auch dann kann unser Geist bewegt und erregt sein , wenn kluge , weltgestaltende Männer im Schweigen des Kabinetts mit der stillen Feder , oder der feinen gewinnenden Rede Bündnisse stiften , Provinzen erwerben , die Entschlüsse so leise vorbereiten , welche nachher den Erdkreis erschüttern und die Menschen in Staunen und Verwundrung setzen . Da wissen wir wohl bei uns die Gegner zu friedlicher Annäherung zu versammeln , Geheimnisse zu empfangen und zu bewahren . Aber wie wird es im Frieden , im gleichgültigen Gange des Alltags ? Statt der Heldentaten Manoeuvres , statt des regsamen Spiels seltner Kräfte ein stockendes Schleichen im Geleise trockner herkömmlicher Tätigkeit . Was soll denn nun die Frau beginnen , welcher die Kleinigkeiten nicht genügen , auf die wir dann einzig und allein angewiesen sind ? Da müßte sie etwa Dichterin , Schriftstellerin , Kunstkennerin werden . Aber wenn die arme Seele zu der Einsicht gelangt ist , daß die Lieder ihrer Schwestern am Parnaß nüchtern und dünn erklingen , daß die Bücher der Weiber aus den abgetragnen Gedanken der Männer bestehn , daß sie vor den Bildern und Statuen doch auch nur diesen bevorzugten Geschöpfen nachsprechen , wenn sie also zu allen derartigen Zeitvertreiben weder Lust noch Belieben trägt , womit wird sie dann ihre verlangende , glühende Brust ausfüllen ? Ich hatte nach dem Tode meines Vaters schlimme Tage auf dem Schlosse . Gute Menschen walteten dort , aber unsre Seelen waren zu verschieden . Der Herzog war früh gewissen Personen in die Hände gefallen , welche ihm die größten Vorstellungen von der Würde des Adels beigebracht und ihm die Heiligkeit der Pflicht , alles an die Herstellung dieses Standes zu setzen , eingeschärft hatten . Diese Begriffe regierten ihn mit unumschränkter Macht , er hatte für nichts andres Raum in sich . In den Militärdienst eines kleineren Staates eingetreten , war er rasch von Stufe zu Stufe gestiegen , hatte auch an einigen Vorfällen des großen Kampfs auf der deutschen Seite teilgenommen , aber ohne Liebe und Wärme für die Sache , welche ihn nur insofern interessierte , als er von ihrem Siege den Triumph der Aristokratie hoffte . Meine gute Schwägerin war in Paris erzogen worden , und hatte Deutschland erst nach dem Untergange unsres großen Feindes kennengelernt . Ich , voll von den Eindrücken einer unbeschreiblichen Zeit , mochte meinen nächsten Umgebungen wohl wie eine Närrin vorkommen , welche sich abmühte , Schattenbilder der Wirklichkeit unterzuschieben . Der ganze Enthusiasmus eines zwanzigjährigen Mädchens war eins geworden mit dem Enthusiasmus eines Volks , diesen Gewinn festzuhalten , das herrliche Gedächtnis mir nicht zu einem Traume verdämmern zu lassen , war die Aufgabe meines Lebens . Ich baute mir ein kleines Museum aus Erinnerungszeichen und Bildnissen der Feldherrn zusammen , sang meine lieben Schlacht - und Kampflieder am Fortepiano , steuerte von meinen schmalen Mitteln , soviel ich nur entbehren konnte , an die Vereine , welche sich überall zur Unterstützung der Invaliden gebildet hatten . Man stutzte , verstand mich nicht , lächelte über mich . Ich ließ mich das nicht anfechten . Aber freilich fühlte ich nur zu bald , daß ich mit dem , was mir das liebste war , mich in einer völligen Einsamkeit befinde , und dieses Bewußtsein fiel mit um so größerer Schwere auf mich , als es die nächsten waren , die es mir bereiteten , und als ich voraussah , daß bald mein ganzer Zustand in dem Hause , welches doch auch als mein Vaterhaus gelten sollte , unterhöhlt sein würde . Ich versank in eine Schwermut , die mich auch wohl zuweilen ungerecht gegen das Gute machte , welches mich umgab . Wenigstens muß ich jetzt über manches lächeln , was mich damals gegen die liebenswürdige Frau einnahm , mit der ich nun so verträglich leben kann . Sie hatte z.B. eine ängstliche Sorgfalt für ihre Gesundheit , scheute den Zug , den Tau , und was dergleichen mehr ist . Als ich mich einst hierüber im entgegengesetzten Sinne vernehmen ließ , stellte sie mir sehr beredt die Pflicht dar , welche jeder habe , auf solche Weise über sich zu wachen . Ich fand diese bewußte Ansicht von der Sache nur noch egoistischer und schwächlicher , und hatte doch unrecht . Denn wie verderben wir uns und andern durch üble Laune die Tage , und wie selten entspringt sie aus geistigen Ursachen , wie viel öfter aus kleinen Indispositionen , welche meistens durch Regime zu meiden wären ! Wie hindern oder zerstören Krankheiten das Glück ganzer Familien ! Was begünstigt überhaupt mehr die Entwicklung eines harmonischen Lebensgangs , als das leichte , reine Gefühl , welches nur die Blüte vollkommner körperlicher Wohlfahrt sein kann ? In jenen Stimmungen und Verstimmungen lernte ich nun Medon kennen , welcher auf das Schloß kam , mir die erste Nachricht von dem Auffinden der teuren Reste des erschlagnen Freundes zu überbringen . Es wird nicht von mir erwartet werden , daß ich die Geschichte unsrer Herzen , oder vielmehr des meinigen , denn das seine hatte leider keinen Anteil daran , novellistisch erzähle . Nur das muß ich sagen , daß die Herzogin unrecht hatte , wenn sie in ihrem Briefe behauptete , die Sympathie des Mißvergnügens habe uns zusammengeführt . Nein , es war etwas andres , etwas Höheres von meiner Seite . Medon gehörte zu den geistigen Ruinen , aber zu den mit aller Pracht üppiger Vegetation bewachsnen . Soll es denn einer arglosen Frau ewig verdacht werden , wenn sie der Duft und Glanz solcher Stauden und Blumen anzieht , wenn sie in ihrer Gutmütigkeit nicht zu ahnen vermag , daß unter diesen Reichtümern und Schönheiten der Abgrund laure ? Sein Name war mit Auszeichnung im Kriege genannt worden , das mußte ihm wohl zur Empfehlung bei mir gereichen , er brachte mir eine Nachricht , worin für mich ein trüber Trost über einen ungeheuren Verlust lag , wie konnte mein Herz noch einen Rückhalt gegen ihn haben ? Endlich ,