einer Wiese an der Bergseite gegenüber sah er zwei Männer mähen ; das Rauschen der Sensen hatte das scheue Tier stutzig gemacht , ohne daß es vor dem zu dieser Zeit gewohnten Tone floh . Diese Wiese war so nahe , daß ein Fehlschuß den Männern Gefahr bringen konnte . Er hielt das Gewehr unschlüssig in den Händen und blickte hinüber - da spannten sich auf einmal alle seine Muskeln und seine Augen traten hervor : der eine der beiden Mäher war der Fischer ! Er dachte nicht daran , welche jämmerliche Armut diesen Menschen getrieben haben mußte , um eines elenden Taglohnes willen sich in dieses abgelegene Tälchen zu wagen , während er in jedem Winkel der Gegend seinen schwergereizten Feind , nach dem er soeben noch geschossen , zu vermuten hatte - er dachte nur an seinen wiederholten Schwur , den ersten der drei gedungenen Verfolger , der ihm vor die Mündung kommen würde , zu bezahlen . » Hab ich dich , Mordhund ! « sagte er , die Lippen lautlos bewegend . Er legte das Gewehr wieder an und richtete es seitwärts von dem Hirsche , der noch immer gegen die Wiese hinab lauschte , gegen das in seinen Schuß gekommene Menschenwild . Es bedurfte eines leichten Drucks , und seine Rache war gekühlt , der Eid , zu dessen Sklaven er sich machen wollte , war eingelöst . Was hielt ihn zurück ? Er zog das Gewehr wieder an sich und blickte lange auf den Menschen , der so oft das feindliche Werkzeug gegen ihn abgegeben , der vor wenigen Stunden noch aus Haß und Geldgier seine Kugel auf ihn abgeschossen hatte . In diesem unbedeutenden Menschen sah er alle versammelt , die ihn gedrückt , die ihn aus dem Geleise gedrängt und endlich von der Bahn seiner rechtmäßigen Ansprüche hinabgestoßen hatten . Er sah die feige Unredlichkeit an der Tafel des Lebens schmausen und sich selbst in die Wildnis hinausgestoßen . Und waren die Unschuldigen , welche seiner rettungslosen Verzweiflung noch zum Opfer fallen sollten , von welchen einer bereits den Reigen begonnen hatte , waren sie nicht eines Schuldopfers wert ? Hier stand einer seiner Kugel preisgegeben , der sich über und über mit Schuld an ihm bedeckt hatte . Wenn der Weg des Verbrechens , wie auch der rohe und verworren denkende Mensch sich wünscht , durch den Gedanken der Rache an der ungerechten Gesellschaft eine gewisse Weihe erhalten sollte , so winkte ihm hier an der Pforte der Hölle eine Rachetat , bei welcher er sich , um Recht und Gerechtigkeit betrogen , so hoch berechtigt fühlte , Richter in eigener Sache zu sein , daß er sein neues Leben nicht besser einweihen zu können meinte . Warum zögerte sein Finger am Drücker ? Viermal zielte er , und viermal setzte er wieder ab . Der Mensch , wer er auch sei , trifft Stunden in seinem Leben , wo er tief in sich blicken kann und gewahr wird , daß eine Stimme des Wahnsinns in ihm schlummert , die zuzeiten erwacht . Es steht einer im Gebirge an einer jähen , schwindelnden Felsenwand , da taucht plötzlich die Stimme in ihm auf und sagt ihm : Spring da hinab . Oder er hat einen Freund bei sich , der ihm nie etwas zuleid getan , der sich ihm als feuerfest erwiesen hat ; die Stimme sagt : Gib ihm einen Stoß , daß er hinunter fliegt . Die menschliche Gesellschaft , die für ihren Bestand zu sorgen hat , macht mit Recht den Menschen verantwortlich , damit er dieser Stimme nicht gehorcht . Wer in seiner gesunden Kraft wandelt , der kämpft sie leicht nieder und lächelt über sie , wie der Mensch über die Sprünge seines tierischen Zerrbildes lächelt . Wo aber Leidenschaft , wo Haß und Rache die Stimme beflügeln , da wird der Kampf schwerer . Und doch wird jeder , der in den dunkelsten Stunden seines Lebens sein menschlich Teil gerettet oder verloren hat , Zeugnis geben , daß eine innere Bewegung mit der Gewalt einer unsichtbaren Macht eingegriffen und seiner Hand ein Halt geboten hat . Selbst im Kriege , besonders wenn der einzelne dem einzelnen gegenüber steht , wird es oft der mordgewohnten Hand schwer , einen neuen Mord zu begehen . Nur die Henker sind von jener inneren Macht so fürchterlich verlassen , daß sie mit kaltem Blute die Rache der Gesellschaft an einem rohen Verletzer einer rohen Ordnung vollziehen können . Und oft selbst diese nicht ! Kampf und Wut und Schrecken umnebelten den Geist des ausgestoßenen Sohnes der Gesellschaft , der sich vergebens beredete , daß er mit kaltem Blute in dem Kriege , welcher gegen ihn geführt wurde , seinen Feind niederschießen könne . Seine Rachegedanken waren ihm wüst und unklar durch die Seele gegangen ; sie schwanden hin , und gänzliche Verwirrung seiner Sinne blieb zurück , in welcher nichts von Haß und Rache , nichts von Bewußtsein mehr war , in welcher nur jene dunkle Stimme fort und fort flüsterte : » Tu ' s ! Tu ' s ! Du mußt es tun ! « Der Schuß krachte über das Tal hinüber , der Hirsch war mit einem Satze verschwunden , und der Rauch , der von dem Gewehr aufstieg , verhüllte den friedlich blauen Himmel einen Augenblick . Obgleich von oben nach unten versendet , hatte der Schuß nicht gefehlt . Der Mörder hörte und sah , während der Rauch sich verzog , wie sein Opfer aus der gebückten Stellung sich aufrichtete , die Hand auf den Unterleib drückte und ausrief : » Oh , du verfluchter Hund - er hat mich getroffen ! « Der Gefährte des Fischers eilte hinzu und riß ihn , noch erschrockener als der Getroffene , mit sich an den Weg hinab , auf welchem er , beständig den Kopf geduckt haltend , mit ihm fortrannte . Der Mörder schritt an seiner Bergseite weiter vor gegen das Tal hinaus und sah