Insofern es für einen Trost gehalten wird , Gefährten im Leiden zu haben , laß es dir - in Augenblicken , wo es dir etwa nicht so ganz lustig däuchten möchte , von einem hochangesehenen und weitberühmten Manne allen Griechen der gegenwärtigen und künftigen Zeit als ein einfältiger Strohkopf vorgeführt zu werden - zu einigem Troste dienen , daß der tapfre , weise und weltberühmte Befehlshaber und Geschichtschreiber des Rückzugs der zehntausend Griechen in seinen Sokratischen Denkwürdigkeiten mit deinem Freund Aristipp nicht glimpflicher zu Werke geht . Das Beste ist , daß beide bei denen , die dich und mich persönlich kennen , schwerlich in den Ruf großer Portraitmaler kommen werden . Das zweideutige Mährchen von der hohen Abkunft des Sohnes der edeln Periktione geht wirklich schon seit einiger Zeit unter seinen Verehrern herum , so wie unter den Athenern überhaupt ein heimliches Gemurmel , es dürfte ihm schwer fallen , zu beweisen , daß er der Sohn eines Attischen Bürgers sey . Welches von diesen beiden Gerüchten das andere erzeugt haben mag , ist ungewiß . War das letztere das ältere ; so begreift sich um so leichter , wie die Freunde Platons auf den Einfall kommen konnten , ihm einen Ursprung zu geben , der ihn mit den größten Männern der heroischen Zeit auf gleichen Fuß setzt . Speusipp erzählte das Mährchen , mit allen von dir erwähnten Umständen , in einem sehr religiösen Ton , wenn er mehr als Einen Zuhörer hat , und scherzte mit mir darüber sobald wir allein waren . Das Wahre an der Sache läßt sich leicht errathen , wenn man weiß , daß Ariston sehr wesentliche Ursachen hatte , die angesehene Familie seiner Braut und den goldlockigen Apollo , den er bei ihr überraschte , zu schonen ; nichts davon zu sagen , daß die Athener überhaupt ziemlich bequeme und urbane Ehemänner sind . Der Traum des Sokrates scheint seine Richtigkeit zu haben , und , wie mehrere Träume dieses außerordentlichen Mannes , mit seinem Dämonion in einerlei Fach zu gehören . Was du mir von Konon meldest , hat mich nicht befremdet , wiewohl man hier nichts von einem Bruch mit dem großen König wissen will , und von Konons Unternehmungen gegen die Inseln als einer mit Pharnabaz abgeschlossenen Sache spricht . Was man indessen täglich an allen öffentlichen Orten zu Athen hören kann , ist die hoffärtige und undankbare Art , wie unsre Kechenäer von ihrem Verhältniß gegen den Persischen Monarchen reden . Sie vermeinen ihm so wenig Dank schuldig zu seyn , daß er selbst vielmehr , wenn man ihnen glaubt , tief in ihrer Schuld ist , und noch viel zu thun hat , wofern er die von ihnen empfangene Wohlthat einigermaßen wett machen will . Denn , sagen sie , haben ihn nicht die Siege unsrer Flotten von seinem furchtbarsten Feinde befreit ? Würde nicht Agesilaus108 jetzt vor Susa109 stehen , wenn Konon die Spartanische Seemacht nicht bei Knidus vernichtet hätte ? Es war des Königs Interesse sich um unsre Freundschaft zu bewerben , und sie gegen die Spartaner zu benutzen ; das unsrige ist , den günstigen Augenblick , da die Spartaner uns nicht daran hindern können , zu Befreiung der Ionischen Colonien , unsrer Freunde , und zu Wiedererlangung der uns gebührenden Hegemonie110 anzuwenden . Der König muß uns selbst dazu verhelfen ; oder er ist der undankbarste aller Menschen . - Du wirst die Athener an dieser überhin fahrenden , raschen und einseitigen Art zu räsoniren leicht erkennen , mit welcher ihre Art zu handeln völlig aus Einem Stück ist . Nie haben sie es der Mühe werth gehalten , sich an eines andern Platz zu stellen , und zu überlegen , in welchem Licht oder von welcher Seite er eine Sache sehen müsse . Und woher sollten sie die Geduld nehmen , einen Entwurf gelassen durchzudenken , die Mittel und Wege dazu in der Stille vorzubereiten , die Hindernisse vorsichtig wegzuräumen , und nicht eher zur wirklichen Ausführung zu schreiten , bis der Erfolg , gleich einer reifen Frucht , uns ohne große Mühe gleichsam von selbst in den Schooß fällt ? Ich zweifle nicht , daß sie auch dießmal , wie du vorher siehest , durch ihre unbesonnene Voreiligkeit der Spartanischen Klugheit einen unblutigen Sieg in die Hände spielen werden , dessen Folgen schwerer auf ihnen liegen dürften , als die zu Athen so hoch gepriesenen Siege Konons auf den Lacedämoniern . Daß deine Milesier weise genug sind , der Lockpfeife des Athenischen Vogelstellers kein Gehör zu geben , versichert dir , wie ich hoffe , noch auf lange Zeit die glückliche Ruhe , die du im Schooße der Musen und der übrigen freudengebenden Götter so gut zu genießen weißt . Mir ist zu Athen , wiewohl wir vor der Hand nichts zu befürchten haben , nicht selten zu Muthe , als ob ich in einem ohne Masten und Steuerruder auf einem unruhigen Meere herumtreibenden Schiffe hausete ; und je mehr ich den dermaligen Wohlstand meiner Vaterstadt mit dem heillosen Zustande der Athenischen Ochlokratie vergleiche , desto mehr Stärke gewinnt der geheime Hang , der uns immer , auch wenn es uns unter Fremden wohl geht , nach dem Orte zieht , wo wir uns eigentlich zu Hause fühlen , wo unsre angebornen ältesten Freunde leben , und die Erde selbst uns näher als anderswo verwandt zu seyn scheint , und etwas so anziehend Heimisches für uns hat , daß wir wenigstens unsre Asche mit keiner andern Erde zu vermischen wünschen . 30. Lais an Aristipp . Ich bin nun einmal , wie es scheint , dazu geboren , lieber Aristipp , eine sonderbare Rolle in der Welt zu spielen , und am Ende ist es auch so übel nicht , in seiner Art einzig zu seyn : aber daß ich in Gefahr kommen könnte , von den Söhnen des Hippokrates in das Register ihrer Heilmittel gesetzt und als ein unfehlbares Specificum gegen die Nympholepsie verschrieben zu werden , das hättest du