An der Tür flüsterte er mir zu : » Ich bringe Sie heut vor einen andern Richter . « Neuer Schreck . - Wer ist ' s ? - » ' s ist der Herr Oberrichter ! « An der langen grünen Tafel saß er , schwarz gekleidet , mit dem Rücken nach der Tür , durch welche ich eintrat , neben ihm der Protokollführer , sonst war niemand in dem großen Zimmer , es war ganz still ; ohne umzublicken wies er mit der Hand auf einen Sessel ; ich ging dahin , sah den Oberrichter und stand wie vom Schlage getroffen - es war Konstantin ! Er sah mich nur zuweilen mit halbem Blicke an , und inquirierte vortrefflich : als einstiger Jakobiner kennt er alle Gedankengänge , Pläne und Zustände sehr gut ; es war ein interessantes Verhör ! Der Stil , die Ausdrücke , die Wendungen , welche wir früher gemeinschaftlich aufgesucht , geübt , wurden jetzt gegen mich benützt ! Beim letzten Worte schellte er , und eh ' ich noch meinen Namen unterzeichnet hatte , war die Ordonnanz wieder im Gemache , und ich ward abgeführt . - Wir haben sonst nicht ein Wort miteinander gesprochen . Aber alle Leidenschaft und mit ihr alle Stärke war mit diesem Eindrucke wieder in mich eingekehrt : heute hört ' ich mit Begierde den Tritt der Ordonnanz , das Klopfen an meiner Tür , den Namensruf - o Zorn , du machst noch straffer und tüchtiger als die Liebe , darum sind die feindlichen Taten meisthin soviel gewaltiger . Heute empfing er mich in einem Vorderzimmer , das auf einen offenen Teil der Stadt sieht ; das Licht blendete mich , in der Ferne erblickte ich harmlos , freigehende Menschen , die Wintersonne in allem Glanze schien mir entgegen , ich hätte niedersinken mögen , bestürmt von dem plötzlichen Eindrucke , oder durch die Fensterscheibe springen im trunkenen Drange nach Freiheit . Er war allein und ging im Zimmer umher . Folgendes war seine Rede : » Es spricht heute nicht der Richter zu Ihnen , sondern der Jugendbekannte . Ich kenne Ihren Gedankengang und weiß , daß Sie sich in einem gewissen Stolze meiner überheben , da Sie der Unterdrückte vor mir stehen , welcher ich eben Gewalt und Macht über Sie habe ; daß Sie den Anfängen meiner Lebensgeschichte nach , die ich mit Ihnen gemeinschaftlich erlebt habe , glauben , diese meine jetzige Stellung könnte mit einer Unwürdigkeit meines sittlichen Menschen zusammenhängen , weil sie mit dem Beginn meiner damaligen Lebensansichten auf den ersten Anblick nicht harmoniert . Um einer solchen Folgerung zu widersprechen , welche Ihrem inneren Schicksale eine falsche Richtung geben und mich in eine falsche Position bringen könnte , will ich Ihnen mit zwei Worten meine Lebensentwicklung mitteilen . Warum ich dies auf so förmliche Weise und nicht im wiederangeschlagenen Tone unserer früher kordialen Bekanntschaft beginne , wird Ihnen erklärlich sein , wenn Sie bemerken , daß ich eben Persönliches aller Art der Form unterordne , wenn es sein muß , gewaltsam und schonungslos unterordne , daß ich eben in der Ansicht zu meinem jetzigen Punkte gekommen bin , die Form sei alles , sei die eigentliche Bildung , der losgelassene , seiner ganzen Innerlichkeit freigegebene Mensch sei ein ewiger Feind des Zusammenlebens . Als Jakobiner , als Vergötterer aller Revolution kam ich nach Paris und erkannte langsam , aber sicher , daß die Gesellschaft darin zugrunde gehen müsse , wenn jeder Regung des unbändigen Menschen Folge gegeben werde . Der erfindende Mensch , das Genie , ist wild und grausam , es entspricht dem reißenden Tiere , bei welchem sich ebenfalls die größte Potenz der Tierwelt , vorfindet , welches nur zum Nachteile seiner Umgebung lebt und überall auf den Tod verfolgt werden muß . Dagegen ist die Schranke erfunden , welche man Form nennt , und je eiserner diese ist , desto besser wirkt sie . Am äußersten Endpunkte der Revolution wird nichts gewonnen als ein anderer Herr , ein anderer Diener ; wenn ' s hoch kommt , ein gelinderes Verhältnis zwischen diesen . Ein Verhältnis also wieder , eine Form wieder , die just durch ihre Entstehung bedroht ist . Hat man früher die Heiligkeit der Form zerreißen dürfen , warum nicht später auch ? So wird die Auflösung geboren , und just der Wildheit ist das Tor geöffnet , weil sie im Erfinden am mächtigsten ist . Und halten Sie das gelindere Verhältnis für einen Gewinn ? Es führt zu nichts als zur Überhebung des Niedrigeren : weil er seltener und weniger zu gehorchen , Leichteres zu leisten habe , ist ihm jede Lösung und Nichtbeachtung um so näher gelegt . Erwarten Sie von der Masse die seine Sonderung des Erlaubten , weil Sie sein Verhältnis seiner gemacht ? Dann müßte die Roheit von der Erde weichen , und doch ist sie ein Urelement derselben . Dieses Hinaufexperimentieren bringt entweder immerwährenden Wechsel , da jeder Mensch einen Schritt weiter verlangt , als er gestellt ist , oder es bringt die Blasiertheit . Warum ? Die ganze Welt ist in großen Unterschieden begründet , sie sind erforderlich , damit wir einen Drang , ein Interesse haben ; wenn diese aufhören , dann beginnt die Öde . Dies war mein Los in Paris , und es ist das , was ich mein Lebtag nicht mehr verwinden werde ; denn mein Verstand hat sich zwar einen anderen Kreis , eine andere Existenz geschaffen , die in Schluß und Notwendigkeit fest begrenzt ist , aber mein Herz stammt aus der Geburt einer anderen Welt , weil meine Jugend revolutionär war , mein Herz ist verarmt , und wird nur durch künstliche Mittel aufrecht erhalten . Die Revolution hat mein Leben verschlungen ; mein Automatenschatten , der ißt und trinkt , küßt und spricht , lauft allein noch weiter - mißverstehen Sie mich nicht : mein Herz hängt nicht etwa noch an der Revolution , o nein , ach ich beneide