hinunterkriechen unter den Verschlag , wo das Holz liegt ... Der Mörder faßte sie dabei von hinten ... erwürgt ist sie ... darüber kann kein Zweifel sein ... alle Schränke und Kommoden in den Vorzimmern sind erbrochen ... ringsum liegen Papiere zerstreut und durchwühlt ... und wie bei einer completten Hexe sieht ' s aus ... ausgestopfte fürchterliche Vögel und Fußdecken von wilden Thierfellen und lange indianische Lanzen mit Pfeilspitzen und Köchern .... Die Milchfrau klingelte und klopfte heute früh , findet die Thür offen , geht hinein und sieht die alte Person auf dem Pflaster der Küche liegen , wie gesagt , gerade am Feuerherd . Keine Vermuthung auf den Mörder ? rief ein Chor von Hausbewohnern , der sich die Resultate der Thiebold ' schen Erkundigungen nicht entgehen lassen wollte und das Vorrecht der Wirthsleute , einzutreten , durch Nachdrängen mitbenutzt hatte . Ich hörte nichts ! ... sagte Thiebold . War sie denn ohne Bedienung - ? stotterte ein alter zum Tod erblaßter Garçon aus der Dachstube , der sich im Nachtkamisol sein Frühstück eben selbst geholt und die Milchkanne zitternd in der Hand hielt . Ihr letztes Mädchen , erzählte man , war schon vor Wochen abgezogen - sie wartete auf ein neues - die Person war berüchtigt , daß kein Dienstbote bei ihr länger als vier Wochen aushielt ... Erst in neuerer Zeit blieben manche etwas länger ... Das waren Mädchen , die aus den Klöstern oder von Vereinen geschickt wurden ... Da bei alledem dennoch die Frau Wirthin frisches Weißbrot , Milch und die im Keller aufbewahrte Butter brachte , so kam der Name der Hauptmännin von Buschbeck noch einmal an Benno ' s Ohr und jetzt erst war es ihm , als hätte er diesen doch kürzlich von jemand nennen hören ... Erst , wie die Wirthsfrau erzählte , die Frau wohnte dort oben schon seit sieben oder acht Jahren , wäre steinalt gewesen , nie mehr ausgegangen und schon von andern Städten wäre sie um ihrer Bosheit willen hierher gekommen ... und der , der sie umgebracht hätte , der müßte Bescheid gewußt haben ... erst wie das alles allmählich auf Benno einwirkte und ihm plötzlich die Erinnerung kam , daß er einen übel berüchtigten , leider mit seinem Principal , dem Procurator Nück , vertrauten Mann , einen gewissen Jodocus Hammaker , einen verdorbenen Advocaten , Winkelagenten und Makler verdächtiger Geschäfte zuweilen Abends von jener Stiege herabkommen gesehen hatte ... erst da fiel ihm ein : Auf jener Fahrt von St.-Wolfgang fragte ja Lucinde Schwarz nach einem solchen Namen und nannte ihn geradezu eine Schwester der Frau von Gülpen ! Benno stand so in Nachsinnen vertieft , daß er Thiebold ' s Bemerkung , eben käme der Assessor von Enckefuß mit einem Schreiber daher und ginge auf das Haus des Frevels zu und nähme wahrscheinlich das Protokoll auf , überhörte ... Die Grauengestalt jenes Hammaker verließ ihn nicht ... Und Frau von Gülpen ! ... Seine Empfindungen für die Freundin seines Adoptivonkels waren die dankbarsten ! ... Seine frühesten Knabenerinnerungen bewahrten der wunderlichen , an sich respectabeln Frau ein mannichfach verpflichtetes Andenken ! ... Seine frühesten Lebenseindrücke ... welche waren es denn ? ... Das lächelnde Antlitz einer schönen vornehmen Frau , die einst wie unter Harfenklängen und Engelstimmen und gerade wie selbst bei der grimmigsten Nordlandskälte sich die Kindheit in der geweihten Nacht um der duftenden Aepfel , Nüsse und Wachskerzen willen die sternenhellen , eisigen Lüfte draußen nur vom Lobgesang der Hirten und dem Flügelrauschen himmlischer Heerscharen erfüllt denkt , aus einer glänzenden Kutsche stieg , sich über ihn beugte und ihn küßte ... eine weite Reise dann , die sich ihm unter dem Bilde einer endlosen Reihe von Bäumen eingeprägt hatte , solchen , wie sie bei nürnberger Schäfereien krausköpfig von Holz geschnitten sind und ebenso rasch umfallen , wie die langen Schwadronen bleierner Soldaten ... das Blitzen dann der Epaulettes des französischen Offiziers Max von Asselyn , der ihn adoptirt hatte ... nicht , daß diese Epaulettes noch auf des Adoptivvaters Schultern saßen , sondern er spielte mit ihnen , mit den abgelegten , ausgedienten ... dann klangen ihm im Gedächtniß die dumpfen Glocken , die das Begräbniß Maxens von Asselyn bedeuteten ; den Sarg hatte er nicht gesehen , nur den vom Kirchhof zurückkehrenden Geistlichen , eine hohe mächtige Figur in weißem Ornat mit goldstarrendem Besatz , den Pfarrer Perl zu Borkenhagen ... dann tummelte er sich mit Hedemann auf dem Gehöft der Aeltern desselben , ritt nach Witoborn , Westerkamp und sah im Geiste immer die Leute aus der alten Ludgeri-Kapelle bei Stift Heiligenkreuz kommen mit Gesangbüchern , von denen sich , wie das so ist in unserm wunderlichen Vorrathshause , dem Gedächtnisse , gerade vorzugsweise der blitzende goldene Schnitt eingeprägt hatte ... auch die vierspännige Kutsche des Grafen Joseph von Dorste-Camphausen , des letzten seines Stammes , Vaters der Gräfin Paula , sah er oft ... dann wurde er in Pensionen gegeben , hierher an den schönen Strom , erst in die Residenz des Kirchenfürsten , dann unter Bonaventura ' s , des schon etwas Aelteren Aufsicht nach der nahe gelegenen Universität , wo er die Vorbereitungsschulen und dann die Hochschule selbst besuchte - alles das hatte der Dechant möglich gemacht und Frau von Gülpen spielte bei diesen Phantasmagorieen der Erinnerung die freundlichste und mütterlichste Rolle ... er wie Bonaventura wurden versorgt von ihr mit allem , was nur zu des Leibes Pflege und Nothdurft gehörte , Ausstattung an Wäsche und wohlwollenden Rathschlägen aus ihrem bekannten reichen Schatz medicinischer und diätetischer Erfahrungen ... Zwischen alles das aber hindurch hatte er nie von einer Schwester der Freundin seines Oheims gehört , nie nur den Namen früher nennen hören als zum ersten male durch Lucinden ... Und jetzt sollte dieser sich so grauenvoll in Erinnerung bringen ? Sollte in eine Verbindung treten mit dem stillen Frieden der Dechanei ? Sollte in jene leidenschaftslose , nur der Ruhe und dem Behagen gewidmete Welt die düstersten Schatten werfen