Mühe , die es ihn kostete , rechnete er zum Geschäft , sie war durch die Aussicht auf ein Vermögen von neunzigtausend Talern und sonstige Nebenvorteile reichlich aufgewogen ; in keinem Falle hätte ihm eine deutsche Professur ein so ergiebiges Einkommen gesichert . Dies ist freilich nur Erbschleicherei . Aber nun zur Anklage des Mordes ! Ich verstehe darunter keinen Mord mit Gift und Dolch , einen solchen traue ich Gleißert nicht zu , dazu ist er zu feige und zu klug , aber er bediente sich eines Giftes , welches , wenn es auch nicht so rasch wirkte wie Arsenik , doch den Vorteil hatte , daß kein Chemiker es nachweisen , kein Richter seinen Gebrauch bestrafen konnte : Er wollte den Leib durch den Geist vernichten ! Er wußte in Ihrer leidenschaftlichen Seele einen Ehrgeiz zu entfachen , den keine Anstrengung achtete , der in brennender Begierde , in fieberhafter Hast vorwärts strebte , unbekümmert , ob die physischen Kräfte Schritt halten könnten oder nicht . — O , der Plan war fein und dennoch gab es zwei gesunde Augen , die ihn durchschauten . — Es ist richtig , er stand nicht als strenger Schulmeister mit der Rute hinter Ihnen , Sie anzutreiben , er zwang Sie nicht , Ihre Nächte zu durchwachen und sich die einzige Erholung zu versagen , die Ihre zerrütteten Nerven stärken konnte , den Schlaf , aber er wußte dafür zu sorgen , daß Sie es freiwillig taten . Er sah Sie kränkeln und wollte es nicht bemerken . Er wollte Sie nicht umbringen , aber er drückte Ihnen das Gift in die Hand , womit Sie es selbst tun konnten , und als Ihre natürliche Lebenslust nach Hilfe verlangte , da verbot er Ihnen , den Arzt zu rufen , aus Furcht , dieser könnte Sie durch ein Gegengift retten ! So hat er Sie wissentlich , willentlich hinsiechen lassen — und nun schleppt er Sie nach Amerika , um Sie dort zu begraben ! Dies zur Begründung der Anklage auf physischen Mord ! Nun zu der des Seelenmordes : Ich sagte vorhin , Ihr Oheim habe Sie von der Welt abgesperrt , um sicher zu sein , daß Sie sich nicht verheirateten . Wodurch aber tat er das ? Dadurch , daß er Sie zu einem Gegenstand des Schreckens für die Gesellschaft machte und so diese von Ihnen abhielt ; daß er außerdem Ihr Gemüt verhärtete , damit sich kein Bedürfnis nach liebendem Verkehr in Ihnen rege . Beides vollbrachte er durch den Unglauben . Und wenn er kein Verbrechen an Ihnen verübt hätte als dieses allein , so wäre keine Strafe zu hart für ihn , keine Verachtung zu tief ! “ — „ Wenn das Alles ist , was Sie zu sagen haben , dann kann ich Ihnen nur erwidern , daß Sie sprechen wie ein Theologe , nicht wie ein Physiolog . “ sagte Ernestine vergebens bemüht , ihr Entsetzen zu verbergen : „ Möglich , daß Ihre übrigen Anklagen gegen Leuthold begründet sind , ich will darüber jetzt nicht entscheiden , diese aber ist es nicht , zum mindesten nicht in dem Grade , wie Sie es meinen . — Ja , er hat mir den Glauben genommen , — aber er hat ihn mir ersetzt durch jene Naturphilosophie , die das Endziel alles Denkens ist und in der allein der zweifelnde Geist Frieden finden kann ! “ „ O , des traurigen Irrtums , “ rief Johannes . „ Diese , hoffen Sie , könnte Ihnen den Glauben er ­ setzen ? Eine große Seele wie die Ihre sollte sich nur mit der Kenntnis der Gesetze begnügen , ohne Ihr Auge bewundernd zu der Kraft zu erheben , deren Ausdruck die Gesetze sind ? Verzeihen Sie , wenn ich als Theologe , oder besser , Teleologe spreche.105 Auch über diesen Punkt möchte ich mit Ihnen klar werden , bevor wir — scheiden ! Ich möchte Ihnen wenigstens Eines wiedergeben , das Ihnen Ihr Oheim geraubt , und das Ihr Frauen sonst stets vor uns voraus habt : Jene Fähigkeit , einen Himmel offen zu sehen , wo die Erde uns nicht genügt ! “ Ernestine starrte ihn in höchster Überraschung an : „ So sprechen Sie , Sie ein Mann der exakten Wissenschaft , die ja lehrt , wie alles Bestehende sich aus sich selbst entwickelt hat ? Was bleibt uns an diesem Gott , dem Sie das Wort reden zu wollen scheinen , noch zu bewundern übrig , wenn wir wissen , daß die Natur aus eigener Kraft alles getan ? “ Johannes schüttelte den Kopf . „ O , Ernestine , können wir denn nur an ihn glauben , wenn wir seinen Geist über den Wassern schweben und in sieben Tagen Himmel und Erde schaffen sehen ? Ich denke , diese grobsinnliche Anschauung haben wir von dem Wesen Gottes trennen gelernt ! — So allein können Glaube und Wissen Friede mit einander machen und ich leugne es nicht , ich gehöre zu den Wenigen , in deren Brust sie diesen Frieden geschlossen haben , wenn auch nicht ohne Kampf ! Ich kann meinem Glauben keine , konkrete Gestalt leihen , mir fehlt die Einfalt , mich mit einer aus menschlichen Eigenschaften und Verhältnissen abstrahierten Gottheit zu begnügen , aber der Drang , der meinen formlosen Gott schuf und inbrünstig festhält , dieser Drang ist mein Bürge . “ „ Das ist ein subjektives Gefühl , aber was beweist das ? “ „ Nichts ! “ sagte Johannes . „ Denn das Dasein eines Gottes läßt sich so wenig beweisen wie leugnen . Ich könnte sagen : Er verhält sich zur Welt wie die Seele zum Körper , auch die Seele können wir uns nicht in konkreter Gestalt vorstellen . Die Organe des Körpers arbeiten nach unwandelbaren Gesetzen , aber mit dieser gesetzmäßigen Arbeit stehen sie doch im Dienste der Seele und wenn wir noch so genau den Mechanismus nachweisen können , den sie