Wir waren vierundzwanzig Jahre alt vor dieser Stunde , du bist darin um sechzig Minuten , ich aber bin derweile um sechzig Jahre älter geworden . Ich habe vierundachtzig . - So sehen wir uns wieder ; ich habe es freilich nicht gedacht . « Konrad und Emma waren aufgestanden . Sie schmiegte sich scheu an den Geliebten und sagte leise : » Es ist ein armer Irrsinniger . « - » Nein , du schöne Emma « , sagte der Alte , » ich bin nicht irre . Dich habe ich geliebt , mein Zauber fiel auf dich , und ich hätte dich haben können , wäre es mir vergönnt gewesen , in Gottes Namen dir den roten Mund zu küssen , was der einzige Segen ist , womit schöne Minne erweckt wird . Statt dessen mußte ich nach dem Eibenzweige gehen und dem Schuhu seine Klause vor Wind und Wetter verwahren helfen . Nun , wie es gekommen ist , so mußte es kommen . Er hat die Braut , und ich habe den Tod davongetragen . « Konrad hatte immerfort starr in das Gesicht des Alten gesehen , um durch die Runzeln und Falten hindurch ein früheres Lineament des Jugendfreundes zu entdecken . Endlich stammelte er : » Ich beschwöre dich , Mensch , uns zu verkünden , wie diese Verwandlung hat zugehen können , damit uns nicht ein Schwindel faßt und zu schrecklichen Dingen treibt ! « » Wer Gott versucht und die Natur , über den stürzen Gesichte , an denen er rasch verwittert « , antwortete der Alte . » Dabei bleibt der Mensch , wenn er auch die Pflanzen wachsen sieht und die Reden der Vögel verstehen lernt , so einfältig wie zuvor , läßt sich von einer albernen Elster Fabeln von der Prinzessin und vom Kankerkönige aufbinden , und sieht Frauenschleier für Spinnweben an . Die Natur ist Hülle , kein Zauberwort streift sie von ihr ab , dich macht es nur zur grauen Fabel . « Er schlich langsam in die Waldgründe . Konrad wagte nicht , ihm zu folgen . Er leitete seine Emma aus dem Schatten der Bäume nach der heiteren Straße , wo das Licht in allen Farben um die Kronen der Stämme spielte . Noch einige Zeit lang hörten die Wanderer im Spessart hinter Felsen und dichten Baumgruppen zuweilen mit einer hohen und geisterhaften Stimme Reime sprechen , die dem einen wie Unsinn , dem anderen wie tiefe Weisheit klangen . Gingen sie dem Schalle nach , so fanden sie den Alten , der noch so wenige Jahre zählte , wie er , erloschenen Auges , die Hände auf die Kniee gestützt , starr in die Weite blickte und die Sprüche vor sich hinsagte , deren keiner aufbehalten geblieben ist . Nicht lange aber , so wurden sie nicht mehr gehört , und auch den Leichnam des Alten fand man nicht . Konrad freite seine Emma ; sie gebar ihm schöne Kinder und er lebte bis zu späten Jahren mit ihr in großer Freude und Lust . Sechstes Buch Walpurgisnacht bei Tage Erstes Kapitel Wache Träume Als der Jäger am Morgen nach seinem schönsten Tage im Heu erwachte , schmerzte ihn heftig sein Kopf . Denn man sei so verliebt , als man will , der Duft von frischem Heu nimmt den Kopf ein , und er hätte den Tod von der unvorsichtig gewählten Lagerstatt haben können . Anfangs zwar hatten die lieblichsten Träume von Lisbeth sein Hirn umgaukelt . Ihm träumte , ein Bauer trete mit einem verschlossenen Korbe zu ihm und sage , darin sei ein Geschenk , der Herr wisse wohl , von wem ? Nun öffnete er den Korb , und ein weißes Täubchen war darin mit purpurroten Füßchen und purpurrotem Schnabel . Er erstaunte über die Weiße und Schönheit des Tierchens und hatte seine große Freude daran . Wie wurde ihm aber , als das Tierchen sein rotes Schnäblein öffnete und zu ihm sprach : » Lisbeth schickt mich zu dir und läßt dir sagen - « die Taube redete aber nicht aus ; sie wurde ängstlich , flatterte scheu fort , und er bekümmerte sich im Traume darüber , daß er nicht zu erfahren bekam , was sein Mädchen ihm durch den zarten Boten hatte sagen lassen wollen . Nach diesem hatte er verworrene Gesichter und gegen Morgen eins , was ihm kaum noch wie ein Traum vorkam , es schien ihm Wirklichkeit zu sein , die in seine vom Heuduft umwölkten Sinne fiel . Es war ihm , als ob - oder vielmehr , es war in der Tat so . In einer anderen Ecke des Schoppens begann es sich zu rühren , und der Jäger sah , wie eine dunkele Gestalt sich reckte , er hörte , wie sie gähnte und darauf sprach : » Mein ' Treu , ich glaub ' , ' s ist halber sieb ' n. « Die Stimme war eine ihm ganz bekannte . Die Gestalt erhob sich , tastete umher und kam an den Ort , wo der Jäger lag , befangen von dem Dunste des Schoppens und unfähig , ein Glied zu bewegen , ängstlich starr unter der Last des Alps , der ihn drückte . - » Ei , was a wüster G ' sell « rief die Gestalt . » Hast nit heime finden können ? Bist ins Heu gekrochen ? Nun , schlaf aus , ich verstör ' dich nit weiter . « Mit diesen Worten entfernte sich die Gestalt . Der Jäger wollte : » Jochem ! « rufen , konnte aber keinen Laut aus der zusammengeschnürten Kehle bringen . So lag er noch eine Zeitlang . Endlich setzte sich das stockende Blut doch wieder gewaltsam in Bewegung , er konnte seine Arme und Füße regen . Hastig sprang er von dem gefährlichen Lager auf und eilte in das Freie , um Gottes reine Luft einzuatmen . Draußen pfiff ihm ein rauher Nordostwind entgegen . Ein brenzlichter Geruch