ich fand nach langem Darben jemand wieder , mit dem ich meine Sprache reden durfte . Ich habe beinahe zwei Jahre hindurch den Namen dieses Mannes getragen , und wer wird mir daher glauben , daß ich über seine frühere Geschichte , über seinen Charakter und seine Grundsätze nur Vermutungen zu geben weiß ? Das allein ist mir bekannt , daß ich durch ihn eine Zeitlang sehr elend geworden bin . Er war aus Franken gebürtig und von einem ehemaligen Jesuiten erzogen worden . Dieser Lehrer hatte ihm die ganze verschlagne Festigkeit seines Ordens zu eigen gemacht , und ihm in jungen Jahren schon den Grundsatz eingeimpft , daß der Zweck die Mittel heilige . Als Jüngling muß ihm etwas Schreckliches begegnet sein ; ich ahne , daß er eine Geliebte aus Unvorsichtigkeit getötet hat . Ein solches Mißgeschick mag auf den Menschen die zerstörendste Wirkung äußern . Denn ein Verbrechen läßt sich durch Reue und Buße sühnen , aber wo findet der Beruhigung , welcher als blindes Werkzeug geheimer , gräßlicher Mächte sein Teuerstes vernichtete ? Die Sonne geht einer so belasteten Seele unter , und Frostnacht breitet über sie erstarrende Schatten aus . Er hat mehrere Monate in Wäldern und Felsklüften , dem Wilde gleich , verlebt , wie er mir selbst gestand . Welche Gedanken da sich seiner bemächtigt , weiß nur der finstre Geist des Felsens und des Waldes . Als der große Ruf der Freiheit durch Deutschland erscholl , klammerte er sich an die Hoffnung eines einigen Vaterlandes an , und diese ward nun der Gott seines Busens . Seine tollkühne Tapferkeit im Kriege entsprang wohl aus dem Wunsche , zu sterben . Der Tod ward ihm nicht und auch das einige Vaterland blieb nach dem Frieden aus . Ein tiefer Haß gegen alles Bestehende , worin er nur das Hemmnis einer besseren Ordnung der Dinge erblickte , bemächtigte sich seiner , um so gefährlicher und hartnäckiger , als dieser Gesinnung jede Leidenschaftlichkeit abging . Viele sind in jenen Tagen gegen Fürsten und Machthaber stürmisch und drangvoll zu Felde gezogen , sie trugen das Panier ihrer Vorsätze im Antlitz ; Medon schien dagegen mit allen Einrichtungen der Gewalt zufrieden zu sein . Er gehörte zu den kalten Fanatikern . Diese vermögen , wenn die Umstände sie begünstigen , etwas auszurichten . Denn die Dinge , welche auf solchen Gefilden erstrebt werden , entstehen nicht durch die Begeistrung , sondern durch den Kalkül . Eine kurze Zeit hat er sich in dem damals aufkommenden geheimen Bundeswesen versucht . Wie diese unzulänglichen Intrigen nach Jahren entdeckt wurden und zum Schreck vieler , dem im öffentlichen Ansehen fest wurzelnden Manne das Gebäude seines künstlich - errungenen Zustandes zertrümmerten , ist in den Büchern unsrer Geschichten erzählt . Lange wirkte dieser Sturz im gesellschaftlichen Leben der großen Stadt nach ; niemand hielt sich im Verkehr mit andern mehr sicher . Ein Geist , wie Medon , mußte aber sehr bald einsehen , daß sich mit Studenten nichts durchsetzen läßt , und daß überhaupt Verschwörungen nie die Beschaffenheit der Dinge , sondern immer nur ihre Oberfläche , und auch diese meistens nur vorübergehend ändern . Er gab daher alles derartige Tun und Treiben auf , sagte sich von den Häuptern und Gliedern los , und folgte dem Strome , mit welchem zu schiffen jeder gute ruhige Bürger verpflichtet ist . Sein Name , seine Kenntnisse , seine Persönlichkeit führten ihn in vorteilhafter Art bei den Machthabern ein ; es dauerte nicht lange , so war der Grund zu der glänzenden Existenz gelegt , welche unser Autor beschrieben hat . Indem ich nun darangehen soll , die Fäden , welche das Gewebe seiner Handlungsweise zusammensetzen halfen , aufzudrehen , fehlen mir fast die Worte , um das Verhältnis von Kette und Einschlag richtig darzustellen . Ein Wahn , ein Irrstreben der schlimmsten Art entbehrt vielleicht schon seiner Natur nach der eigentlichen Gestalt , des dichten Zusammenhangs , welchen ihm die schildernde Feder gibt . Nur in Träumen und abgerissen - flatternden Momenten mag der so arg Fehlende sich seines Systems bewußt werden . Ich bitte daher den Schatten des Dahingegangenen zum voraus um Verzeihung , wenn die Armut der Sprache mich zu bestimmteren Ausdrücken zwingt , als wie sie der Sache eigentlich gemäß sind . In den Geschichten der Revolutionen , namentlich in denen der französischen wird zuweilen das Wort : Pessimismus , gebraucht . Es bedeutet das Streben der Faktionen , durch künstliche Hervorbringung eines allerschlechtesten Zustandes die Menschen in eine Wut zu stürzen , welche sie blindlings den Planen der Bösen zutreibt . Die Mittel , deren man sich bei diesem furchtbaren Verfahren bedient , sind mannigfaltig , jedoch laufen die meisten darauf hinaus , daß man entweder die Gegner zu unbedachten Schritten zu bringen weiß , oder selbst den Schein feindlicher Operationen erzeugt , oder durch gemachten Mangel der ersten Lebensbedürfnisse Kummer und Not unter die Menschen wirft . Ich weiß nicht anders mich auszudrücken , als : Medon hatte sich vorgesetzt , ein Pessimist in deutschem Sinne zu sein . Voll von dem ätzenden Gefühle , daß die öffentlichen Einrichtungen Deutschlands im Widerspruche mit einer schönen , freien , großen Entwicklung seien , hielt er dafür , daß der Weg zu einer Erneuung unsres Lebens durch das Labyrinth einer vollkommnen Anarchie gehe , und daß dahin nur eine Zersetzung aller moralischen Bande , welche uns zusammenhalten , die er aber für morsch ansah , führen könne . Ob er allein , von jeder Verbindung mit andern gesondert , in dieser entsetzlichen Täuschung einen abenteuerlichen Plan ausgesonnen hat , ob mehrere Teilnehmer einer solchen Verkehrtheit gewesen sind , ich weiß es nicht . So viel ist mir aber klar geworden , daß seine Ratschläge , seine Einwirkungen auf hochstehende Personen verwendet wurden , um unheilvolle Maßregeln hervorzubringen , welche unsre allerdings zweideutigen Verhältnisse in eine nur noch tiefere Zweideutigkeit und Halbheit senken sollten , Maßregeln , welche er mit großem Geschicke und vielem Scheine als nützliche , kluge