er erregen wollte , nicht theilen konnte . Auch Dübois ging trostlos umher . Der letzte Sprößling des Hauses Evremont ! seufzte er oft für sich ; Herr erhalte ihn , setzte er jedes Mal hinzu , indem er die gefalteten Hände flehend zum Himmel erhob . Jedes Zeitungsblatt erhöhte die peinliche Unruhe der Familie ; beinah ein jedes enthielt Nachrichten von Gefechten und Schlachten , und man wußte , St. Juliens Regiment focht in den meisten , und von ihm selbst gelangte keine Nachricht zu der trauernden Familie . Endlich war der Waffenstillstand geschlossen und es ließ sich voraussehen , daß der Friede auf denselben folgen würde , und zwar ein Friede , der Napoleons Macht nur noch höher heben und das unglückliche Deutschland noch tiefer niederdrücken mußte . Diese Ueberzeugung verbreitete eine schmerzliche Trauer über Deutschland , die auch der Graf empfand , aber die plötzlich gemildert wurde und der höchsten Freude im Kreise dieser Familie Raum gab , denn ein Paket von St. Julien traf ein und meldete nach allen überstandenen Gefahren , bis auf eine leichte Verwundung , seine vollkommene Gesundheit . Zugleich theilte er die Nachricht mit , daß er zum Obristen ernannt worden sei , beklagte aber , daß er in dieser unruhig bewegten Zeit noch nicht habe Mittel finden können , die Anerkennung des Namens Evremont zu bewirken . Sein Brief war im Taumel der Siegesfreude geschrieben , denn nur Frankreichs Ruhm und sein eigner , den er noch zu erreichen hoffte , hatten ihm vorgeschwebt , indem er schrieb ; und er dachte nicht daran , welchen schneidenden Gegensatz sein Gefühl zu der schmerzlichen Trauer seiner Freunde über ihr Vaterland bilden mußte . Die Frauen sahen über die Ausdrücke jugendlicher Begeisterung hinweg ; sie suchten in St. Juliens Briefen nichts , als Zeichen fortdauernder Liebe , zärtlicher Treue , und fühlten nach langer Zeit schmerzlichen Grams und zerstörender Angst Ruhe und Hoffnung im beseligten , zärtlich bewegten Herzen . Des Grafen Freude war nur in den ersten Augenblicken rein . Er fühlte es in den nächsten Minuten schmerzlich , daß Männer doch nur dann ganz in Liebe verbündet sein können , wenn ihre heiligsten Interessen dieselben sind , und er wünschte sehnlicher als je , St. Julien bewegen zu können , Frankreich zu verlassen und sich als Bürger deutscher Erde zu betrachten ; diese recht im Genusse des Sieges und des Ruhmes geschriebenen Briefe aber ließen ihn fürchten , daß der junge Mann schwer zu bewegen sein dürfte , eine Laufbahn aufzugeben , die seinem Ehrgeize so viele Befriedigung versprach . Man beantwortete St. Juliens Schreiben sogleich und der lang gestörte Briefwechsel wurde nun wieder regelmäßig fortgeführt . Noch war die Freude in allen Herzen lebendig , als der Graf von Neuem lächelnd die Bemerkung machte , daß der Mensch im Gefühle des hohen Glücks oder eines großen Unglücks zunächst an sich denkt , und daß dann alles andere , was er sein Höchstes und Heiligstes immerwährend genannt hat , in den Hintergrund tritt und nur erst wieder beachtet wird , wenn die Freude oder das Leid , welches uns persönlich trifft , durch Zeit und Gewohnheit gemildert wird . Der Graf in seinem milden Sinne fand diese Empfindungsweise menschlich und natürlich , und meinte , wir wären noch weit von schnöder Selbstsucht entfernt , wenn wir auch die ersten Augenblicke des Glücks oder des Kummers ungetheilt uns selbst widmeten , sobald wir nur dann wieder auch auf andere Menschen und ihre Schmerzen uns besännen . Sein Vetter aber , der Graf Robert , hatte mit strengerem Sinn oft gegen ihn den Ruhm der Spartanertugend bewundernd anerkannt und behauptet , ein ächter Sohn des Vaterlandes werde dessen Unglück und Erniedrigung auch im höchsten eigenen Glücke stets empfinden ; ja , er hatte behauptet , daß es für ihn gar kein Glück geben könne , das im Stande wäre , sein Herz so ganz zu erfüllen , daß er seines Vaterlandes nicht gedächte , und nun hielt der Graf einen Brief von ihm in der Hand , in dem er ihm mit dem höchsten Entzücken die Geburt eines Sohnes meldete und des trauernden Vaterlandes mit keiner Sylbe gedachte . Ja , man fühlte es diesem Schreiben an , daß alle übrigen Verhältnisse der Welt dem Herzen des Vaters gleichgültig schienen , der den neugebornen Sohn in seinen Armen hielt , und dessen zärtlich geliebte Gattin die Schmerzen und Gefahren der Geburt glücklick überstanden hatte . Der Graf fand diese reine , ungetheilte Freude natürlich , aber er nahm sich doch vor , seinen Vetter darauf aufmerksam zu machen , daß er nun nie mehr von der menschlichen Natur erwarten dürfe , als was er selbst geleistet habe . Auch der Obrist Thalheim hatte mit zitternder Hand dem Grafen sein Glück gemeldet , und er sowohl als der Graf Robert baten ihn , mit seiner Familie der Taufe des Neugebornen beizuwohnen , und diese Bitte verstärkte der Graf Robert dadurch , daß er seinem Oheim vorstellte , wichtige die Verwaltung der Güter betreffende Geschäfte machten eine mündliche Unterredung durchaus nothwendig . Der Graf theilte den Damen die empfangenen Nachrichten mit , und freudige Theilnahme bewegte Aller Herzen . Auf die Frage aber , ob sie ihn nach Hohenthal begleiten wollten , folgte ein ernstliches Bedenken . Die Gräfin bemerkte , daß es ihr schwer fallen würde , sich wieder allen neugierigen Fragen des Geistlichen und der Nachbaren auszusetzen , und Emilie sagte leise und erröthend , daß dann auch wieder der regelmäßige Briefwechsel , der kaum mit St. Julien eingeleitet wäre , gestört werden müsse , wenn man sich von Berlin , wohin nun alle Briefe gerichtet würden , entfernen wollte . Es wurde also bestimmt , daß nur der Graf allein nach Hohenthal reisen sollte , von den besten Wünschen der Zurückbleibenden begleitet . Er meldete seinem Vetter diesen Beschluß nebst dem Tage seiner Ankunft . Auf den dritten Tag nach dem Empfange dieses Briefes war die Abreise nach Hohenthal festgesetzt , und