß sein Freund Lys , wenn er nur einige Stunden in der Woche still und aufmerksam gemalt hatte , viel zufriedener und vergnügter schien , obgleich er ein arger Atheist war , als Heinrich , wenn er die ganze Woche komponiert und mit der Kohle gedichtet . Desto bescheiden wohlgefälliger nahm er die Achtung vieler jungen Deutschen hin , welche sein tiefsinniges Bestreben lobten und ihn für einen höchst respektablen Scholaren erklärten . Warum Heinrich nicht auf dem kürzesten Wege , durch das gute Beispiel Ferdinands , das ihm so nahe war , zur gesunden Wahrheit zurückkehrte , fand seinen Grund eben in der Verschiedenheit ihrer religiösen Einsichten . Der Holländer hatte ohne besondere Aufregungen abgeschlossen und war ruhig ; Heinrich griff ihn beständig an ; aber Ferdinand setzte ihm jene Art von Überlegenheit entgegen , welche nicht sowohl aus der Wahrheit als aus der Harmonie der Grundsätze mit dem übrigen Tun und Lassen entspringt , während Heinrich die Unruhe einer einzelnen , verfrühten oder verspäteten Überzeugung äußerte und sonderbarerweise , um dem Spotte , an welchen vielleicht niemand dachte , zuvorzukommen , Scharfsinn und Phantasie aufbot , Andersdenkende durch Witze in die Enge zu treiben . Wenn er vor Ferdinands hoher Kommission , vor der gemalten Bank der Spötter , stand , so lachte er den wunderlichen Käuzen ins Gesicht und freute sich über sie ; denn er hielt sich wegen seines Rationalismus , auf den er sich gutmütig viel zu gut tat , halb und halb von der Gesellschaft , bis ihn plötzlich die zornige Ahnung überkam , daß es auch auf ihn gemünzt wäre , und der gute Lys , welcher Heinrich wirklich liebte und wohl wußte